Österreichische Neuentdeckung mit Substanz: Culk aus Wien inszenieren sich auch am Pressefoto betont düster und rätselhaft 

© Michael Würmer

Kultur
02/23/2019

Debütalbum von Culk: Die Gitarre hat das letzte Wort

Die Wiener Formation Culk befeuert auf ihrem Debütalbum Machtverhältnisse mit peitschenden Gitarren.

von Marco Weise

Das Cover-Artwork spricht eine eindeutige Sprache: Düster ist die Stimmung, verblasst sind die Farben, minimalistisch die Aufmachung und chic die Gothic-Grufti-Ästhetik. Die Idee, das Foto und die grafische Umsetzung stammen von Sophie Löw, Sängerin der von Wien aus agierenden Band Culk. „So kommt es bei mir raus, wenn ich fotografiere. Ich wollte einen Frauenkörper zeigen, der sich offen präsentiert und damit auch sehr angreifbar macht“, sagt Löw im KURIER-Gespräch. Dieses Vorhaben ist der Anfang 20-Jährigen auch gelungen. Denn die Frau am Cover des selbstbetitelten Debütalbums strahlt einerseits Schwäche, andererseits Stärke aus.

„Ich wollte diese Widersprüche vereinen, weil mich das auch selbst betrifft: Ich werde aufgrund meiner leisen, sehr zarten Sprechstimme im Alltag selten wahrgenommen“, sagt Löw. Aber sie könne eben auch anders – nämlich kraftvoll singen und selbstbewusst auftreten. Dass der Erstling von Culk, der „nur“ sieben Songs umfasst, bereits mit Spannung erwartet wurde, liegt am Song „Begierde/Scham“, den das Quartett 2018 veröffentlichte. Schnell war der heimische Alternative-Radiosender FM4 als Steigbügelhalter zur Stelle und feierte den Song on air und off air ab.

In diesem Fall war und ist die Begeisterung auch berechtigt: Denn dem Sound von Culk haftet tatsächlich das oft zitierte „gewisse Etwas“ an. Verantwortlich dafür: Der eigenwillige Gesang von Sophie Löw, die gerne Silben verschluckt und nuschelt. Das klingt erfrischend anders, sympathisch unperfekt, fordernd, ausdrucksstark, wach, hell und gleichzeitig lethargisch. In höheren Tonlagen erinnert Löws Stimme an Dolores O’Riordan (selig!) von The Cranberries.

Lust/Gewalt

Neben Sophie Löw agieren Johannes Blindhofer an der Gitarre, Benjamin Steiger am Bass und Christoph Kuhn am Schlagzeug. Seit 2017 wird gemeinsam musiziert. Der erste Song, der bei einer der zahlreichen Jam-Sessions im Proberaum entstand, war „Chains of Sea“. Eine Midtempo-Nummer, in der zum The-Cure-Gedächtnis-Synthesizer-Sound bluesrockige Primal-Scream-Gitarren gereicht werden. Eine gefällige Nummer, aber nicht das beste Lied auf dem Album. Das ist vielleicht das bereits erwähnte „Begierde/Scham“, eine Nummer, die textlich von Simone de Beauvoir und ihrem Buch „Die Mandarins von Paris“ inspiriert ist. Es geht um Machtverhältnisse zwischen Mann und Frau, über das Zusammenspiel von Lust, Unterwerfung und Erniedrigung: „Wie Gewitterwolken/Breitet er sich aus über ihr/Widerstand/Erstickt von Wärme, die er ihr gibt/In ihrer Stille bleibt sie erstarrt/Alles Gewalt um sie/Sie sieht ihn nicht an“, singt Löw, während im Hintergrund Gitarren wüten.

Ebenfalls gut: Die Songs „Faust“, „Vollendung“ und das rein instrumental gehaltene „Faust II“, bei dem man an Altvordere wie Bauhaus, Velvet Underground, Joy Division und Epigonen wie Savages denken muss. Spätestens jetzt sollte das Interesse von trübsinnigen Post-Punkern geweckt sein.

Deutsch/Englisch

Culk, der Bandname steht übrigens für nichts, negieren auf ihrem Debütalbum gekonnt und selbstsicher den musikalischen Zeitgeist und lassen sich in keine gängigen Schablonen pressen. Sie beweisen Mut zur Nische. Es gibt (noch) keinen Wikipedia-Eintrag und keine aufwendig und teuer produzierten YouTube-Videos. Minimalismus und Verweigerung ist Teil ihres Konzepts, mit dem Culk frischen Wind durch die heimische Rockszene pumpen.

Gesungen wird auf Englisch und auf Deutsch. „Wir haben damit überhaupt kein Problem. Ich höre zum Beispiel ganz viel Musik von Sophie Hunger und die singt in vier unterschiedlichen Sprachen.“ Produziert wurden die Songs von Jakob Herber, dem Schlagzeuger der heimischen 80er-Jahre-Pop-Combo Flut. Aber keine Angst, die Songs von Culk wurden nicht mit käsigen Synthesizersounds zugemüllt. Stattdessen gibt es Kajal-Chic, New Wave-Flair, Post-Punk-Kälte und Slacker-, Schlurf- und Stoner-Rock. Und wenn Sophie Löw die Tasten ihres Korg R3 drückt, klingt das nicht nach Disco, sondern nach Totenmesse.

Aufgenommen hat man die sieben Songs im Sommer vergangenen Jahres im Studio von Flut im oberösterreichischen Andorf. „Wir haben dabei einen sehr intuitiven Zugang gewählt und das Album in kurzer Zeit eingespielt.“ Das hört man. Denn der Sound klingt naturbelassen. Es wurde nicht lange herumgefeilt, nachbearbeitet, gefiltert und aufgeblasen. Nach nicht einmal 30 Minuten endet das Album mit „Velvet Morning“. Löws Stimme verhallt. Die Gitarre hat das letzte Wort und lässt einem emotional unterkühlt zurück. Ein Quickie, der Lust auf mehr macht.

Culk live: 9. März im Das Werk/Wien; 22. März in der Arge/Salzburg; 23. März im Kapu/Linz.

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