Kultur
19.11.2017

Charles Aznavour: "Aufhören ist Sterben. Dafür bin ich noch nicht bereit!"

Die Chanson-Legende tritt am 9. 12. in der Wiener Stadthalle auf. Im KURIER-Interview spricht der 93-Jährige über Edith Piaf, Armenien, Niederlagen und Zukunftspläne.

In zartem Schönbrunner-Gelb leuchtet das Haupthaus des Anwesens von Charles Aznavour zwischen sauber zurechtgestutzten Hecken hervor. Es ist – seiner Lage bei Marseille entsprechend – in mediterranem Stil gehalten, hat einige Nebengebäude, eine überdachte Veranda vor dem Seitenportal, einen grünen Innenhof dahinter. Der Hausherr hat all das selbst entworfen, wird er später erzählen. Denn: "Nur ich weiß, was ich brauche."

Die Chanson-Legende hat den KURIER in sein französisches Domizil zum Interview geladen. Gerade ist Aznavour aus Tel Aviv gekommen, wo er vor 7000 Fans und begeisterten Kritikern gesungen hat. Übermorgen geht es nach Mailand zum nächsten Konzert.

Das Wort Pause kennt der 93-Jährige nicht. Er weigert sich, seine Shows als "Abschiedskonzerte" zu titulieren. "Das tun nur die anderen. Verrückt! Ich würde das nie sagen!" empört er sich bei der Begrüßung und führt vor dem Interview durchs Haus. Er zeigt die Gemälde an den Wänden. Das eine vom schwedischen König hat er für seine schwedische Frau gekauft. Die modernen Porträts dazwischen sind Auftagsarbeiten, zeigen Edith Piaf und alle anderen Künstler, die er gern hat.

Bevor das Gespräch beginnt, besteht Aznavour darauf, seinen gesunden Drink zu kredenzen – roten Traubensaft, der mit ein paar anderen Früchten gemischt ist. Sehr gut! "Ich trinke das jeden Tag. Das hält mich fit!"

KURIER: Herr Aznavour, Sie waren gut mit Udo Jürgens befreundet ...

Gut befreundet ist vielleicht übertrieben, weil wir uns nicht oft gesehen haben. Aber ich habe ihn sehr gemocht, wir haben viel gemeinsam gehabt. Er war ein guter Sänger und hatte tolle Songs.

Eine Gemeinsamkeit ist, dass Sie beide Songs über Themen geschrieben haben, die für ihr Genre ungewöhnlich waren.

Als ich begann, Songs zu schreiben, habe ich nach Sachen gesucht, die ich sagen will. Denn alle haben immer nur dasselbe gesagt: "Ich liebe dich, du liebst mich nicht, du hast mich verlassen!" Aber nicht mit mir! Ich wollte über etwas anderes singen, über die Fakten des realen Lebens. Also habe ich über Homosexualität gesungen, über Vergewaltigung, Scheidung. Mein erster deutscher Song, der erfolgreich war, heißt "Du lässt dich gehn" über eine fett gewordene Frau. Alle sagten, das geht nicht, das kannst du nicht veröffentlichen. Dann haben sie schnell einen Song für eine Show gebraucht und sagten, nehmen wir den von dem Armenier. Als er erschien, haben wir an einem Tag eine Million Platten verkauft. Die Leute haben auf so etwas gewartet.

Es dauerte 14 Jahre, bis Sie als Sänger anerkannt waren. Waren diese Themen der Grund dafür?

Das hat sogar noch länger gedauert. Alles war gegen mich. Erstens bin ich kein Franzose, sondern Armenier. Es lag aber auch an meiner gebrochenen Stimme. Und ich bin zu klein, nicht blond und blauäugig. Ein Kritiker schrieb über mich: "Es ist nicht normal, einen Krüppel auf die Bühne zu lassen. Er ist hässlich, kann nicht singen und hat schlechte Songs." Ich hatte wirklich die schlimmsten Kritiken.

