epa03702882 Theater Director, Matthias Hartmann adresses a press conference on the repertoire for the theatre's upcoming season in Vienna, Austria, 16 May 2012. EPA/ROBERT JAEGER

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Salzburger Festspiele
07/06/2013

Burg-Chef Hartmann: Nestroy war der erste Punk

Gespräch. Matthias Hartmann zu seiner Salzburger Inszenierung von Nestroys "Lumpazivagabundus".

von Guido Tartarotti

Der Burgtheaterdirektor über Suff und menschliche Abgründe, Rettungsschirme und Brandbeschleuniger, die Bühne als Erinnerungs-Forum und den Sparzwang.

KURIER: Sie proben gerade für Nestroys "Lumpazivagabundus"?

Matthias Hartmann: Die erste Probenphase ist schon abgeschlossen. Augenblicklich zieht die Produktion nach Salzburg um, wo sie auf den Festspielen gezeigt wird. Dort gehen die Proben Mitte Juli weiter. So eine Pause ist natürlich ein Problem, es fehlt das Damoklesschwert, das über einem hängt.

Wie zeitgemäß ist diese „Zauberposse“?
Es ist das Stück zur Zeit, das Stück zur Stunde! Es beginnt damit, dass die Söhne des Zauberreichs ihr ganzes Vermögen verjubelt haben. Darum werden sie gefragt: Was macht ihr, wenn ihr gar kein Geld mehr habt? Worauf sie antworten: Dann machen wir Schulden! Und wenn ihr die nicht zurückzahlen könnt? Dann lassen wir uns einsperren! (lacht) Da kann eigentlich nur noch Angela Merkel mit dem Rettungsschirm auftreten, um der Sache wieder Fortüne zu geben.

Das ist Ihre erste Nestroy-Inszenierung?
Ja. Und das ist ein völlig eigener Kosmos. Ich bin fasziniert und begeistert von diesem Text. Und ich entwickle ein starkes Gespür für die Naivität auf der einen Seite und das Ätzende auf der anderen. Man muss aufpassen, dass man nicht auf zu leichtem Fuß und leichtem Schlittschuh über diese Sachen hinüber gleitet, weil es sich so gut anfühlt und man auf so viele schöne Ideen kommt. Diese Amplituden zwischen Kasperle-Theater, Weltweisheit und bitterem Sarkasmus sind von solch jäher Divergenz, wie ich sie bei keinem anderen Autor kenne. Shakespeare vielleicht ausgenommen.

Wie gehen Sie als Deutscher mit der österreichischen Sprache um?
Ist das wirklich Österreichisch? Aber ganz im Ernst, das ist ja nicht nur Österreichisch, das ist Nestroyisch!

Dennoch: Es heißt immer, für Nestroy-Rollen braucht man österreichische Schauspieler.
Genau. Und wenn man die Leute dann fragt, was sie davon halten, dass Michael Maertens den Zwirn spielt, dann sagen sie: Ach, der? Der spricht doch mittlerweile eh schon Österreichisch! Dabei stimmt das gar nicht. Michael Maertens spricht – weil er nicht eine Sekunde daran denkt, sich zu verstellen – das hamburgischste Deutsch, das ich kenne. Aber bei ihm wird es wohlgelitten.

"Eine Form der Revolte, eine Vorwegnahme des Punks"

Was fasziniert Sie an dem Stoff?
Das Thema des menschlichen Abgrunds. Wir müssen als Theaterleute den Abgrund, den Verrat, das Böse, die Triebe als ständigen Begleiter akzeptieren, auch den Suff. Wir müssen das akzeptieren und auch verzeihen, sonst könnten wir nicht weiter machen, dazu sind die Menschen zu wahnsinnig, mit denen man es hier zu tun hat. Und vor dem Hintergrund der Biedermeier-Zeit, in der das Stück geschrieben wurde, gibt es noch einen anderen Aspekt, den ich interessant finde: Wenn man zu schwach ist, eine Revolution anzuzetteln, dann kann man sich wenigstens noch selbst zerstören. Das sehe ich als eine Form der Revolte, eine Vorwegnahme des Punks, auf gewisse Weise.

