Regisseurin Catalina Molina  (34) hat mit „Glück allein“  ihren ersten „Tatort“ gedreht.

© Paul-Julien Robert

Interview
06/01/2019

Catalina Molina über ihr "Tatort"-Debüt "Glück allein"

"Glück allein" heißt der neue Fall aus Österreich, mit dem die Regisseurin Catalina Molina ihr "Tatort"-Debüt gibt. Das Interview.

von Marco Weise

Regisseurin war  nicht ihr Traumberuf: Catalina Molina wollte als Kind lieber  Astronautin oder Psychologin werden. Aber  im Leben kommt es meistens anders, als man denkt. So auch bei der mittlerweile 34-Jährigen. Mit dem Film ist die Wahl-Wienerin mit argentinischen Wurzeln  und steirischer Sozialisierung zum ersten Mal in  der Schule  in Berührung gekommen. „Ausschlaggebend waren Drehbuchübungen, die wir im Rahmen des Unterrichts machen mussten. Ich habe schnell gemerkt, dass mir das liegt und ich Anerkennung für meine Arbeiten bekomme. Mit 17 habe ich meinen ersten Kurzfilm gedreht und mich nach der Matura für die Filmakademie in Wien beworben. Das Filmemachen hat alle meine Interessen vereint“, sagt Catalina Molina im Interview.

Rund 15 Jahre später kann  die Regisseurin, die bei Michael  Haneke das Handwerk  erlernt hat, auf  ausgezeichnete Kurz-, Spiel- und Fernsehfilme („Landkrimi“) verweisen. 
Am Sonntag, dem 2. Juni (20.15, ORF 2), hat ihr erster „Tatort“ Premiere. 

KURIER: Das Drehbuch war vorgegeben und stammt von Uli Brée. Wie viel kann man da als Regisseurin noch verändern?
Catalina Molina: Ich schätze Uli Brée als Autor sehr. Seine Dialoge sind knackig und stets am Punkt. Da ich das Drehbuch aber relativ spät bekommen habe, blieb abseits der restlichen organisatorischen Herausforderungen, wie die Auswahl der Schauspieler, Suche nach Locations und allgemeinen Vorbereitungen zu den Dreharbeiten kaum Zeit für gröbere Änderungen. Trotzdem habe ich ein paar Details beigefügt und andere weggelassen. Es waren Feinjustierungen. Inhaltlich kann man bei einem Krimi auf die Schnelle nicht viel ändern, denn das ist wie ein Kartenhaus: Lässt man eine Sache weg, kann die Struktur der Geschichte in sich zusammenbrechen.

Wie war es, Teil der renommierten Krimireihe zu sein?
Es war schon super, Teil der „Tatort“-Familie zu sein. Harald Krassnitzer und Adele Neuhauser sind ein eingeschweißtes Duo, zwei durch und durch professionelle Schauspieler, mit denen man gerne Zeit verbringt und arbeitet. Sie engagieren sich auch ständig am Set, hinterfragen Szenen, machen nicht nur das, was nötig ist, sondern wollen immer mehr. Ihre Leidenschaft für den „Tatort“ und ihre Rollen sind jederzeit spürbar, das gilt übrigens auch für Thomas Stipsits und Hubsi Kramer.  

Wie werden abseits des Hauptcasts die Rollen besetzt?
Man überlegt gemeinsam mit der Casterin und den Redakteuren, wer in Frage kommt und geht dann einen Pool an möglichen Schauspielern durch. Sobald ein Wort gesprochen oder auch stumm, etwas gespielt werden soll, caste ich die Rolle. Die Auswahl an Schauspielern ist dabei aber oftmals begrenzt, denn im Rahmen der „Tatort“-Reihe wird viel Wert darauf gelegt, dass nicht immer dieselben Schauspieler zu sehen sind. Das schränkt die Auswahl natürlich ein, wenn man bedenkt, wie viele Fälle in Österreich und Deutschland jährlich gedreht werden. Wenn jemand eine größere Rolle übernommen hat, ist sie oder er ein paar Jahre lang „gesperrt“.

Sind Sie auf den Geschmack gekommen?
Ja total, wenn ich das Drehbuch ansprechend finde, würde ich auf jeden Fall einen weiteren „Tatort“ drehen.

Wie wichtig ist ein gutes Drehbuch?
Wenn das Drehbuch nicht gut ist, dann hilft die beste Regie nichts. Und am Ende wird auch nicht zwischen Drehbuch und Regie unterschieden. Kein normaler Zuschauer sagt: Das Drehbuch war grottenschlecht, aber die Regie hervorragend. Nein, stattdessen heißt es: Der Film ist schlecht. Und die Verantwortung trägt dann die Regisseurin oder der Regisseur.

