Kultur
15.08.2018

Daniel Barenboim: „Ein Verfall der Diskussionskultur“

Der große Künstler und Humanist im KURIER-Interview: über den Nahost-Konflikt, Populismus und das fehlende Gleichgewicht.

KURIER: Sie führen am Donnerstag bei den Salzburger Festspielen mit Ihrem West-Eastern Divan Orchestra ein Werk von David Robert Coleman erstmals in Österreich auf. Es trägt den Titel „Looking for Palestine“. Worum geht es in diesem Stück

Daniel Barenboim: Das ist ein Auftragswerk unseres Orchesters, das wir davor nur einmal bei den BCC Proms spielen, es ist also in Salzburg fast eine Uraufführung. David Robert Coleman hat als Vorlage ein Theaterstück von Najla Said genommen . . .

. . . der Tochter von Edward Said, dem großen Autor palästinensischer Herkunft, der 2003 verstorben ist.

Ja, er hat mit mir das West-Eastern Divan Orchestra gegründet. Dieses Werk von Najla Said, die auch Schauspielerin ist, basiert auf ihrer Autobiographie als Palästinenserin, die in New York in einem jüdischen Milieu aufwuchs. Das ist ein Thema, das für unser Orchester mit israelischen und arabischen Musikern ganz zentral ist: Wie gehen Menschen mit ihren Identitäten um? Und wie werden sie behandelt? Nach dem Anschlag vom 11. September 2001 wurden ja Araber in den USA betrachtet, als wären sie alle Terroristen. Was die Komposition von „Looking for Palestine“ betrifft, ist es ein sehr gutes Werk, rhythmisch im besten Sinn von Boulez beeinflusst, es gibt auch arabische Farben. Eigentlich ist es ein Stück für Sopran, Oud, die arabische Laute, und Orchester.

Hat sich die Situation in den USA durch Donald Trump nicht noch weiter verschärft?

Für Araber und Muslime, natürlich. Auch für Einwanderer insgesamt. Es ist sehr besorgniserregend. Auch bezüglich des israelisch-palästinensischen Konfliktes kann ich nur wiederholen, was ich von der Familie Said höre: Die hat die Hoffnung, dass es von amerikanischer Seite eine gerechte Haltung, irgendeine Form der Kooperation geben könnte, mittlerweile aufgegeben. Auch die Verlegung der US-Botschaft nach Jerusalem war ein Schritt, der dies belegt. Aber auch die israelische Regierung ist an einer Beendigung des Konfliktes nicht interessiert. Das sage nicht nur ich, das hat zuletzt auch der Schriftsteller David Grossman festgestellt.

Sie haben zuletzt in einem Gastkommentar für die „Zeit“ über das israelische Nationalitätengesetz, das der arabischen Bevölkerung viele Rechte bis hin zur eigenen Amtssprache nimmt, geschrieben, Sie würden sich gerade schämen, Israeli zu sein.

Israel hat mit diesem Gesetz 23 Prozent der Bevölkerung, Christen und Muslime, zu Bürgern zweiter Klasse gemacht. Das ist skandalös. Dadurch wird die politische Lage noch viel schwieriger. Das ist nicht nur schlecht und gefährlich für die Palästinenser, sowohl in Israel als auch im Westjordanland, das ist auch schlecht für die Zukunft Israels. Ich war immer für eine Zwei-Staaten-Lösung. Aber wo ist der zweite Staat? Es gibt nicht wirklich einen Staat Palästina, obwohl er von mehr als 100 Ländern anerkannt wurde. Aber nicht von Deutschland, nicht von Frankreich, England, Spanien oder Italien, nicht von den großen europäischen Nationen. Mein dringender Vorschlag ist: Alle sollten Palästina anerkennen mit der Auflage, dann gemeinsam an der Lösung des Konfliktes zu arbeiten.

Sie haben die US-Botschaft in Jerusalem angesprochen. Österreich war als eines von nur vier EU-Ländern bei der Eröffnung dabei. Wie sehen Sie die aktuelle österreichische Regierung?

