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Kultur
12/16/2020

Buchhändler: "Selbstausbeutung" und "außerordentliche" Hilfsmaßnahmen

Chef des Hauptverbands, Benedikt Föger, lobt Hilfe für den Buchhandel: "Die Stimmung ist nicht schlecht".

von Georg Leyrer

Normalerweise wäre jetzt die wichtigste Zeit des Jahres für den Buchhandel: Vor Weihnachten macht man ein Viertel des Jahresumsatzes. Im November aber waren die Buchhandlungen wieder geschlossen. Und das wirkt sich auch in den Zahlen aus, die der Hauptverband des Österreichischen Buchhandels erhoben hat: Im November gab es im Vergleich zum Vorjahr ein sattes Minus von 13,5 Prozent. Insgesamt steht die Branche bei einem Jahresminus (Jänner bis November) von 5,5 Prozent.

Halb so schlimm? Oder doch bedrohlich? Wäre die Pandemie bereits im vergangenen Advent losgegangen, wäre sie „wahrscheinlich tödlich“ für den Buchhandel gewesen, hatte Hauptverbandschef Benedikt Föger im Frühsommer zum KURIER gesagt.

KURIER: Jetzt ist immer noch Pandemie. Wird also dieser Advent tödlich – oder zumindest lebensgefährlich?

Benedikt Föger: Aufgrund der Hilfsmaßnahmen nicht. Das war nicht absehbar im Frühjahr, aber die Politik hat schnell und richtig reagiert: Was der Branche sehr viel bringt, ist die Senkung der Mehrwertsteuer von 10 auf 5 Prozent. Das ist ein Hilfspaket von 30 Millionen Euro im Jahr, also auf eineinhalb Jahre – so lange läuft die Reduzierung – 45 Millionen Euro Entlastung. Das hilft wahnsinnig, jedem einzelnen Verlag und jeder einzelnen Buchhandlung. Und der 40-prozentige Umsatzersatz für die Buchhandlungen, der offenbar unbürokratisch, zuverlässig und schnell abgewickelt wird, war auch eine große Hilfe. Man muss ehrlich sagen, dass dem Buchhandel von öffentlicher Seite außerordentliche Unterstützung zugekommen ist.

Also wurden Strukturschäden abgewendet?

Man weiß nicht genau, wie es weitergeht. Während des Lockdowns gab es im stationären Handel einen Umsatzeinbruch von über 80 Prozent. Aber mit Onlinehandel war es nicht ganz so dramatisch. Und im Gesamtjahr war es ein Einbruch von 5,5 Prozent bis Ende November.

Das klingt jetzt nicht gar so dramatisch.

Das hätte viel schlimmer sein können. Der Buchhandel hat sich immer wieder als krisenfest erwiesen, auch 2008 bei der Finanzkrise. Man muss aber auch sehen, dass der Buchhandel in den letzten Jahren permanent unter Druck war und zwischen Nullwachstum, leichtem Minus und leichtem Plus von Jahr zu Jahr gelebt hat. Aber man braucht eigentlich Wachstum. Es sind keine Rücklagen da.

Für einen kleinen Buchhändler, der also gerade so durchkommt, sind diese 5,5 Prozent minus dann wohl genau das, was sonst übrig geblieben wäre.

Ja, das ist schwierig und führt gerade bei den kleinen Buchhändlern zur Selbstausbeutung. Die müssen sprichwörtlich Tag und Nacht arbeiten. Die meisten betreuen das Onlinegeschäft selbst, was gut ist und Kunden bindet. Dann arbeiten sie am Wochenende durch, um das zu verkraften. Aber die Stimmung ist nicht schlecht. Es kriegen viele Feedback von ihren Stammkunden, da bringt dann auch einer eine Flasche Wein oder einen Blumenstock vorbei. Sie erfahren viel Wertschätzung, und das treibt sie auch an. Buchhandlungen sind mehr als reine Verkaufsstellen.