Sie sprechen vom trinkenden Schuster Knieriem, den Nicholas Ofczarek spielt.
Mich interessieren diese drei Archetypen. Der Zwirn, der steckt in uns allen, eine sehr männliche Figur. Er will immer etwas anderes, etwas Besseres sein, als er ist. Beim Knieriem ist es der pure Defätismus: Wozu arbeiten, wozu leben – wenn doch ohnehin klar ist, dass einmal alles aus ist? Das ist eine legitime Frage. Wenn man auf die kleine Teekerze, die unser Leben darstellt, Benzin schüttet, dann brennt sie viel höher. Es ist aber auch schneller wieder vorbei. Zwirn und Knieriem können kein geregeltes Leben führen, die halten das nicht aus. Und ich habe Sympathie für sie. In einer mit sich selbst ausgesöhnten, demokratischen Gesellschaft, in der Gerechtigkeit herrscht, entsteht auch kein Kunstwerk. Das ist natürlich kein Plädoyer für eine ungerechte Gesellschaft.

Sie borgen sich Florian Teichtmeister von der Josefstadt aus, für die Rolle des Leim. In der Josefstadt spielte er vor zwei Jahren schon den Zwirn.
Der Grund dafür ist, dass Johannes Krisch krank wurde, und ich wollte die Rolle gerne mit einem Österreicher besetzen. Ich finde, zwei Österreicher und ein Deutscher als liederliches Kleeblatt, das geht. Zwei Deutsche und ein Österreicher – das ginge wohl eher nicht.

Wie funktioniert das Zusammenspiel?
Michi Maertens und Nicki Ofczarek sind von einer unbeschreiblichen virtuosen Aggressivität. Und der Florian bringt den gemäßigteren, ausgleichenden Ton.

Wie gehen Sie mit den Couplets um?
Ich mache sie! In den Originaltexten, wobei wir schauen, ob wir noch etwas dazu dichten. Und die Originalmusik! Da-di-da da-da! (beginnt, die Melodie von „Die Wöd steht auf kan Fall mehr lang“ zu singen). Mein Musiker Karsten Riedel bringt eine gewisse Form von subversiver Energie hinein, damit es nicht zu gemütlich wird. Er spielt eine Teufelsgeige, mit einem Waschbrett dran und einer Hupe oben drauf, da haut er drauf und schiebt die Musik aus der Gemütlichkeit hinaus.

"Natürlich ist der Alkohol lebensgefährlich!"

Die Figur des Knieriem ist ein schwerer Alkoholiker, der sich in Wahrheit zu Tode trinkt. In Österreich wird der Alkoholismus ja gerne verniedlicht und eher gemütlich dargestellt.
Natürlich ist der Alkohol lebensgefährlich! Er ist ein Brandbeschleuniger für das Leben. Aber Leute, die nicht saufen, sind manchmal ja auch langweilig. Immer nur Maßhalten mit dem Leben ist auch irgendwie ... blöd. Deshalb nehme ich auch keine Drogen – weil ich Angst habe, dass das der zu perfekte Brandbeschleuniger für mein Leben wäre.

Sie planen für Oktober, 75 Jahre nach der Reichs-Pogromnacht, ein bemerkenswertes Projekt: Sie wollen den letzten lebenden Zeugen der Nazi-Verbrechen eine Bühne geben.
Ein Freund aus Zürich hat mir vom Leben seiner unlängst verstorbenen Mutter erzählt, die das Warschauer Getto überlebte, indem sie sich zwischen die Leichen gelegt und sich dann aus einem Massengrab gerettet hat und von polnischen Bauern versteckt wurde. Diese Geschichte hat mich ungeheuer berührt. Und mir wurde klar: Wir befinden uns an dem Moment der Geschichte, an dem diejenigen, die uns davon erzählen können, die Bühne verlassen. Und daher müssen wir unsere Bühnen diesen Menschen noch einmal geben. Ich habe Doron Rabinovici gebeten, zu kuratieren, und ich bin der Regisseur.

Seit vielen Jahren wurde den Bundestheatern die Inflation nicht mehr abgegolten. Unlängst sagten Sie, der Punkt, an dem es nicht mehr gehe, sei nicht erreicht, sondern längst überschritten.
Ich rede nicht so gerne übers Geld. Denn beim Publikum bleibt immer hängen: Denen geht es nicht gut. Interessant ist, zu zeigen, wie viel das Burgtheater gespart hat in den vergangenen Jahren. Wir haben zum Beispiel nur noch 80 Schauspieler statt wie früher 130. Wir haben die Einnahmen erheblich gesteigert, werden aber nicht drum herum kommen, eine Preiserhöhung vorzunehmen. Wir haben derzeit einen Zuschauerrekord. Trotzdem stelle ich nicht das Kassenergebnis, sondern die Kunst an oberste Stelle.

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