Reinhard Rietsch (li.) alias Camo und Markus Wagner alias Krooked sind Camo & Krooked.

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Interview
01/11/2020

Camo & Krooked: „Schnitzelpower“ für die Tanzfläche

Das österreichische Duo bespielt seit Jahren die internationale Drum and Bass-Szene. Ein Gespräch über einen Sound, den die beiden als „Einstiegsdroge in die elektronische Musik" bezeichnen.

von Marco Weise

Der aus Salzburg stammende Reinhard Rietsch alias Camo und der in Lilienfeld aufgewachsene Markus Wagner alias Krooked sind aus der internationalen Drum and Bass-Szene nicht mehr wegzudenken. Seit über zehn Jahren wird das in Wien ansässige Duo für ihren musikalischen Output in einem Bereich der elektronischen Musik gefeiert, der sich in den 90er-Jahren in England entwickelt hat. Seither genießt Drum and Bass neben Techno und House ein Schattendasein, weil sich die Musik aufgrund der Energie und Rohheit, die sie in sich trägt, der Massentauglichkeit entzieht: Die Beats werden dabei gerne auf über 170 Schläge pro Minute beschleunigt. Da können viele nicht mit.

Diese energetische Musik wird auch hauptsächlich für den Dancefloor produziert. Diesen bespielen Camo & Krooked seit Jahren sehr erfolgreich mit ihren Tracks. Dabei wählen sie gerne einen innovativen Zugang, reizen die Genregrenzen aus. Zurzeit stellen sie sich einer neuen musikalischen Challenge: Sie arbeiten gerade mit dem Komponisten Christian Kolonovits und dem Max Steiner Orchester an einer Show mit dem Titel „Red Bull Symphonic“, die sie am 1. und 2. Februar im Wiener Konzerthaus vorstellen werden. Darüber zu reden, wäre noch zu früh. Andere Fragen konnten Sie dem KURIER aber beantworten.

KURIER: Was bedeutet für Sie Drum and Bass?

Camo: Drum and Bass begleitet uns seit nunmehr 15 Jahren. Es ist nicht nur eine Musikrichtung, sondern eine Community und eine Art Familie. Es ist aber auch ein Job, den wir jeden Tag gerne nachgehen.

Krooked: Ich sehe Drum and Bass als Lebensstil, als Sprache, die überall auf der Welt verstanden wird.

Wie hat sich der Sound in den vergangenen Jahren entwickelt?

Krooked: Früher war Drum and Bass respektive Jungle rauer, spezieller und wesentlich stärker im Untergrund zuhause. Das lag vor allem an der fehlenden Vernetzung. Man musste in große Städte fahren, in bestimmte Clubs gehen, um Drum and Bass hören zu können. Mit dem Internet wurde die Musik definitiv zugänglicher gemacht, aber sie ist lange noch nicht kommerzialisiert.

Camo: Der Sound ist immer mit der Zeit gegangen – es wurden immer wieder neue Strömungen und Trends inhaliert. Und trotzdem wurde dabei der Kern des Drum and Bass nicht aus den Augen verloren.

Krooked: Der Sound wird definiert durchs Tempo und die Rhythmik, die aber enorme Freiheiten gibt. Mittlerweile sind Drum and Bass-Tracks im Umlauf, die man also solche gar nicht mehr definieren würde, aber trotzdem von der Szene als solche gefeiert werden. Drum and Bass kann viele Kostüme anziehen – es kann in Richtung Pop gehen, aber auch eine total exzentrische und vertrackte Nummer sein.

Das Mekka der Drum and Bass-Community ist England mit London und Bristol. Wie ist es um die heimische Szene bestellt?

Camo: Wien war als Schauplatz immer wichtig. Ende der 90er- und Anfang der Nullerjahre hat die Drum and Bass-Szene in der Bundeshauptstadt einen enormen Aufschwung erlebt. Da wurden die ersten großen Partys veranstaltet. Diese positive Entwicklung war ein Verdienst der Veranstalter, die damals lokalen Drum and Bass-Produzenten eine Plattform geboten haben. Heutzutage gibt es für jedes Subgenre im Drum and Bass eine eigene Veranstaltungsreihe in Wien. In die Grelle Forelle geht man, wenn man auf einen eher deeperen Sound steht. Für größere Shows geht man ins Gasometer. Wenn man ein Drum and Bass-Soundallerlei hören will, dann ist man bei den Veranstaltungen im Flex gut aufgehoben.

Krooked: Es hat über die Jahre immer wieder Veranstalter gegeben, die das Feuer aufrecht gehalten und dabei nie gegeneinander, sondern immer miteinander gearbeitet haben. Man hält zusammen, spricht sich untereinander ab. Es herrscht ein gewisser Respekt untereinander. Das gibt es eigentlich nur im Drum and Bass. Vor drei Jahren herrschte in Wien ein Drum and Bass-Boom. Da haben sich viele Veranstalter im Techno-Bereich gefragt, was da plötzlich los ist.

Waren Sie für diesen Boom verantwortlich?

Krooked: Also wir haben sicherlich einen Teil dazu beigetragen, konnten eine positive Stimmung erzeugen und zeigen, dass viel möglich ist. Auch im Ausland. Als wir unsere ersten international erfolgreichen Veröffentlichungen hatten, ging hierzulande noch einmal ein Ruck durch die Szene.

Camo: Das ist vielleicht wie beim Fußball. Wenn die Nationalmannschaft gut spielt und erfolgreich ist, sind plötzlich alle Fußballfans.