Hat Sie das gekränkt?

Nicht gekränkt, es hat mich wütend gemacht. Und das ist gut. Denn das gibt dir Kraft, stärker zu werden und voranzugehen.

Auf die Frage, ob er in dieser Zeit je daran gedacht hat, aufzugeben, reagiert Azanavour amüsiert. "Ich aufgeben? Nein, die müssen aufgeben!" lacht er. Und setzt hinzu: "Sie sind eh schon alle tot. Und ich arbeite immer noch."

Er selbst war sich immer sicher, dass er es schaffen werde, sagt er, er habe nicht erwartet, dass das schnell geht. Er steht auf und zeigt Fotos, die an der Wand neben seinem Schreibtisch hängen. Eines zeigt ihn mit seiner Schwester, mit der er mit neun Jahren als Tänzer angefangen hat. Daneben hängt ein Foto mit Edith Piaf. Acht Jahre haben die beiden zusammengelebt – aber niemals als Liebespaar. Die Beziehung war immer platonisch, betont er: "Es war eine freundschaftliche Liebe – wie Bruder und Schwester!"

Stimmt es, dass Edith Piaf Ihnen Ihre erste Chance als Sänger gegeben hat?

Sie hat mich in ihre Show geholt. Ich war vor ihr dran, habe den ersten Teil gesungen. Das war schwierig, weil die Leute nur auf sie gewartet haben. Und dann sagte sie auch immer noch so unpassend: "Sing doch noch einen Song". Sie hat mich gelehrt, hartnäckig zu bleiben, auch wenn das Publikum nicht ganz auf meiner Seite war. Sie war selbst das beste Beispiel dafür. Einmal sagte ich zur ihr: "Warum singst du immer wieder diesen einen Song? Die Leute mögen ihn nicht, das ist ein Flop!" Sie sagte nur: "Eines Tages werden sie ihn mögen!". Und sie hatte recht.

Sie haben kürzlich auch mit Zaz gearbeitet ...

Ja, die kommen alle und wollen mit mir singen. Und wenn sie gut sind, mache ich das gerne. Ich habe 150 Duette gesungen – auch mit Elton John oder Frank Sinatra. Mit dem war es toll! Wir hatten viel Spaß und einiges getrunken – den feinsten Wein, Château Pétrus – keinen Whiskey, so etwas trinke ich nicht. Und mit Liza Minnelli war ich auf Tour, das war sehr erfolgreich. Aber da gab es nichts zu trinken. Auf Tour müssen wir singen und in Form sein, da bin ich sehr strikt.

Er steht wieder auf, holt ein Foto von sich mit Claude Chabrol hervor. Bis 2006 spielte er in über 70 Filmen mit. Jetzt schaut er sich jeden Abend einen Film auf DVD an. Selbst drehen will er aber nicht mehr. Songs zu schreiben genügt ihm. 40 hat er liegen – "und nur 12 passen auf ein Album!". Deshalb ist als nächstes ein italienisches Album in Planung. Und das englische danach auch schon.

Neben dem Chabrol-Foto liegt ein Briefmarken-Set aus Israel – gewidmet Aznavours Eltern, weil sie bei sich zu Hause Juden vor der Nazi-Verfolgung versteckt haben. Die Juden, sagt er, waren das erste Publikum, das ihn akzeptiert hat. Aber auch in der arabischen Welt ist Aznavour ein Star. "Meine erste Tochter hat einen Juden geheiratet, meine zweite einen Araber. Ich liebe beide, sie sind wunderbare Menschen. Wir haben ein großartiges Zusammenleben und ich gebe mir Mühe, nach Außen zu tragen, dass das möglich ist."

Sie sind in Paris geboren, haben aber armenische Vorfahren und deshalb die Organisation "Azanavour for Armenia" gegründet. Ist Ihr Ziel, dass die Türkei endlich den Völkermord anerkennt?

