Kultur
30.04.2017

Das Donaufestival als Jahrmarkt der Empathie

Intendant Thomas Edlinger bot zur Eröffnung am Freitag brutal Kunterbuntes.

Auch Thomas Edlinger, Radiomacher, Kurator und Publizist, bietet Stoff für Reflexionen an – mit dem Band "Empathy". Und im Vorwort zum Programmheft umreißt der neue Intendant des Donaufestivals das diesjährige Thema, eben das Einfühlungsvermögen, dessen sich auch die Populisten bedienen, die vorgeben, Verständnis für die Probleme der Menschen zu haben. Wir lesen nickend: "Angesichts des Elends in der Welt fühlen wir uns wohl in einer Helferposition, die mit Opfern sympathisiert, solange sie Opfer bleiben."

Beim Festival selbst ist von Theorie aber nicht viel zu spüren: Unter dem Slogan "Du steckst mich an" setzt Edlinger den von Vorgänger Tomas Zierhofer-Kin eingeschlagenen Weg fort. Er bietet einen spannend-heterogenen Mix aus Konzert, Kunst, Performance und DJ-Line.

Zur Eröffnung am Freitag zelebrierte der Kölner Wolfgang Voigt aka GAS in der Minoritenkirche ein Hochamt des Ambient. Dazu sah das andächtig lauschende Publikum auf der Leinwand Visuals mit übereinandergelagerten Bäumen, Ästen und Blättern. Eher fad.

Das Messegelände hingegen entpuppte sich als Jahrmarkt großer Gefühle und brutaler Gewalt. Dort gibt es virtuellen Sex (im Trickfilm von Sidsel Meineche Hansen penetriert ein weiblicher Avatar mit blauem Riesen-Dildo endlos ein Alien), banale Kunst, die besten Bio-Fritten – und eine Art Watschenmann: Im "Laboratory of Anger Management", einem Container, darf man alles, was der Künstler Stephane Roy an ausrangiertem Mobiliar aufstellt, kurz und klein schlagen: bewaffnet mit einem Baseballschläger – und die GoPro auf dem Helm filmt den 30 Sekunden langen Akt der Destruktion mit. Die Schlange junger Männer, die sich als Akteure zur Verfügung stellten, war beachtlich.

Die Falle schnappt zu

Wenige Meter entfernt fährt einem der Schreck in die Glieder: Wenn die Maus in die Falle geht. Man sieht auf der riesigen Leinwand zwar nicht den Genickbruch, aber das Zittern der Haare reicht für jede Menge Empathie. Das Video ist Teil der Installation "In Void" von Kris Verdonck und A Two Dogs Company, zu der auch eine Roboter-Performance gehört: Ein Presslufthammer-R2D2 hüpft zirpend auf und ab, bis er umfällt. Dann wird er, wie ein Kegel, wieder aufgestellt.

Gleich daneben zeigt Regisseur Ariel Efraim Ashbel mit seinen Freunden die Performance "The Empire Strikes Back: Kingdom of the Synthetic", die Zeit braucht, um sich zu entwickeln. Dann aber entlädt sich zwischen geometrischen Objekten, die immer wieder neu kombiniert werden, eine aberwitzige Show mit Zitaten aus der Populärkultur – von King Kong über Zirkus bis zu David Bowie und diverse SF-Filme. Zum Schluss endet das Spektakel im donnergrollenden Chaos, dem ein roboterartiger Mann mit dampfendem Gestänge entsteigt. Wow.

Nächtens erinnerte dann noch Green Gartside an seine Punk-Anfänge 1977 und die Erfolge seiner Synthi-Pop-Band Scritti Politti, die 1982 mit dem Album "Songs to Remember" bekannt geworden war. Ja, "Sweetest Girl" ist und bleibt grandios; das Konzert aber weckte vorallem eines: Mitgefühl.

Das erste Wochenende läuft bis zum 1. Mai (mit einem Konzert der Einstürzenden Neubauten)