Bizarre Jammergestalten: die fünf Vogelscheuchen in „Farm Fatale“ protestieren gegen die Zerstörung der längst zerstörten Natur

© Martin Argyroglo

Kritik
08/31/2020

Das Ende ist nah, wenn die Vogelscheuchen ohne Job sind

Wiener Festwochen: Philippe Quesne berührt und begeistert mit seinem dystopischen Märchen „Farm Fatale“

von Thomas Trenkler

Angenommen, es gibt keine Vögel mehr. Dann sind die Vogelscheuchen ohne Job. Sie rotten sich also zusammen, werden Aktivisten, protestieren gegen die längst erfolgte Zerstörung der Natur. Und sie hängen den Erinnerungen nach: Sie lauschen verzückt den Aufnahmen mit Gezwitscher.

So beginnt ein dystopisches Märchen, das der französische Regisseur und Bühnenbildner Philippe Quesne unter dem Titel „Farm Fatale“ (statt „Animal Farm“) erzählt. Die eine Vogelscheuche, die weibliche, meint, es wäre die Nachtigall zu hören gewesen (und nicht die Lerche). Dann hört sie Amsel, Drossel, Fink und Star heraus, die ganze Vogelschar. Und eine der männlichen Vogelscheuchen stellt deprimiert fest, dass es komisch sei: Immer hätten sie die Vögel verscheucht – und jetzt würden sie diese vermissen.

Im März 2019 hatte „Farm Fatale“ in den Münchner Kammerspielen Premiere; noch bis 2. September ist die knapp eineinhalbstündige, enthusiastisch gefeierte Produktion als Gastspiel im Rahmen der Wiener Festwochen, coronabedingt „reframed“, im Museumsquartier zu sehen (in der Halle G).

Die Jammergestalten, bizarr und bunt eingekleidet, haben etwas von Untoten. Der einen steckt denn auch eine Axt im Schädel. Linkisch tapsen sie über die Bühne – und sie rudern mit den Armen wie weiland Herman Munster. Man denkt natürlich auch gleich an „Endspiel“ von Samuel Beckett.

Künstliche Welt

Russel, Sissi, Meat und Globy, ausgestattet mit kindlichen Verhaltensweisen, machen Musik – mit E-Gitarre, Bass, Synthesizer, Melodica und Glockenspiel. Sie senden ihre Botschaften hinaus in die Welt und werden tatsächlich gehört: Der Band schließt sich alsbald eine Scheuche namens Pécuchet an. Auf dem Strohballen, den er mit sich schleppt, steht „No Nature – No Future“.

Doch nichts ist mehr „natürlich“ in dieser artifiziellen Szenerie – und so gut wie alles aus Kunststoff, auch die Strohballen, der Prospekt, die Perücken, die Leuchtstifte und und und. Selbst die Henne, die zum Rhythmus wackelt – oder was immer das sackförmige Ding aus Kunstpelz sein soll. Aber selbst diese allzu menschlichen Vogelscheuchen, die in ihrer Not ein Interview mit einer imaginierten Biene durchspielen und hinreißend absurdes Theater machen, sind verblendet: Bei leuchtenden Produkten aus Kunststoff bekommen sie ganz glänzende Augen.

Die Klimabilanz verbessert hat „Farm Fatale“ (u. a. mit Stefan Merki, Julia Riedler und Gaëtan Vourc’h) zwar nicht. Aber zumindest zum Nachdenken angeregt.

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