Mit der Organisation machen wir viel mehr. Ich habe gerade ein Kultur-Museum gebaut, wir spenden Bücher und Ähnliches. Ich habe nichts gegen die Türken. Meine Mutter war Türkin armenischer Abstammung. Und ich sage immer, wenn die Türken das Wort Genozid nicht mögen, dann sollen sie uns zumindest erklären, warum sie Hunderttausende Armenier umgebracht haben. Das ist das einzige, was ich wissen will: Warum? Wir wollen kein Geld, obwohl damals einige Leute sehr reich geworden sind, weil sie das Eigentum armenischer Familien an sich gerissen haben. Wir wissen das, und sie wissen das. Mr. Erdoğan täte gut daran, aufzuhören, das zu leugnen. Ich würde mich freuen, ihn einmal treffen zu können, um mit ihm darüber zu sprechen.

Haben Sie schon versucht, ihn zu treffen?

Nein, ich hoffe, dass er es eines Tages versuchen wird. Ich bin ja der einzige Armenier, der mit ihm reden würde. Aber es ist jetzt 100 Jahre her, warum es noch hundert Jahre verleugnen? Es wäre menschlich und auch intelligenter – wenn sie das Wort Genozid nicht gebrauchen wollen – zumindest zu sagen, okay, es war Krieg und wir haben viele Menschen umgebracht. Dann hätte auch das türkische Volk eine Last von den Schultern. Als 2007 der armenische Journalist Dink in Istanbul ermordet wurde, kamen 400.000 zu seinem Begräbnis. Das waren nicht nur Armenier, das waren Kurden aber auch Türken, die gegen die Ermordung demonstrierten. Ich hoffe sehr, dass all dieser Blödsinn einmal vorbei ist. Warum müssen wir im Namen Gottes Menschen umbringen? Denn eines weiß ich sicher: Wir sind alle Menschen, und unser eigentliches Land ist die Erde.

Damit entschuldigt er sich, er will sich sich auf Mailand vorbereiten und ein bisschen mit dem Rücken-Massagegerät entspannen, das er oben stehen hat. Das hält ihn fit. Das und das Aqua-Jogging im Pool: "Da mache ich ganz diszipliniert, jeden Morgen 340 Meter!"

Und ans Aufhören denkt er wirklich nie? "Nein, nein, nein. Denn ich liebe ja was ich tue. Wenn ich mich dort an meinen Schreibtisch setze und an Songs arbeite, bin ich der glücklichste Mensch der Welt. Aufhören ist Sterben. Und dafür bin ich noch nicht bereit!"

INFO

Eintrittskarten für das Konzert von Charles Aznavour am 9. Dezember in der Wiener Stadthalle gibt es unter: 01/96 096 oder www.oeticket.com

„Meine Mutter hat dauernd geweint, als ich ein Bub war“, erinnert sich Charles Aznavour. „Sie hatte ihre ganze Familie verloren. Mutter, Vater, Großvater, Cousins. Alle bis auf ihre Großmutter sind verschwunden. So habe ich von dem Völkermord an den Armeniern erfahren.“

Heute ein kleiner Binnenstaat im Kaukasus, eine Republik mit rund drei Millionen Einwohnern und der Hauptstadt Jerewan, hatte Armenien immer schon eine wechselvolle Geschichte. Die schlimmste Zeit aber kam während des Ersten Weltkrieges: Am 24. April 1915 veranlasste der osmanische Innenminister Talât Bey, der der nationalistischen jungtürkischen Bewegung angehörte, die Verhaftung und Deportation armenischer Intellektueller in Istanbul. In der Folge wurden bis 1917 1,5 Millionen Armenier verschleppt, ermordet und in Massengräbern verscharrt.

Die Türkei bestreitet diese Opferzahl, setzt sie bei 300.000 bis 600.000 an, und weigert sich bis heute hartnäckig, das Wort Genozid zu benützen.