© KURIER /Gruber Franz

Christine Nöstlinger
09/23/2013

"Ich bin eine heitere Pessimistin"

Christine Nöstlinger im KURIER-Gespräch über Eltern, Kinder, Frauenhasser und Zigaretten.

von Barbara Mader

Sie ist eine der wichtigsten Autorinnen europäischer Kinderliteratur. Jetzt legt Christine Nöstlinger ihre Autobiografie vor: „Glück ist was für Augenblicke“.

KURIER: Es gibt in Ihrem Buch eine besonders berührende Szene: Sie beobachten Ihre Mutter, wie sie rastend an der Straßenecke steht, Krückstock in der Hand, Einkaufstasche in der anderen, Pelzmütze auf dem Kopf. Auf der Mütze eine zehn Zentimeter dicke Schneeschicht.

Christine Nöstlinger: Ja, das war auch berührend.

Hört man irgendwann auf, seine Eltern zu vermissen?
Man hört auf, sie zu vermissen aber nicht, an sie zu denken. Das kommt in Wellen. Und es ist komisch: Erst, wenn beide Eltern tot sind, kommt man sich richtig erwachsen vor.
Sie hatten viel Glück mit Ihren Eltern?
Ja.

Private Fotos von Christine Nöstlinger

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Sie sind so gut wie nie gemaßregelt worden. Das hat Sie wohl sehr von anderen Kindern unterschieden?
Naja, meine Mutter arbeitete schon mit Liebesentzug. „Heut redst’ mi aber nimmer an.“ Aber ich war das einzige Kind, das im ganzen Leben nur eine Ohrfeige bekommen hat, und das auch nur, weil ich meinem Vater gegen das eitrige Schienbein trat, das war eine Reflexbewegung, er hat sich danach entschuldigt. Ich kannte sonst niemanden, der nicht geschlagen wurde. Die Hände saßen damals sehr locker. Da waren noch die Kinder gut dran, die „nur“ a „g’sunde Watschen“ gekriegt haben.
Wären Sie ansonsten ein weniger freier, selbstbewusster Mensch geworden?
Ein Mensch ist ja keine Strickerei, die man auftrennen kann, um zu schauen, wo der Fehler ist. Aber ich war als junge Frau nicht sehr selbstbewusst.

Sie schreiben, dass Ihre Selbstsicherheit mit dem Alter gewachsen ist.
Das wird man im Lauf der Zeit. Auch Erfolg und Beruf machen selbstsicher. Ich wäre sicher ein wesentlich unzufriedener und unglücklicherer Mensch geworden, wenn ich eine andere Kindheit gehabt hätte. Und vor allem ein Mensch, der nicht so auf Gerechtigkeit und auf Freiheit bedacht ist.
Das haben Sie von Ihren Eltern gelernt?
Ich hab’s vielleicht nicht von meinen Eltern gelernt, aber sie gaben mir jegliche Möglichkeit, es zu sein. Wie es halt in den damaligen Zeiten möglich war. Natürlich hab ich auch in die Schule müssen, auch wenn ich nicht wollte, und meine Mutter hat schon viel herum gekeppelt. Sie war ja immer sehr gesprächig. Das hat einen schon manchmal, gerade, wenn man jung ist, auf die Palme bringen können. Sie war bei Gott keine Intellektuelle und hat so einen Wald-und Wiesen-Hausverstand gehabt. Sie war eine sehr gütige, nette Frau. Aber mich haben diese ewigen dummen Reden zur Raserei gebracht und wenn man sehr jung ist, glaubt man meistens, dass man jemand Dummen nicht so richtig lieben kann.
Das liest man aber nicht so in Ihrem Buch.
Naja, ich habe Wiedergutmachung betrieben. Ich bin ja nicht mehr zwanzig. Damals glaubte ich oft, ich halte es mit ihr nicht aus. Aber ich tat ihr auch sehr unrecht.
Sie schreiben, Sie seien als Kind tapfer gewesen, großzügig... man liest aber auch heraus, dass sie manchmal ein ganz schönes Zornbinkel waren.
Meine Mutter erklärte mir immer, ich sei ein wildes, wütendes Kind. Aber gemessen an dem, wie ich es bei meinen Kindern oder Enkeln erlebt habe, war ich kein sehr wütendes Kind. Für damalige Verhältnisse halt. Ich kann mich erinnern, dass meine Mutter keifend auf mich zu kam und ich immer dagegen geredet habe und meine Großmutter auf gut Hernalserisch sagte: „Bei dem Kind miasst’ ma die Gosch’n extra derschlagen“.
Das selbstbewusste, aufmüpfige Kind zieht sich ja durch Ihr ganzes Werk.
Ich hoffe es. Man kann ja eigentlich, wenn man erwachsen ist und Kinderbücher schreibt, immer nur Figuren erfinden, die einem selber als Kind ähnlich sind. Ich bin zum Beispiel völlig unsportlich. Ich könnte nie ein Kinderbuch schreiben, wo die Hauptfigur sportlich ist. Das geht nicht, da kann ich mich nicht hineinversetzen. Ich kann mich hineinversetzen in Kinder, die Wut oder Angst haben, die sich ungerecht behandelt fühlen, aber nicht in ein sportives Kind. Ich war auch sehr ungeschickt und ich hätte viele gute Noten hergegeben, wenn ich in Turnen etwas gekonnt hätte. Das war für mich eine richtige Schmach. Allein dieses Seil! Und dann sagt die Lehrerin noch „Hoppauf.“
Sie und Ihre Töchter haben den einen oder anderen Zores gehabt mit Lehrern. Verfolgen Sie aktuelle politische Diskussionen dazu?
Ich hab das reinste Déjà-Vu. Ich komm’ mir vor, wie in den siebziger Jahren. Die gleiche Debatte, die gleichen Schulversuche, die gleichen konservativen Gegenstimmen, das gleiche Nicht-Durchsetzen-können. Das hab ich alles vor vierzig Jahren schon gehört. Damals hätt' ich nicht gedacht, dass ich das 40 Jahre später wieder höre. Nur hat man damals eben noch gesagt, die SPÖ schafft das nicht, weil sie dazu eine Zwei-Drittel-Mehrheit braucht. Jetzt ist es eine einfache Mehrheit und sie schafft es trotzdem nicht.

