Nöstlinger rassistisch? „Wahrscheinlich hätte sie sich nicht aufgeregt“
Barbara Waldschütz hat den eben posthum erschienenen Text "Marie und die Wolke" von ihrer Mutter Christine Nöstlinger illustriert.
Ob sich Christine Nöstlinger geärgert hätte, dass eine sogenannte Bildungsinfluencerin ihrem „Gurkenkönig“ dieser Tage Rassismus vorgeworfen hat, weil in dem Buch „das N-Wort reproduziert“ wird? Ihre Tochter Barbara Waldschütz meint, es „hätte sie persönlich nicht besonders aufgeregt, sie hätte sich aber vermutlich Gedanken darüber gemacht, ob es Aspekte gibt, denen sie zustimmt.“
Denn Nöstlinger war kritisch mit ihren Texten, sie hat durchaus auch mal etwas umgeschrieben, dass sie nicht mehr zeitgemäß fand. Sie hat auch gesagt, sie würde das N-Wort nie mehr heute schreiben, aber wenn in einer Geschichte der Großvater erzähle, dass er 1945 seinen ersten Schwarzen gesehen habe, dann habe er eben das N-Wort verwendet. Sie sei der Meinung gewesen, das rege Kinder mehr an, weil so die historische Dimension dazukomme. „An ihrer Vorstellung, dass Humanismus und Aufklärung nicht ohne ein Minimum an geschichtlichem Bewusstsein möglich sind, hätte sie sicher festgehalten“, so die Tochter. Denn die Diskriminierung verschwinde ja nicht, weil ein Wort verschwindet, betont Waldschütz: „Statt ,Neger’ sagt der rassistische Onkel dann halt: ,Menschen mit dunkler Hautfarbe sind prinzipiell fauler und passen nicht in unsere Kultur.“
Christine Nöstlinger, 2018 verstorben, würde heuer im Oktober ihren 90. Geburtstag feiern.
Sie und ihre Schwester Christiane Nöstlinger haben sich als Verwalterinnen des ideellen Erbes ihrer Mutter daher dafür entschieden, Wörter nicht zu eliminieren, sondern ihnen mit einem Sternchen eine Erklärung hinzuzufügen. Solche sind übrigens bereits ab der Ausgabe von 2003 auch im „Gurkenkönig“ zu finden. Auf welche Ausgabe sich die Kritik der Influencerin bezog, ist quellenkundlich nicht ersichtlich. Das Video, in dem nur das Cover eingeblendet wird, lässt eher vermuten, dass sie selbst zuvor in gar kein Buch geschaut hat.
Geburtstagsfeiern
Eine unerquickliche Episode, aber sie soll den Einstieg in die Feierlichkeiten zum 90. Geburtstag von Christine Nöstlinger nicht vergällen. Am 13. Oktober hätte die große Wiener Kinderbuch-Autorin ihn gefeiert. Zu diesem Anlass erscheint im Residenz-Verlag eine Gesamtausgabe ihrer Dialektgedichte, „I kenn mi ned wiaglich aus auf da Wöd“. Und bereits vor einigen Wochen ist ein Text posthum erschienen: „Marie und die Wolke“. Illustriert hat ihn Waldschütz. „Eines Tages hat sie gesagt: ,Ich hab da einen Text, willst den nicht illustrieren? So war es eigentlich immer.“ Denn „Marie und die Wolke“ ist nicht das erste Buch der Mutter, dem Waldschütz Bilder verliehen hat. Das erste war „Klicketick“ 1990, auch die berühmte „Feuerrote Friederike“ hat Waldschütz für eine Ausgabe illustriert. Dieses Buch haben übrigens auch sowohl die Mutter selbst als auch Schwester Christiane bebildert.
Gezeichnet hat Waldschütz immer schon gern. Aber den Weg an die Akademie hat sie gescheut: „Da waren diese ganzen bunten Vögel, unglaublich selbstbewusst und aufgeplustert. Ich hab sofort gedacht, nein, so kann ich nicht sein. Und bin wieder umgedreht.“ Sie wendete sich der Biochemie zu, machte aber auch eine Lehre in Lithografie und studierte schließlich Informatik. „Das muss man sich vorstellen, das waren noch Computer mit Lochkarten“, erzählt sie.
Am 13. Oktober wäre Christine Nöstlinger (1936–2018) 90 Jahre alt geworden. An diesem Tag wird im Rabenhof ein „Geburtstagsfest für Christine Nöstlinger“ gefeiert, Gerald Votava und Stefanie Sargnagel lesen.
