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Chronic City
07/24/2013

Intime Momente im Stundenhotel

Chronic City ist eine der frischen österreichischen Bands am Wiener Popfest. Wir interviewten sie in einem erotischen Etablissement.

von Mathias Morscher

Es gehört nicht unbedingt zum journalistischen Alltag eine Band in einem legendären Stundenhotel im 1. Wiener Gemeindebezirk zu interviewen. Doch für Chronic City, bestehend aus den „Vollzeitmitgliedern“ Emanuel und Florian und unzähligen Gastmusikern und Sängern, war es der einzige passende Ort.

Bereits ihre erste Single „Key Biscayne“, für den ihnen der Franzose Henri Joel seine Stimme lieh, wurde ein Hit, rotiert noch immer auf FM4 und landete auch auf der „Soundselection“ des Radiosenders. Die Pressefotos der beiden jungen Männer gleichen Geisteraufnahmen, ebenfalls tun ihre Nachnamen nichts zur Sache. Es geht ihnen um die Musik, wie sie sagen, und darum eine Stadt und besondere Momente musikalisch einzufangen. So ungewöhnlich wie das Konzept der Band gestaltete sich auch der Abend, der sich in drei Akte aufteilte.

1. Akt - oder: Warum wir in einem Stundenhotel sitzen

Ein lauer Sommerabend, 21 Uhr, wir treffen uns in der Lobby des vielleicht bekanntesten Stundenhotels in Wien. Überraschenderweise gibt es aber keine Zimmer für eine Stunde, sondern nur für drei – oder die ganze Nacht. Die gebuchte Suite ist geräumig und sauber, ausgestattet im Seefahrerstil inklusive Steuerrad, Whirlpoolbadewanne und dem erwartbaren Spiegel über dem Bett. Von Schmuddel keine Spur.

Dennoch stellt sich sofort die Frage: Warum trifft man sich in einem Stundenhotel? „Das hat mit dem ganzen Projekt zu tun“, erklärt Emanuel, „als Chronic City wollen wir einerseits mit vielen verschiedenen Menschen arbeiten und in der Musik verschiedene Elemente der Stadt abbilden. Und ein Stundenhotel gehört genauso zum Bild einer Stadt, wenn nicht gar zum Kern einer Stadt.“ „Wo könnte man einer Stadt intimer und privater begegnen als in einem Stundenhotel?“, ergänzt Florian.

Damit sie auch diesen Abend musikalisch abbilden können, nehmen die Jungs jede Sekunde davon auf. „Du wirst somit vielleicht auch ein Teil unserer Musik“, deutet Emanuel an. Auf „Key Biscayne“ findet sich zum Beispiel Meeresrauschen aus Lima, und auf den anderen Songs „Geräusche aus Sri Lanka, London, Berlin, Wien, Kambodscha, China, Tibet und und und ...“, zählt Florian auf.

2. Akt - oder: "Thank you Jonathan Lethem"

Der Name der Band geht auf den gleichnamigen Roman des amerikanischen Autors Jonathan Lethem zurück. „Es ist eine Verneigung vor Lethem“, huldigt ihm Emanuel.

„Emanuel wurde sehr geprägt von dem Buch und als wir uns nach der gemeinsamen Studiomusikerzeit für eine Gothic-Band entschieden, selbst was zu machen, hat er den Namen vorgeschlagen. Ich wollte natürlich zuerst das Buch lesen. Aber schlussendlich sagte ich nur: 'Ja, das kann ich unterschreiben. Das passt.'", erzählt Florian von den Anfängen.

Auch auf der Homepage der Band findet sich ein eigener Punkt, der sich nur um dieses Buch dreht. Passend als „Read Me“ betitelt. „Wir haben dann auch mal auf seine Website geschaut und das Tolle ist, es gibt dort einen Abschnitt der ‚promiscuous materials‘ und da steht drauf: ‚I’m no musician, but I like to write lyrics. If you want to use the lyrics, feel free‘. Ein paar seiner Textfragmente tauchen auch in einigen Songs auf“, erläutert Emanuel. In Kontakt sind sie mit dem Autor noch nicht, aber sobald die EP veröffentlicht ist, wollen die Jungs bei ihm anklopfen.

Die EP der Band soll bald erscheinen, versichern die beiden. Doch handelt es sich überhaupt um eine Band oder doch eher um ein Projekt? „Ich finde, ‚Projekt‘ klingt nach einem temporären, abgeschlossenen Ding. Und das ist es nicht. Der Gedanke war, ein klassisches Bandgefüge bestehend aus Sänger, Schlagzeuger, Gitarrist und Bassist aufzulösen. Was bei dem Wort ‚Projekt‘ mitschwingt, gefällt mir nicht, aber es ist wahrscheinlich eher das. Oder es ist eben eine Band ohne die klassischen Strukturen einer Band. Es steht irgendwo dazwischen. Fakt ist, wir legen die Grundstrukturen und es kommt immer jemand Neues dazu.“, versucht Emanuel es zu beschreiben.

„Wir nehmen uns zwei quasi von vornherein raus und sind Stil-offen. Wir wollen niemanden in ein Korsett zwängen. Wir haben zwar eine Grundvorstellung, aber wir lassen uns gerne Input geben.“, ergänzt Florian.

3. Akt - oder: Warum eine Toilettenpause überraschen kann

Nach gut zwei Stunden und einigen Getränken muss ich kurz das Stille Örtchen aufsuchen. Zurück im Zimmer, stehen die beiden vor dem Fenster. Emanuel hat ein Radio mit ausgezogener Antenne in der Hand und klopft damit auf alle möglichen Gegenstände – Kissen, Lampe, Heizkörper und auf den Ventilator, nichts wird verschont. Florian folgt ihm mit dem Aufnahmegerät und deutet mir an, bitte leise zu sein. Ein skurriler Anblick, der zuerst zu einem Schmunzeln und dann zu einem gemeinsamen Lachanfall führt.

Alles wird aufgenommen, jedes Geräusch könnte für einen Song von Chronic City wichtig und richtig sein, erklären sie mir. Songs sind es auch, die anschließend leise aus den Lautsprechern des Laptops dröhnen.

„Das sind Demos der EP und des Albums“, erzählt Emanuel. Für rohe Demos hören sie sich erstaunlich gut und vielfältig an. Ein bisschen nach MGMT, eine andere Nummer ein wenig nach Empire of the Sun. Es sind eingängige, melodiöse Songs, die zeigen könnten, dass Musik aus Österreich nicht nach Österreich klingen muss. Wissen wird man es erst, wenn die EP und Anfang nächsten Jahres das Album erscheint.

Die drei Stunden sind mittlerweile fast abgelaufen. Wir verlassen die erotischen Hallen des Stundenhotels wieder, um uns voneinander zu verabschieden und in der lauen Sommernacht den Heimweg quer durch Wien anzutreten. Wieder so ein City-Moment.

www.chronic-city.com

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