Wären Sie gerne heute ein Kind?
Eigentlich nicht. Ich wäre überhaupt nicht gerne Kind.
Zu keiner Zeit?
Nein.
Ist Kindsein heute leichter oder schwerer?
So wie im Ökonomischen die Schere immer mehr zwischen Arm und Reich aufgeht, so ist das heute in vieler Hinsicht bei den Kindern. Es gibt eine Gruppe von halbwegs gut verdienenden, gebildeten Eltern. Deren Kindern geht’s hervorragend, die werden tolerant behandelt und können haben, was sie wollen, aber es wird auch drauf geschaut, dass sie nicht zu viel davon haben. Aber dann gibt es Kinder, denen es unheimlich dreckig geht. Viele Sachen haben sie zwar – zwanzig Barbiepuppen aus China und einen eigenen Fernsehapparat im Zimmer. Aber es schert sich keiner um sie. Und unser Schulsystem ist auch nicht danach, dass mit denen was passiert. Das hat es doch früher nicht gegeben, dass zwanzig Prozent der Fünfzehnjährigen nicht Lesen und Schreiben können! Da muss doch was passiert sein!
Was ist da passiert?
Lesen und Schreiben lernen ist schwerer in einer Bilderwelt. Früher haben doch die meisten Kinder, auch wenn sie als Erwachsene nicht mehr gelesen haben, Kinderbücher gehabt. Aber heute? Es gibt andere Unterhaltung.
Es ist ja auch die Frage, ob es heute möglich wäre, dass eine Mira Lobe oder eine Christine Nöstlinger einen solchen Stellenwert haben, wie es in den siebziger Jahren der Fall war.
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Das brauchen Sie sich gar nicht fragen. Das hätten wir sicher nicht. Es war ja auch viel mehr Aufregung um Kinderbücher. Sowohl positiv als auch negativ. Ich hab sehr naiv zu schreiben begonnen und wusste gar nicht, was es da für Querelen gibt zwischen Fortschrittlichen und Konservativen. Es war Aufmerksamkeit da. Und man glaubte, wenn man fortschrittlicher und linker war, dass die Kinder einmal in einer besseren Welt leben werden und man sie fördern und anstacheln muss. Aber heute schert sich keiner mehr drum. Heute gilt ein Kinderbuch als gut, wenn es gut verkauft wird. Wenn ich sehe, was auch gebildete Haushalte für Klumpert haben. Es ist sehr viel Schmarrn unterwegs. Und es ist alles so leicht verfügbar! Die schiachen Puppen überall! (Sie raucht sich eine an).
Mit dem Rauchen aufhören war nie ein Thema für Sie?
I kann des ned. Arbeiten ohne rauchen kann ich nicht. Wenn ein Satz nicht und nicht geht, dann rauch ich eine, und dann geht er.
Haben Sie ein bestimmtes Arbeitspensum?
Nicht mehr. Ich bin 77, da braucht man das nicht mehr. Früher hab ich dauernd gearbeitet. Ich hatte eine riesengroße Wohnung mit drei Schreibtischen. Einer war reserviert für meine KURIER-Glosse und den Hörfunk, einer für das Fernsehen und am dritten lag das aktuelle Buch. Ich habe sicher 80 Stunden pro Woche gearbeitet. Das hat mir lange Zeit Spaß gemacht.
Sie haben allerdings auch widerwärtige Leserbriefe bekommen.
Ja, und eigentlich hab ich das nicht verstanden, denn ich war ja immer ein Mensch, der freundliche Sachen geschrieben hat. Ich habe nie gewusst, warum da jemand so einen totalen Hass entwickelt. Einer der ärgsten war ein pensionierter Gymnasiallehrer, das war ein besonderer Frauenhasser.
Sie schreiben davon, wie Sie sich als junge Frau eingesperrt gefühlt haben.
Ja, hab ich. Ich hab aber nicht gewusst, wie ich das verändern soll.
Haben Sie Solidarität von und mit anderen Frauen gespürt?