Werden Sie sich die Kritiken in den zahlreichen „Tatort“-Fanseiten ansehen?
Ja, ich werde mir die Kommentare auf den Fan-Seiten schon durchlesen, denn ich will ja wissen, wie der eigene „Tatort“ bei den SeherInnen ankommt. Man macht ja Filme fürs Publikum. Beim Feedback muss man aber zwischen konstruktiver Kritik und persönlichen Befindlichkeiten unterscheiden.

Viele Fälle haben irgendeinen realen Bezug. Ist das auch bei „Glück allein“ der Fall?
Ja, auch bei diesem „Tatort“ dient ein realer Fall als Vorbild: „Glück allein“ nimmt Bezug auf die Vorwürfe gegenüber eines steirischen Arztes, der seinen Kindern Drogen verabreicht haben soll und sich diesbezüglich gerade vor dem Gericht verantworten muss. Aber das Drehbuch erzählt diesen Fall keineswegs eins zu eins nach, sondern nimmt das bloß als Inspiration.

Wie gefällt Ihnen die Zusammenarbeit mit dem ORF?
Sehr gut! Sehr human, sehr ehrlich, auf Augenhöhe. Würde mir nur mehr Zeit für das Entwickeln von Stoffen und mehr Drehtage wünschen. In 21 Tagen einen Film drehen, ist einfach zu kurz. Darunter leidet die Qualität, es bleibt kaum Zeit für Versuche und Proben. In Deutschland gibt es für einen „Tatort“ immerhin 23 Drehtage.

Sie haben kürzlich mit „Das dunkle Paradies“ ihren zweiten Landkrimi abgedreht. Nach dem Debüt „Drachenjungfrau“ haben Sie bei der Fortsetzung selbst das Drehbuch beigesteuert. War das eine Bedingung?
Ja, schon. Ich wollte nach dem ersten Landkrimi unbedingt selbst eine Geschichte entwickeln und konnte das in Zusammenarbeit mit Sarah Wassermair auch machen. Dass mich ein fremdes Drehbuch auf Anhieb begeistert, wäre ein reiner Glücksfall. Die Entscheidung, welche Geschichte man erzählen will und welche Figuren mit welchen Zielen, Problemen, und Eigenschaften man auf den Schirm bringen möchte, ist eine wahnsinnig Persönliche! Außerdem weiß ich dann am Set genau, wofür jede einzelne Szene steht und wie sie auszusehen hat. Das macht die Umsetzung viel organischer und einfacher.

Sie arbeiten seit geraumer Zeit mit dem immer gleichen Team zusammen, darunter Kameramann Klemens Hufnagl. Bekommt man Sie nur im Doppelpack?
Nein, das ist natürlich keine Voraussetzung, aber es macht die Arbeit einfacher. Denn ein eingespieltes Team funktioniert viel effizienter und so einen Film umzusetzen, bedeutet ja auch viel Lebenszeit zu investieren. Also warum diese Wochen nicht mit Menschen, die man schätzt und mag verbringen, die obendrein großartige Filmemacher sind.

Unterscheid zwischen „Tatort“ und „Landkrimi“: Ist es etwas anders, am Land zu drehen?
Wenn wir als Team über mehrere Wochen in einem Hotel untergebracht ist, herrscht schon eine andere Stimmung am Set. Der Alltagsstress fällt weg und man ist dadurch fokussierter und verschweißter, weil man auch ganz viel private Zeit zusammen verbringt. Das Drehen selbst ist meistens entspannter am Land, weil die Leute vor Ort viel unkomplizierter sind und vieles Ermöglichen. So ein Krimi wird ja nicht alle Tage dort gedreht und die Freude darüber ist schön!

Sie sind in der Obersteiermark aufgewachsen. Hilft es bei einem Dreh am Land, wenn man den ländlichen Gepflogenheiten vertraut ist?
Ich glaube schon. Man kennt ländlichen Gepflogenheiten, die Sprache, Eigenheiten, die Traditionen und weiß, wie die Menschen dort so ticken. Wenn man Milieus gut und aus der Nähe kennt, ist das immer hilfreich.

War Regisseurin immer schon Ihr Traumberuf?
Nein, als Kind wollte ich Astronautin oder Psychologin werden.

Wie sind Sie zum Film gekommen?
Durch meine Schule in Graz mit den Schwerpunkten Fotografie und Video. Ausschlaggebend waren ersten Drehbuchübungen, die wir im Rahmen des Unterrichts machen mussten. Das hat mir von Anfang an enormen Spaß gemacht. Ich habe schnell gemerkt, dass mir das liegt und ich Anerkennung für meine Arbeiten bekomme. Dann habe ich mit 17, 18 Jahren meine ersten Kurzfilme gedreht und mich nach der Matura für die Filmakademie in Wien beworben. Das Filmemachen hat alle meine Interessen vereint.