Krooked: Der Erfolg von D.Kay, der es mit seinem Track „Barcelona“ 2013 in die britischen Charts schaffte, war sicherlich ein Meilenstein, eine enorme Hilfe für die positive Entwicklung. Es haben plötzlich viele selbst zum Produzieren angefangen. Seither ist in Österreich die Dichte von Drum and Bass-Produzenten enorm hoch.

Wohin geht der Trend beim Drum and Bass-Sound?

Krooked: Aktuell gibt es eine Rückkehr zu den Wurzeln. Jungle feiert sein großes Revival. Viele Produzenten lassen sich aktuell davon inspirieren und interpretieren den Sound neu. Dazu legen sie meist über Oldschool-Breaks eine Bassline, die mächtig ist, nach Dampfschiff klingt. Wir nennen ihn Nebelhorn-Bass, auf Englisch Foghorn-Bass. Es gibt mittlerweile beinahe sogar ein Subgenre das Foghorn Drum & Bass heißt.

Camo: Davor war die Jump Up-Bewegung wirklich stark. Das ist eine leicht verständliche, schräg melodische Variante des poppigen Drum & Bass. Aber zum Glück ist die Zeit des Jump Up-Hypes nun vorbei (lacht).

Gibt es einen für Österreich typischen Drum and Bass-Sound?

Camo: Grundsätzlich ist der Drum and Bass-Sound aus Österreich sehr verschieden und es findet sich sehr viel Talent im Land. Es gibt die Bezeichnung „Schnitzelpower“, die international bekannt ist. Erst letztens haben wir bei einem DJ-Gig in Polen aus Publikum immer wieder „Schnitzlpower“-Rufe vernommen. Für diese „Schnitzelpower“ stehen großteils dann aber nur Mefjus aus Oberösterreich und wir.

Krooked: „Das klingt nach Camo & Krooked“, lese ich oft unter Tracks. Das freut einen natürlich. Wir haben einen Sound in die Drum and Bass Welt gebracht, den es davor vielleicht noch nicht so gegeben hat. Wir haben uns dazu von Techno und House inspirieren lassen, die Ideen der 4/4-Rhythmik eingebaut.

Wie würdet Ihr euren Sound beschreiben?

Camo: Wir sind Trends nie hinterhergelaufen, sondern haben immer unseren eigenen Sound durchgezogen. Wir waren immer so etwas wie der Gegenpol zu aktuellen Strömungen und Hypes.

Krooked: Wir lehnen uns gerne aus dem Fenster, probieren einiges aus und produzieren am liebsten den Sound, den wir selber gerne hören möchten. Wir haben nie viel darauf gegeben, was in Großbritannien passiert. Wir machen das, auf was wir Lust haben. Es ist vielleicht eine Version von Drum and Bass, die ein bisschen erwachsener klingt. Einerseits wollen wir künstlerisch anspruchsvolle Songs abliefern, andererseits will auch das Partyvolk bedient werden. Und dafür muss man Tracks für den Dancefloor machen.

Schrenkt einen die Ausrichtung auf den Dancefloor musikalisch ein?

Camo: Die eingeschworene Drum and Bass-Szene ist Fluch und Segen zugleich, weil sie einen natürlich auch immer irgendwie künstlerisch einschränkt. Aber wir lehnen uns gerne aus dem Fenster, probieren einiges aus und produzieren am liebsten den Sound, den wir selber genre hören möchten. Wichtig ist es, dass es am Ende immer noch nach Drum & Bass und gleichzeitig nach uns klingt. Im Endeffekt lebt die Drum and Bass-Szene auch immer noch von Abend mit DJs und nicht von Live-Konzerten.

Krooked: Man darf seine Wurzeln halt nicht verleugnen und das, für was man von seinen Fans seit Jahren verehrt wird, vergessen. Wir versuchen unsere Crowd, die uns schon lange begleitet, stets mitzunehmen – mit kleinen Schritten. Denn ein musikalischer U-Turn wäre fatal. Vor allem bei DJ-Sets sollte man nicht zu avantgardistische Tracks spielen.

Ist ein neues Album geplant?

Krooked: Nein, das ist einfach zu zeitaufwendig. Bei unserem letzten Album „Mosaik“ standen wir kurz vor einem Nervenzusammenbruch. Denn man sitzt wochenlang im Studio und verliert dabei völlig den Bezug zur Realität. Wir arbeiten viel lieber Single-basiert, da es uns auch mehr kreativen Spielraum ermöglicht. Man kann viel mehr mit unterschiedlichen Stilen und Einflüssen arbeiten, was bei einem Album nicht möglich ist. Denn da sollten ja alle Tracks inhaltlich und soundästhetisch stimmig sein.

Warum haftet der Musik stets das Underground-Etikett an?

Krooked: Es geht bei Drum and Bass-Partys nicht ums Sehen und Gesehen werden. Viele wollen einfach nur die Musik feiern und tanzen. Dafür wollen sie aber auf keinen Fall in einen „poshen“ Club gehen. Es sind Leute, die diese Musik leben – wie das auch beim Punk oft der Fall ist. Die soziale Interaktion im Club ist dabei meistens sekundär.

Camo: Die Musik ist schnell und aggressiv, daher ist das Publikum meistens jünger und auch motivierter, was das Partymachen betrifft. Ich bezeichne Drum and Bass immer auch als eine Einstiegsdroge im Bereich der elektronischen Musik.

Tipp
Drum'n'Bass trifft Klassik: Camo & Krooked trifft Christian Kolonovits und Orchester - am 1. und 2. Februar im Wiener Konzerthaus.