Am 21. September erscheint „I ken mi ned wiaglich aus auf da Wöd“ (Residenz), es versammelt die gesamte Dialektdichtung. Die Buchpräsentation findet am 7. Oktober im Wien Museum statt.
Am 8. Oktober wird die Ausstellung „Fliegende Katzen im Gemeindebau“ über Nöstlinger als Pionierin der Kinderliteratur im Literaturmuseum der Nationalbibliothek eröffnet. Am 16. Oktober kommt der Dokumentarfilm „Sowieso und überhaupt“ von Alexandra Schneider über das Leben und den Humor der Autorin ins Kino.
Zudem gibt es im Herbst verschiedene Theaterpremieren, wie „Rosa Riedl Schutzgespenst“ (Stadttheater Klagenfurt) und „Die Sache mit dem Gruselwusel“ (Landestheater Niederösterreich).
Doch noch getraut
Ihre Mutter fand aber, dass sie ihr Talent verschwende an „irgendwelche ominöse Computer“, und machte ihr den Vorschlag, eins ihrer Bücher zu illustrieren. „Ich hab meistens schräg illustriert, weil ich keine liebliche Seite habe. Aber das hat gut zu meiner Mutter gepasst. Die war ja auch eher cool.“ Für „Klicketick“ erhielt Waldschütz zwei Preise, weitere sollten folgen.
Zum Hauptberuf wurde das Illustrieren trotzdem nicht, das wurde die wissenschaftliche Grafik. Aber das Studium an der Akademie – in der Klasse von Peter Weibel – , das hat sich Waldschütz dann doch noch getraut. „Ich hab gemerkt, besser geht es mir in der Kunst als in der Informatik.“
Christine Nöstinger mit ihrer Tochter Barbara Waldschütz.
Gerettete Bilder
Die Illustrationen im neuen Gedichtband sind allerdings von Christine Nöstlinger selbst. Und es ist ein Glück, dass es sie überhaupt gibt. „Sie ist ja auf die Angewandte gegangen, hat Gebrauchsgrafik gemacht. Und da gab es eine Mappe, die stand immer unbeachtet im Bücherregal. Bei einer Übersiedlung wollte sie die wegschmeißen. Ich hab’s mir angeschaut und gesagt, nein, das kannst du nicht weghauen. Und sie sagt: ,Wozu brauch ich das noch?’ So war das immer.“ Deswegen konnte die Familie der Nationalbibliothek nur einen „mageren Nachlass“ übergeben. „Nur so ein kleines Kistl. Sie hat, bevor sie einen Computer hatte, alles handschriftlich geschrieben, diese ganzen vielen Hefte mit ihrer wirklich schönen Handschrift… Es gibt kaum noch was.“
Apropos Nachlass: Waldschütz und ihre Schwester sind verantwortlich für das Vermächtnis ihrer Mutter. Dafür haben sie die „Buchstabenfabrik“ gegründet. Mit den Erlösen aus dem Verkauf der Nöstlinger-Werke werden Projekte zur Leseförderung von Kindern unterstützt. Allerdings werden diese Erlöse immer weniger: „In den Jahren seit dem Tod unserer Mutter 2018 haben sich die Buchverkäufe auf ein Drittel reduziert.“ Dass man in Buchhandlungen keine große Auswahl an Nöstlinger-Büchern findet, führt Waldschütz darauf zurück, dass Verlage heute immer nur das Neue suchen. Einige Bücher sind überhaupt schon länger nicht mehr aufgelegt worden. Da überlegen die Schwestern nun, die Rechte wieder zurückzufordern.
Keine engagierte Jugendliteratur mehr
Besonders empört Waldschütz, dass Verlage Künstliche Intelligenz dafür nützen, um herauszufinden, ob sich ein Text herauszubringen lohnt. „Das ist so ein grundlegendes Missverständnis darüber, was die KI kann. Da kann nur eine Nivellierung auf ein Mittelmaß herauskommen, ein Stilmischmasch, der überhaupt nichts bedeutet.“ Mit engagierter Jugendliteratur habe das nichts mehr zu tun: „Das Verlagsgeschäft ist keines mehr, wo es darum geht, einen intellektuellen, literarischen Anspruch zu haben. Da haben auch Thalia und Amazon viel kaputtgemacht, die viel Druck auf die Verlage ausüben. Es ist schon klar, dass es den Verlagen schlecht geht. Ich glaube nur, dass sie lange nicht richtig reagiert haben. Sie haben sich alle nicht getraut zu sagen, den totalen Schrott überlassen wir den Neuen Medien. Jetzt machen wir erst recht besonders wertvolle, schöne Bücher, die auch haptisch ein Erlebnis sind.“
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