Sie haben an der Filmakademie unter Michael Haneke studiert. Wie ist es, Haneke-Schülerin zu sein?
Ich habe mich immer sehr unterstützt gefühlt. Es gibt aber auch viele, die unter seinem harten Urteil leiden. Er ist wahnsinnig ehrlich und sagt seine Meinung gerade heraus. Wenn er etwas scheiße findet, wird er das auch genau so formulieren – und natürlich auch ausführlich begründen. Aber diese Direktheit hat mir immer gefallen.

Färbt da der Stil von Lehrer Haneke auf die Schüler ab?
Es gab schon immer wieder Sequenzen in Kurzfilmen von Studierenden, die stark an Arbeiten von Michael Haneke erinnerten. Aber er hat das immer sofort angesprochen: Denn er wollte auf keinen Fall, dass ihn die Studentinnen nur kopieren. Wir sollten vielmehr unsere eigenen Geschichten erzählen. Das war ihm wichtig und vielleicht auch ein Grund, warum ich gut mit ihm ausgekommen bin.

Was macht Ihre Filme aus?
Eine schwierige Frage! Ich glaub, ich versuche wahrhaftige und authentische Momente zu erzeugen, die berühren. Wenn das gelingt, kann die Figur den Zuschauer an der Hand nehmen und überall hinziehen. Und Stimmungen sind mir ganz wichtig, deshalb versuche ich oft stilisierte Klammern im Film einzubauen, die Raum für Gedanken und die eigenen Sehnsüchte lässt.

Wie wichtig ist Networking in diesem Beruf?
Seit ich Kinder habe, also seit über fünf Jahren, gehe ich sehr selten auf Filmpartys: Zum Networken bleibt mir ehrlich gesagt gar keine Zeit. Wahrscheinlich schadet es nicht, aber ich muss sagen, ich habe noch nie einen Auftrag aufgrund einer Begegnung auf einer Party oder einem anderem Film-Event bekommen, oder umgekehrt: einen Schauspieler oder eine Schauspielerin besetzt, nur weil ich ihn oder sie privat kennengelernt habe und sympathisch finde. Da gehört schon mehr dazu.

Wird man als zweifache Mutter öfters schief angesehen, wenn man bei Dreharbeiten die Kinder beim Vater lässt?
Es gibt nach wie vor eine gesellschaftliche Erwartungshaltung, wie man als Mutter zu sein hat. Wenn man dieser Norm nicht zu 100% entspricht, stößt man auf Widerstand. Und natürlich kriegt man das dann zu spüren. Aber da hilft nur Abgrenzung. Denn es ist okay, wenn ich vier Wochen drehe und meine Kinder in dieser Zeit nur am Wochenende sehe. Es geht ihnen gut. Es kümmert sich mein Partner in dieser Zeit um sie und er macht das hervorragend! Grundsätzlich gilt: Wie man es macht, macht man es falsch. Wenn man als Mutter seiner Karriere nachgeht, ist man eine Rabenmutter. Bleibt man zuhause bei den Kindern, ist man langweilig, bequem oder gar konservativ. Wir als Familie haben da eine gute Balance gefunden. Meine Fünfjährige ist schon öfters am Set dabei gewesen und realisiert das auch bereits. Sie sagt zum Beispiel: „Meine Mama ist Chef vom Film. Ich will auch einmal Chefin sein.“ (lacht). Außerdem bekommt meine Tochter zu spüren, dass die Mama etwas arbeitet, was ihr großen Spaß macht. Und das ist doch etwas Schönes.

Was steht zurzeit an, was sind die Pläne?
Ich schreibe gerade an verschiedenen Drehbüchern für Kino und TV, dieses Jahr bin aber ich vermehrt bei meinen Kindern und das genieße ich auch sehr!

"Glück allein" (Sonntag, ORF2, 20.15): Als Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und Bibi Fellner (Adele Neuhauser) an den Tatort kommen, bietet sich ihnen ein erschütterndes Bild: Der Nationalratsabgeordnete Raoul Ladurner (Cornelius Obonya) fassungslos und mit blutverschmierten Händen vor seinem Haus, seine Frau erstochen in der Küche, die gemeinsame Tochter lebensgefährlich verletzt. Was ist hier passiert? Ladurner erhebt  sofort  schwere Vorwürfe gegen eine Geschäftsfrau aus der Ukraine, deren Deals er als Abgeordneter in die Quere gekommen ist. Doch auch Ladurner erscheint in zunehmend zwielichtigem Licht. Vor allem Eisner zweifelt stark an der  Geschichte Ladurners. Die Verhältnisse innerhalb seiner Familie waren längst nicht so idyllisch, wie er das  dargestellt.

Die Produktion: Neben  Krassnitzer und Neuhauser  ermitteln  der  diesmal mehr zur Geltung kommende  Manfred „Fredo“ Schimpf (Thomas Stipsits) und Gerti Drassl als Kommissarin Julia Soraperra. Regie führte Catalina Molina. Das Drehbuch stammt von Uli Brée.    Kamera:   Klemens Hufnagl; produziert wurde  „Glück allein“ von der epo-Film.

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