Joachim Meyerhoff als lehmverschmierter, entstellter Danton

© /Reinhard Maximilian Werner

"Dantons Tod": Todes-Karussell im Kinderzimmer
10/25/2014

"Dantons Tod": Todes-Karussell im Kinderzimmer

Jan Bosse inszenierte Georg Büchners Revolutionsdrama "Dantons Tod" im Burgtheater.

von Guido Tartarotti

1998 sorgte Robert Wilsons Inszenierung von "Dantons Tod" bei den Salzburger Festspielen für Aufregung: Wilson inszenierte Georg Büchners Revolutionsdrama als eisigen Albtraum voller grotesker, erfrierender Bewegungen und Bilder. Ein Mann steht einer Welt gegenüber, die er plötzlich nicht mehr begreift, weil sie ihm auf absurde Weise entfremdet wurde.

In dieser schockstarren Umgebung begann Büchners Sprache zu glühen. Das war eine unheimliche, beängstigende, unvergessliche Aufführung – Dantons Weg zur Guillotine als Fieberfantasie eines Sterbenden.

Wilsons Schüler

Jan Bosse, der das Stück nun für das Burgtheater in Szene setzte, war Wilsons Regie-Assistent, und das merkt man. Wie Wilson arbeitet Bosse mit Bildern, mit Metaphern, mit verfremdeten Bewegungsabläufen. Wo Wilson aber zum Minimalismus tendiert und sich mit der Präzision eines Chirurgen durch die Texte schneidet, agiert Bosse wie ein hyperaktives Kind: Ihm fällt soviel ein, dass eine Idee die andere überholt, er schmeißt das eine Bild mit dem nächsten kaputt.

Seine Inszenierungen sehen daher oft aus wie ein unaufgeräumtes Kinderzimmer, in dem man den Boden nicht mehr sieht, weil überall Spielzeug herumkugelt.

Schon vor Beginn der Aufführung im Burgtheater quellen unter dem Vorhang Fluten von Textilien hervor, es sind die abgelegten Kleidungsstücke der Ermordeten. Paris ist hier ein Karussell, das sich unablässig um das Schafott dreht (Bühne: Stephane Laime). Die Revolution ist zum Tötungsritual erstarrt, sie muss in Bewegung bleiben und kommt doch nicht vom Fleck. Und so ist auch Dantons Leben, er läuft nur noch im Kreis, sagt "Ich mag nicht weiter" und muss dennoch laufen, laufen, laufen, selbst in der Todeszelle hat er keine Ruhe, wird an seinen Fesseln durch den Raum gezerrt.

Wie Wilson interpretiert Bosse "Dantons Tod" als Dantons Sterben – er ist vom Beginn des Stückes an ein Sterbender. Das Leben ist ihm, dem Lebemann, plötzlich fremd geworden – er geht zugrunde an einer Überdosis Leben. Zu Beginn beschmiert sich Danton-Darsteller Joachim Meyerhoff Gesicht und Körper mit Lehm, begräbt sich lebendig, wird zu Erde – und gleichzeitig verwandelt er sich damit in den historischen, von Narben entstellten Danton. Ein faszinierend starkes Bild.

Szenenfotos

Betriebsanleitung?

So überreich an Einfällen, Metaphern und Symbolen ist diese Aufführung, dass man ihr eine dicke Betriebsanleitung beilegen müsste. Es ist einfach zu viel: Die Bilder schlagen einander tot, das ständige Drehen und Rennen wirkt bald extrem ermüdend. Schlimmer noch: Büchners großartige Sprache geht darunter verloren. Diese Aufführung kann irgendwann ihre eigene Last nicht mehr tragen und implodiert.

Gespielt wird – wie immer am Burgtheater – ausgezeichnet. Joachim Meyerhoff leistet körperlich und sprachlich fast Übermenschliches, wie gern würde man ihn als Danton sehen, ohne dass er nebenbei einen Halbmarathon zu laufen hat.

Michael Maertens ist als gouvernantenhafter Robespierre ein Tugendterrorist hart an der Grenze zur Parodie, der Rezensent fand ihn so gut wie seit "König Ottokar" nicht mehr, andere Zuschauer murrten. Den stärksten Eindruck hinterließ Fabian Krüger als fast zärtlicher Hassprediger Saint Just, der – eine tolle Idee! – ein Volk aus Kindern zum Blutdurst verführt. Auch Ignaz Kirchner, Herbert Scheidleder, Jasna Fritzi Bauer, Adina Vetter, Aenne Schwarz, Daniel Jesch, Stefan Wieland und Peter Knaack sind sehr stark.

Am Ende gibt es freundlichen Applaus, wenige Bravos, keine Buhs.

Fazit: Spannend

Stück Büchner, als Aufwiegler verfolgt, schrieb diesen Text mit knapp 22 Jahren: Danton, der lebensgierige und zugleich -müde Revolutionär, gegen Robbespierre, den Tugendterroristen.

Regie Jan Bosses Inszenierung ist eine Zumutung, eine Überforderung, sie zerfällt in unendlich viele Einzelteile, sie scheitert – aber sie ist ohne Zweifel ein hoch interessantes Kunstwerk.

KURIER-Wertung:

Info: Alle Termine von "Dantons Tod" finden Sie hier auf events.at.

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