Die waren alle in der gleichen Lage, welchen Beruf sie auch immer hatten. Im Grunde haben wir uns alle diesem alten Hausfrauen-und Muttersystem unterworfen. Dabei haben wir Matura gemacht, studiert, waren vom Kopf her ziemlich emanzipierte Frauen. Keine von uns hätte ihr Ideal darin gesehen, für den Ehemann Hemden zu bügeln. Und trotzdem taten wir es. Ich kann mich nicht erinnern, dass eine Frau in meinem Bekanntenkreis jemals zu ihrem Mann gesagt hätte: „Jetzt mach auch einmal was“. Wir haben uns wahnsinnig viel gefallen lassen. Ich weiß nicht, warum.
Allerdings ist da schon sehr viel weitergegangen.
Ja, das können wir uns auf die Bauchbinde sticken: wir haben die Kinder betreut, die später anders geworden sind, egal ob Mann oder Frau.
War ihr Vater ein fortschrittlicher Mann?
Er war äußert unangepasst. Eigentlich ein Intellektueller, aber es war bei ihm daheim nicht genug Geld da, um ihn ins Gymnasium zu schicken. Er hat Uhrmacher lernen müssen, aber er hat eigentlich sein Leben, abseits der Beschäftigung mit mir, mit Lesen verbracht.
Was wurde bei Ihnen daheim gelesen?
Meine Mutter hat nix gelesen. Höchstens Schundromane, Hefteln. Da ist sie zur Nachbarin und hat gefragt: „Hast einen Schund?“ Mein Vater hat so ziemlich alles gelesen, er mochte Hesse, hat mich auf Tucholsky gebracht.
Haben Sie einen Liebling unter Ihren Büchern?
Ja, aber die, bei denen ich mir gedacht habe, dass sie mir besser gelungen sind, waren nicht unbedingt die erfolgreichsten. Zum Beispiel „Hugo, das Kind in den besten Jahren.“ Ein Buch über ein sehr altes Kind, das die Gewerkschaft der alten Kinder gründet. Ich habe dem alten Kind zwei Männer als Eltern gegeben, Miesmeier 1 und Miesmeier 2, ich habe mich dabei von einer Zeichnung inspirieren lassen. Daraufhin habe ich dann Dankesbriefe von Schwulenverbänden gekriegt, dass ich einem Kind gleichgeschlechtliche Eltern gebe. Das war zwar nicht meine Absicht, aber ich dachte: Na, mir soll’s recht sein.
Auch ein anderes Mal passierte ein Irrtum: ich war in Ägypten eingeladen und wurde von arabischen Germanistik-Studenten zu einem Buch beglückwünscht: Das Austauschkind. Eine harmlose, lustige Geschichte. Der Bub in meinem Buch hat eine Steinesammlung und die transportiert er in einem Tuch – damals waren in Wien bei den Jugendlichen diese Arafat-Tücher sehr modern. Jetzt gab ich ihm so eines für seine Steine. Die arabischen Studenten haben das so gedeutet, dass ich damit das Leid der Palästinenser darstelle. Ich hab’ nicht gewusst, was sich sagen soll.
Ihre berühmten Dialekt-Gedichte schrieben Sie „Iba de gaunz oaman leit“. Sind die aus Ihrer Sicht noch aktuell?
Zum Teil. Aber die Sprache, die ich benutze, ist in Vergessenheit geraten.
Die Kinder sprechen heute nicht mehr Wienerisch.
Die haben einen eigenen Jargon. Und eine verschluderte Sprache, in der keine Artikel und Präpositionen mehr verwendet werden.
Sie haben Ihren Kindern nie vorgelesen, Motto: „Selber lesen macht gescheit“. Ziemlich umstrittene These.
Sie haben trotzdem Lesen gelernt. Und ich habe ihnen Geschichten erzählt. Ich komme aus einer Erzähler-Familie. Das hat ihnen viel mehr behagt. Meine jüngere Tochter hat sich sogar aufgeregt, dass die Kinderbücher illustriert sind, sie wollte sich das selber vorstellen.
Sie selber haben nur Ihr erstes Buch, die „Feuerrote Friederike“ illustriert. Hat Sie das gestört? Hätten Sie gerne mehr gemacht?
Nein, ich hatte ja meinen Zipfel vom Erfolg, dass die Leute meinten, ich kann schreiben.

