© APA/GEORG HOCHMUTH

Kultur
10/07/2019

Cher-Konzert in Wien: Abschied mit Freude, Würde und Schmäh

Die Hollywood-Ikone zeigte sich bei der "Here We Go Again"-Farewell-Tour in der ausverkauften Stadthalle prächtig bei Stimme.

von Brigitte Schokarth

Irgendwann in der „Here We Go Again“-Abschieds-Show erzählt Cher in einer Videoeinspielung während einer Umkleide-Pause: „Sänger haben mich nie als Sängerin gesehen, Schauspieler nie als Schauspielerin ernst genommen. Ich habe nie zu einer dieser Gruppen gehört.“

Das hätte zu einem Dilemma werden können. Aber die 73-Jährige machte es zeitlebens zu ihrer Stärke, in ihrer eigenen Liga zu spielen. Sie hat mehr als 200 Millionen Tonträger verkauft, für ihre Rolle in „Mondsüchtig“ den Oscar gewonnen, mit ihren gewagten Outfits die Mode geprägt und mit all dem zusammengenommen, die Selbstbestimmung von Frauen in der Unterhaltungsindustrie etabliert.

Jetzt steht sie auf der Bühne der Wiener Stadthalle und zieht eine Show ab, die all das zum Karriere-Abschluss noch einmal perfekt zusammenfasst: Es gibt einen Ausflug nach Indien bei „All Or Nothing“, das Cher im Sari auf einem Papp-Elefanten singt. Die Sixties leben auf, wenn sie „I Got You Babe“ intoniert, das sie mit ihrem verstorbenen Mann Sonny Bono einst als Sonny & Cher aufgenommen hatte.

Dazwischen geben lange Intermezzi Cher die Zeit, sich umzuziehen und ihre legendären Outfits anzulegen. Dabei winden sich zwei Trapez-Artisten tänzerisch hoch über der Bühne, der Gitarrist lässt ein wuchtiges Rocksolo von Stapel und per Video-Einspielungen auf den LED-Schirmen sieht man die besten Szenen aus Chers Filmen. All das ist raffiniert und interessant gestaltet, bildet entweder eine perfekte Überleitung zum nächsten Song-Block, oder macht im Kontext der Abschieds-Tour Sinn, indem es wichtige Stationen und Einflüsse im Leben der Cherilyn Sarkisian illustriert. 

So fällt es im Gesamtbild gar nicht auf, dass der Star des Abends für ein Drittel der Zeit gar nicht auf der Bühne ist. Das Einzige, was anfangs ein bisschen stört, ist, dass Cher bei den Songs, zu denen sie mit dem Choreographie-Ensemble tanzt, nicht alles live singt. Das hört sich aber schnell auf und ab dem Mittelteil mit drei Abba-Songs (in Anlehnung an ihr vorigen Herbst erschienenes Abba-Cover-Album) wird die Inszenierung weniger bombastisch und Cher singt jeden Ton live. Und wie! Ihre Stimme hat nichts an Kraft eingebüßt, bebt und vibriert, wenn sie die Hits „The Shoop Shoop Song (It’s In His Kiss)“ und „Walking in Memphis“ in die seit Monaten ausverkaufte Stadthalle schmettert. Die Freude und die Fröhlichkeit, die sie dabei ausstrahlt, gehen unter die Haut und machen es unverständlich, dass sie einst als Sängerin nicht anerkannt war.

Als sie zum Schluss bei „If I Could Turn Back Time“ mit Netz-Catsuit und Lederjacke, wohl ihrem legendärsten Outfit, auf die Bühne kommt, gibt es Sonderapplaus. Denn an ihr ist das Teil, das aus einem Pornoladen kommen könnte und 1989 ein Skandal war, immer noch keine Spur peinlich. Cher ist auch körperlich ein Phänomen, mit 73 schlank wie eh und je und fit wie eine 35-Jährige. „Wenn ich mein Alter sage, und die Leute applaudieren, weiß ich nicht, ob sie das tun, weil sie froh sind, dass ich noch lebe, oder darüber überrascht sind. Oder, weil mir meine Kostüme noch passen?“, hatte Cher zu Beginn der Show gescherzt. In diesem Moment galt sicher Letzteres. 

Doch der Jubel der 11.000 Wiener bei der Zugabe mit „Believe“ galt dann genauso sicher einer Hollywood-Ikone, die ihrem außergewöhnlichen Leben und den vielen Talenten mit dieser Abschieds-Show gerade ein extrem unterhaltsames und in jedem Aspekt würdiges Denkmal gesetzt hat.