Deswegen ist Amazon nicht der große Gewinner im Buchhandel im Krisenjahr?

Im ersten Lockdown wurden andere Artikel gegenüber Büchern priorisiert, da haben sie sich zurückgenommen. Mit den anderen Produkten – Haushalt etc. – hatten sie eine höhere Spanne. Darauf hat der stationäre Buchhandel sehr gut reagiert und Boden wettgemacht. Da hat es eine Verschiebung gegeben. Im zweiten Lockdown aber ist Amazon schon sehr stark. Wie es im Jahresvergleich dann am Ende sein wird, wissen wir noch nicht.

Wie läuft das Weihnachtsgeschäft?

Der Lockdown war sicher nicht hilfreich. Es ist zu hoffen, dass sich das noch erholt. Aber es wird schon eher ein Minus darstellen. Das Wichtigste sind aber die treuen Kunden, die beim stationären Handel einkaufen. Es kommt aber auch sehr stark auf einzelne Titel an – früher gab es die sogenannten Harry-Potter-Jahre. Einzelne Titel können im Jahresergebnis spürbar sein. In den letzten Wochen spürt man im Umsatz diese Obama-Biografie („Ein verheißenes Land“, Anm.). Da bleibt auch etwas beim Buchhändler.

Das ist auch ein Sachbuch. Es verwundert, dass die Belletristik im Vergleich ordentliche Einbrüche erlebt. Hätte das nicht das Jahr der Belletristik sein können, wo man sich am Abend hinsetzt und liest, anstatt auszugehen?

Es ist schon so, dass die Menschen im Homeoffice abends nicht auch noch vor einem Bildschirm sitzen wollen. Sondern lieber ein Buch zur Hand nehmen. Die relativen Zahlen sind insgesamt eher stabil, die Verschiebungen sind sehr titelabhängig.

Und vielleicht von Öffentlichkeit – die Messen, die Belletristik ins Rampenlicht rücken, sind zum allergrößten Teil abgesagt worden.

Und auch die Absagen von Lesungen und literarischen Veranstaltungen. Das war für die Autoren ein riesiger finanzieller Schaden. Auch im Verkauf für die Verlage, weil gerade die kleineren Verlage oft äußerst engagiert in der Zusammenarbeit mit den Buchhandlungen sind. Wenn diese Veranstaltungen wegfallen, spürt man das massiv im Umsatz.

Und jetzt? Wie geht es weiter?

Es fällt mir immer wieder schwer, in die Zukunft zu schauen (lacht). Wenn das Weihnachtsgeschäft nicht völlig daneben geht, wofür es keine Anzeichen gibt, dann ist die Stimmung nicht so schlecht. Und dann ist die Einkaufslust der Buchhändler im Frühjahr auch besser. Dann wird bei den Verlagen mehr bestellt. Deren Programme sind ambitioniert. Dann ist damit zu rechnen, dass die Frühjahrsprogramme gut angenommen werden. Und dann ist es auch hoffentlich irgendwann soweit, dass diese Pandemie überwunden ist.

Also kommt der Buchhandel insgesamt mit einem blauen Auge davon – weil das Buch eben kein Produkt ist wie viele andere?

Das Buch hat seit vielen Generationen diese Sonderstellung. In anderen Branchen müssen die Unternehmen versuchen, ihre Produkte über Erzählungen zu verkaufen. Erzählungen von bio, von Natur, von Qualität, von Entspannung oder eben vieles anderes. Im Buchhandel hat jedes Produkt schon seine Geschichte, alles lebt von Geschichten. Das ist in der Erzählung einfacher zu vermitteln, man muss nichts erfinden, weil schon etwas Erfundenes da ist. Dass man hier in neue Welten abtauchen kann, die sich eröffnen, macht viel von dieser Sonderstellung aus. Das ist und bleibt etwas Besonderes. georg leyrer

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