Colleen Hoovers "Woman Down": Gefährliche Erotik von Socken
Colleen Hoover, eine der meistgelesenen Autorinnen der Gegenwart, bei der Premiere des Films "It Ends With Us" nach einem ihrer Romane. Auch die Protagonistin ihres neuen Romans laboriert an einer schiefgegangenen Filmadaption.
„Bücher zu schreiben ist wunderschön, aber ich habe gemerkt, dass alles, was danach kommt, weniger schön ist.“ Das schreibt eine der erfolgreichsten Autorinnen der Gegenwart, Colleen Hoover, in ihrem neuen Buch "Woman Down". Aber sie schreibt das nicht selbst, sondern das schreibt eine Autorin, die sie erdacht hat. Darauf legt Hoover Wert.
Was dieser Autorin widerfahren ist, klingt aber schon sehr nach Colleen Hoover. Sie hat nämlich eine Schreibblockade, nachdem die Verfilmung eines ihrer Buchhits zu einem Shitstorm geführt hat. Zur Erinnerung: Colleen Hoovers Misshandlungs-Pageturner „It Ends With Us“ erhielt eine Kinofassung mit Blake Lively und Justin Baldoni. Dieser Streifen geht aber in die Filmgeschichte nur deswegen ein, weil er zu einem langwierigen Rechtsstreit über gegenseitige Rufschädigung der beiden Hauptdarsteller geführt hat.
Fordernde Fans
Auch Colleen Hoover hat vor drei Jahren ihr letztes Buch veröffentlicht. Das ist schon ungewöhnlich in der Welt der Booktok-Stars, in der die Fans durchaus fordernd sein können.
Und diesen Fans aus den Sozialen Medien verdankt die Texanerin ihren Ruhm, seit sie 2012 ihren ersten Roman im Selbstverlag herausgebracht hat.
Der neueste, „Woman Down“ (dtv), ist nun dem Genre „Dark Romance“ zuzurechnen. In der Welt der New Adult Belletristik ist dies nach den Liebesmärchen der „Romantasy“ aktuell die beliebteste Gangart. Die auch nicht ganz unumstritten ist, weil Soziologen eine Normalisierung problematischer Dynamiken befürchten: Denn es geht immer um eine toxische Liebe und eine Frau, die weiß, dass sie schlecht bis lebensgefährlich behandelt wird – die das aber irgendwie schon auch toll findet.
Recherche
So wie Petra. Sie kommt nicht weiter mit ihrem Buch über eine Verbrechenszeugin, die sich auf eine Affäre mit einem verheirateten Polizisten einlässt. Eines Nachts steht ein solcher scharfer Exekutivbeamter inklusive Ehering vor der Tür von Petras abgelegenem Schreibrefugium. Die Autorin, die sich davor fürchtet, dass sie wieder ein Kritikhagel wegen mangelnder Authentizität trifft, nützt die Chance auf Feldrecherche.
Das führt zu Sätzen wie „Sein Kuss ist zärtlich und beinahe ehrfürchtig“ und „sein warmes Lächeln breitet sich in meinem Körper aus wie eine züngelnde Flamme, die immer weiter Nahrung findet“. Beim Küssen und Lächeln bleibt es natürlich nicht, kein Wunder, wird die Autorin doch nicht müde, zu erwähnen wie „intensiv“ der Blick des Polizisten ist – oder wahlweise „dunkel“. Außerdem hat Saint, so heißt der Mann, natürlich einen „beinahe beängstigend großen Penis“ und auch folgendes spielt eine Rolle: „Gott, warum macht mich der Anblick eines Mannes in frischen Socken nur immer so verdammt schwach?“ Das ist, es wird niemanden überraschen, auch ein Buch, in dem Geschmäcker „auf dem Gaumen explodieren“. Kurz, der Sexszenen gibt es einige, der sprachlichen Klischees gibt es noch mehr.
Zelebrierter Selbsthass
Für eine Schriftstellerin kommt Petra freilich reichlich spät darauf, dass sie ihr gut bestücktes Anschauungsmaterial auch einmal googeln hätte können. Das macht sie erst im letzten Viertel des Romans. Bis dahin hatte sie schon viel Gelegenheit, sich für alle Gewalt, die ihr angetan wird, ausgiebig selbst die Schuld zu geben. Aber glücklicherweise ist da jemand, der sie trösten kann: „Ich sollte ihn anschreien, ihm klarmachen, wie falsch das alles hier ist. Stattdessen lehne ich mich zitternd und schluchzend an seine Brust.“
Wer sich hier augenrollend von ein paar Jahrzehnten Feminismus und einer Handvoll Gehirnzellen verabschiedet hat, dem wird wohl auch das mickrige Selbstbewusstsein Petras aufstoßen. Allein auf den ersten Seiten des Romans kommt man kaum nach, zu zählen, wie oft sie sich für etwas hasst. Später wird sie sich auch noch verachten. Dass der Verlag das Buch mit dem „Trope“ (so werden verkaufsfördernde Motive genannt) „starker weiblicher Charakter“ beworben wird, klingt da wie Hohn.
Potenzial für unfreiwillige Komik ist wohl da: Immer wieder schlingt Petra ihre Arme um Saints Hüften und man fragt sich: Ist sie sehr klein oder hat sie wirklich sehr lange Arme?
Immerhin erklärt ein Satz dann so einiges: „ ... und nur in der Stille meines Kopfes bin ich ganz ich.“
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