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Kultur
11/19/2021

Burgtheater: Gefangen im Muttersöhnchen-Wald

Kritik: Johan Simons übersetzt Ödön von Horváths großartige Sprachstudien in Körperkunst.

von Guido Tartarotti

Im Burgtheater lag wehmütige Abschiedsstimmung in der Luft: Das Publikum und wohl auch die Darsteller spürten genau, dass das vermutlich die letzte Premiere für längere Zeit war. Der Schmerz wurde angesichts der Qualität des Gebotenen nicht kleiner: Johan Simons fabelhafte Interpretation von Ödön von Horváths „Geschichten aus dem Wiener Wald“ machte noch einmal klar, dass Theater nichts weniger ist als vitaminreiche Nahrung für Geist und Seele.

Der Clou dieser hinreißenden Inszenierung: Der gelernte Tänzer Simons übersetzt Horváths Sprache ins Körperliche. Horváth zeigt ja Menschen im Zustand des Sprachverlusts: Ihnen bleiben nur noch ungeschickt eingesetzte Phrasen, dazwischen klafft die Stille.

Körperkollisionen

Bei Simons kommt ihnen jetzt auch noch der Körper  abhanden. Die Personen sind hier nur noch einsam durch den Raum treibende Brocken von Materie, die manchmal miteinander kollidieren.  Wenn sie interagieren, sieht das aus wie eine Mischung aus Tanz, Rauferei und Auffahrunfall. Simons inszeniert weniger Horváths Textzeilen, als das Schweigen dazwischen.

Worum geht es? Horváth schildert in seinem Stück die Vernichtung einer jungen Frau: Marianne soll mit dem ungeliebten Fleischer Oskar verheiratet werden, flüchtet sich in eine Beziehung mit dem Frauenhelden und Spieler Alfred. Schließlich muss sie als Striptease-Tänzerin ihren Lebensunterhalt verdienen, kommt ins Gefängnis, ihr gemeinsames Kind mit Alfred wird zu Tode gebracht – ehe sie doch wieder Oskar in die Hände fällt.

(Dass dieser Stoff einmal als „Läuterung“ einer leichtlebigen Frau zu Wienerlied-Begleitung verstanden wurde, erscheint heute unfassbar.)

Fleisch

Simons zeigt das Patriarchat einer Wiener Kleinbürger-Gesellschaft als Treffen der Selbsthilfegruppe der Muttersöhnchen. Männer sind hier gemütsverfettete Fleischansammlungen, die von Frauen gestreichelt und in die traurigen Männerbrüste gekniffen werden wollen. Wird ihnen das verweigert, werden sie böse, weil sie sich am Selbstmitleid verschlucken. Zärtlichkeiten tauschen sie vor allem untereinander aus.

Die großartige Sarah Viktoria Frick ist die für diese Inszenierung ideale Marianne: Alles andere als liebes Wiener Mädel, ist sie bockig, voller unterdrückter Kraft, sie kämpft um ihr Leben und weigert sich, Opfer zu sein.

Nicholas Ofczarek spielt bei seinem Comeback zurückgenommen wie selten. Sein Fleischer Oskar ist voll sanftmütiger Brutalität, viel mehr als zu Marianne fühlt er sich zu seinem Schwiegervater  hingezogen. Oliver Nägele spielt diesen Zauberkönig als depressiven Scherzartikelhändler, der seiner Frau ihren Krebstod nicht verzeihen kann – und nebenbei die absolute Humorlosigkeit der Nazis erkennt.

Felix Rechs Alfred ist ein jeder Leichtigkeit verlustig gegangener Ex-Hallodri, der selbst am meisten verblüfft ist, dass sich nicht alles Verantwortungsgefühl in ihm unterdrücken lässt.

Wie so oft in diesem Stück ist die alternde  Trafikantin Valerie eine der interessantesten Figuren: Sylvie Rohrer gibt ihr Kraft und erotisches Selbstbewusstsein – ihr gelingt, was Marianne versagt bleibt: Ein im Wesentlichen selbstbestimmtes Leben.

Unter Verweis auf Horváths Vorarbeiten wurde die Gestalt des Jungnazis Erich (Jan Bülow) geändert: Er ist hier kein Jus-Student, sondern Filmemacher – möglicherweise sehen  wir die ganze Inszenierung aus der Perspektive seiner Kamera.

Wurst

Eine der schwierigsten Szenen des Stücks wurde bei Simons zu einem Höhepunkt des Abends: Mariannes Striptease wird zu einer ungeschickt erotischen, tieftraurig-komischen Peepshow-Doppelnummer mit der tollen Maria Happel als Baronin, bei der auch eine schlaffe Wurst eine Rolle spielt.

Andere Figuren bekommen weniger Platz: Die böse Großmutter (Gertrud Roll als sich wütend dem Alter entgegen stemmende Greisin) etwa, oder auch Daniel Jeschs dumpf brütender Fleischhauer Havlitschek. Der Abend dauert drei Stunden, aber man hätte auch doppelt so lange zugeschaut!

Am Ende wird im tollen Einheitsbühnenbild von Johannes Schütz Marianne zu einem brutalen, furchterregenden Walzer vergewaltigt, der nach und nach alle Figuren erfasst, bevor sie in Bewegungslosigkeit erstarren.

Großer Jubel für alle Beteiligten, der wohl auch dem Theater an sich galt.

 

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