Für eine wirklich detaillierte Meinung kenne ich mich vielleicht nicht genug aus. Insgesamt aber ist dieser neue Nationalismus, dem wir vielerorts begegnen, sehr beunruhigend. Es macht mich traurig, dass immer mehr Länder in Europa zu vergessen scheinen, was diesen Kontinent jahrhundertelang ausgemacht hat: die Kultur. Die populistischen Bewegungen sind absolut kulturfeindlich. Einen Goethe, einen Beethoven, auch einen Heiner Müller oder Botho Strauß, einen Cervantes oder einen Shakespeare – auf dieses gemeinsame kulturelle Erbe sollte Europa stolz sein.

Zurzeit geht Europa in eine andere Richtung, nämlich auseinander. Sehen Sie die EU, auch durch Brexit, in akuter Gefahr?

Manche scheinen es darauf anzulegen, dass es die EU zerreißt. Aber das ist der falsche Weg. Das Einzige, was uns retten kann, ist, noch stärker auf die europäischen Ideale zu setzen. Was war denn, als Mitterrand und Kohl an der Spitze waren? Ihnen ging es nicht nur ums Geld, um wirtschaftliche Zusammenarbeit, sondern auch ganz stark um die Kultur. Sie haben erkannt, dass gemeinsam gelebte Kultur der Schlüssel zur europäischen Zukunft ist. Sie haben zum Beispiel diesen wunderbaren europäischen Kultursender Arte gegründet.

Sind Sie als großer Humanist und Künstler heute Optimist oder Pessimist?

Ich halte es da mit dem italienischen Philosophen Antonio Gramsci, der auf diese Frage geantwortet hat: Intellektuell bin ich Pessimist, emotional bin ich Optimist.

Welche Rolle kommt in schwierigen Zeiten der Musik zu?

Musik ist dazu da, um in andere Welten einzutauchen. Aber nicht nur. Man kann Musik auch nicht für andere Zwecke missbrauchen. Die Nazis haben versucht, bestimmte Musiken zu verbieten, das geht nicht. Richard Wagners Enkel Wolfgang, der lange die Bayreuther Festspiele leitete, hat mir dort in einer „Lohengrin“-Partitur genau die Takte gezeigt, wo Hitler immer die Tränen kamen. Da lässt jemand Millionen Menschen ermorden und weint dann bei Musik – das habe ich in meinem Kopf nicht auf die Reihe gekriegt.

Als Ihre große Karriere in den 1950er, 1960er Jahren begann, war die Welt progressiv – bei allen Konflikten. Ist sie heute primär regressiv?

Der Kalte Krieg war nicht besonders schön, aber er gab der Welt eine gewisse Ordnung. Die Amerikaner haben die Russen für böse gehalten und umgekehrt. Heute fehlt dieses Gleichgewicht. Das ist ein großes Problem. Der Westen hat mit Triumphalismus auf den Fall der Mauer reagiert, das war ein Fehler. Man hat die Chance verpasst, einen dritten Weg zwischen den Extremen Kapitalismus und Kommunismus zu suchen. Heute sieht man: Kapitalismus ist nicht die perfekte Lösung. Der Fall der Mauer hat vielen Freiheit gebracht. Aber damit ist der Verlust des Gleichgewichts einher gegangen. Ich glaube sogar, dass 9/11 in der Zeit des Kalten Krieges niemals passieren hätte können.

Sie verbringen als Musikdirektor der Staatsoper Unter den Linden viel Zeit in Berlin. Wie sehen Sie aktuell die Rolle von Kanzlerin Angela Merkel?

Sie hat in den vergangenen Jahren die westliche Welt geführt und das sehr gut gemacht. Sie glaubt an das Ideal eines starken und geeinten Europas und setzt sich dafür ein. Dafür hat sie meinen höchsten Respekt. Leider zeichnet sich der Zeitgeist insgesamt wenig durch Respekt aus. Durch die sozialen Medien bekommt jeder eine – teilweise anonyme – Plattform, es gibt so einen deutlichen Verfall der Diskussionskultur. Außerdem kann sich jeder zum Experten deklarieren – ohne wirklich Expertise zu besitzen! Ich könnte auf sozialen Medien über Medizin schreiben, meine Beiträge würden gelesen – dabei habe ich keine Ahnung davon. Ähnlich ist es bei vielen, die sich dort zur Politik zu Wort melden. Sie haben keine Fakten. Dennoch wird ihnen Gehör geschenkt. Das ist sehr gefährlich.