Hätte dieser Verlag damals die „Feuerrote Friederike“ nicht angenommen, hätten Sie es wieder probiert?
Nein. Ich war damals in so einem Tief. Ich hatte mich ja nicht zur Hausfrau entworfen. Es gab damals keine Verhütung und irgendwann war man dann halt schwanger geworden und dann saß man in der Falle. Ich hab schon neurotische Dinge entwickelt. Ich habe immer kreisrunde Flecken gehäkelt. Dann hab ich sie weggeschmissen. Die Zeit der Patchworkdecken war noch nicht angebrochen, sonst hätt ich meine ganze Wohnung mit Patchwork-Decken auslegen können. Faul war ich nie. Aber die Sachen im Haushalt hab ich nie gemocht. Nur gekocht, weil dafür kriegt man sehr viel Lob. Ob ich je Fenster geputzt habe? Ich glaube nicht.
Hätte es diesen Verlag also nicht gegeben..
... ich weiß nicht, was ich sonst getan hätte. Irgendwas hätt' ich wahrscheinlich getan, um aus dieser Agonie aufzuwachen. Aber mit dem Schreiben hätt' ich’s nimmer probiert.

Ihr Leben hat sich später so entwickelt, dass Sie heute schreiben: „Ich war, alles in allem, mit meinem Leben völlig zufrieden“.
Ja.
Also hat es viele Augenblicke des Glücks gegeben?
Ja, natürlich. Ich gehör nicht zu den Unglücklichen. Ich bin ein heiterer Pessimist. Gar keine so schlechte Position, weil einen nicht so viel enttäuschen kann.

Es gab Augenblicke des Glücks

Christine Nöstlinger erzählt – jedoch nicht über wasserscheue Drachen, den grantigen Gurkenkönig, oder den Franz, der aussieht wie ein Mädchen.

Hier geht es um ihr eigenes Leben: Wie sie als Kind den Krieg im Bombenkeller überlebt. Wie sie ihre erste Beichte mit einer Lüge beginnt. Wie sie über einen Tretroller die wahre Natur des Menschen kennenlernt. Wie sie in der Tanzstunde mit einem geliehenen BH Oberweite vortäuscht und sich als Kunststudentin in Herrenrunden behauptet. Wie sie zwischen Entenbraten und Kindergeschrei zu schreiben beginnt. Wie das Private politisch ist und trotzdem gelacht werden darf. Und vor allem darüber, dass wir nie vergessen dürfen, dass alles eine komische Seite hat.

Christine Nöstlingers Erinnerungen sind ein Glücksfall: wahrhaftig und kämpferisch, warmherzig und humorvoll.

INFO: Christine Nöstlinger: "Glück ist was für Augenblicke" - Erinnerungen. Nach aufgezeichneten Gesprächen mit Doris Priesching. Mit einer Bibliografie von Sabine Fuchs. Residenz Verlag. 256 Seiten. 23,50 Euro.
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