Kultur
30.04.2018

Buchempfehlung: Ein lässiger Schnitt quer durch den Polit-Quatsch

Schimmelbuschs „Hochdeutschland“ ermächtigt sich der Ängste und der Populisten - von oben herab.

Längst hat die politische Angstaufladung des Alltags – Flüchtlinge! Terror! – auch die Literatur erreicht. Und hat dort für im besten Fall interessante (Moshin Hamid, „Exit West“), Reaktionen gesorgt. Im (häufigeren) schlechten Fall aber gab es recht verwechselbare Reaktionen: Auch Autoren sind – huch – gegen jedes Klischee nicht alle „links“ und nicht vor ansteckenden Emotionen gefeit. Deren stärkste: die Angst. Und so kritisieren nun manche auch offen Migration und „Überfremdung“.

In Deutschland wird etwa Monika Marons Roman „Munin oder Chaos im Kopf“ heftig debattiert: Die Autorin schickt hier (ausgerechnet) eine Krähe vor, um in einem inneren Monolog einen Ansprechpartner für jene Art von Ängsten zu haben, die gerade die politische Welt antreiben. Ängste vor den vielen schwarzhaarigen Kindern auf dem Spielplatz, etwa. Uwe Tellkamp („Der Turm“) ist Unterzeichner einer „Erklärung 2018“ gegen Massenmigration; und diese Woche kommt „HERRliche Zeiten“ in die Kinos, irgendwie (die Details sind umstritten) basierend auf einem Roman von Thor Kunkel, der auf Facebook laut Die Zeit von „5 Millionen verhaltensgestörten Penis- und Messer-Kuffnucken“ schreibt.

Der also, sagen wir, jetzt auch nicht in alle Facetten der Flüchtlingsdiskussion gleichermaßen eingetaucht ist.

Die „andere Seite“ wiederum schweigt lautstark – wo ist der große deutsche oder österreichische Migrationsroman? Wo eine literarische Gegenstimme, die man als Leser aushalten könnte?

Nichts davon, aber Labsal, fantastische Erleichterung, ein Durchputzen der ideologieverkleisterten Alltagsseele ist „Hochdeutschland“ von Alexander Schimmelbusch. Der Ex-Investmentbanker lässt in dem Roman einen Investmentbanker namens Victor mit furioser Lässigkeit und Härte quer durch alle aufgestauten politischen Vorurteile schneiden (und das auch noch unterhaltsam).

Mit einer sündteuren Hotel-Pekingente im Bauch entwirft Victor einen Pitch – also einen Geschäftsvorschlag – für eine neue deutsche Politik. Die hat mit rechts und links und rot und schwarz und blau und braun soviel zu tun wie ein Smartphone mit einem Vierteltelefon: Der Schnitt geht vertikal, quer durch alle alten, festgefahrenen Bruchlinien, quer durch das Geschwafel von „links“ und „rechts“. Victor ist kein Zyniker, sondern lebt, innerlich und äußerlich, auf Distanz – und blickt von dort herab auf Solidarität und Wettbewerbsfähigkeit, auf Lebensglück und Leistung, auf China und Deutschland. Und stellt all das verbal auf neue Beine. Wie er das in ein neues Bild von Politik verpackt und dabei den Populisten aller Farben eine auflegt; wie er’s stolzgeschwellten Heimat-Verklärern ebenso gibt wie frauenprügelnden Zuwanderern; wie das alles zum Erfolg führt (Kanzler wird ausgerechnet der türkische Ex-Grüne Haberer Victors): Das alles sagt mehr darüber, wie es uns geht, als all die ideologisch verbrämten Kasperliaden, die wir sonst täglich serviert bekommen.