© Sydney Smith/ Aladin Verlag

Literatur
10/03/2021

... und wieder 25 Bücher, ganz kurz

Diesmal mit gebeutelten Anwälten, Grabreden, man kann sich mit Denkern einsperren oder gehen, bis man zur Landschaft wird

von Peter Pisa

Auch der Fluss stottert

Kinderbuch. Jordan Scott ist ein kanadischer Dichter. Er stottert. Das heißt: Er redet nicht flüssig. Sein Vater hat ihn, Jordan hatte einen schlimmen Tag dank der anderen Buben in der Schule, einst zu einem Fluss geführt: Der Fluss fließt seinem Ziel entgegen, aber er strömt nicht immer, manchmal sprudelt er, gischtet, Wasser staut sich ... er stottert wie Jordan Scott. Das half ihm: "Der Fluss ist wie ich. So spreche ich. Auch der Fluss stottert. Wie ich." Mit dem Zeichner Sydney Smith, ebenfalls Kanadier, hat er seine Erfahrungen in ein tröstendes Kinderbuch fließen lassen, von Angst bis Akzeptanz, Die Wucht haut einen um, wie eine Stromschnelle ist das Buch (ab fünf).

Jordan Scott und Sydney Smith: "Ich bin wie der Fluss"  Übersetzt von Bernadette Ott. Aladin im Thienemann-Esslinger Verlag. 44 Seiten.18,95 Euro

Die Illustration oben ist ein Ausschnitt des Buchcovers

 

 

Wie lange sind wir einzigartig?

Jugend. Jeder braucht ein Gelände, das kann klein sein wie eine Briefmarke. Oder wie eine kleine griechische Insel: Dort arbeiteten jeden Sommer Archäologen aus aller Welt, ihre Kinder waren dabei und bildeten eine verschworene Gemeinschaft. Jede(r) war einzigartig – bis sie alle erwachsen wurden. Ruhe ist notwendig, damit sich dieser schöne Roman voll entfalten kann.

Christine Avel:
 „Nur hier sind wir einzigartig“
 Übersetzt von Christine Ammann.
Mareverlag.
160 Seiten. 18,95 Euro

KURIER-Wertung: ****

 

Ein anstrengender Anwalt

Serienstart 1. Mit Pirlo ist leider nicht der Ex-Fußballer gemeint. Das wär’ einmal etwas  anderes. Pirlo ist Dr. Pirlo, darauf legt er Wert. Ein Anwalt wie sein Düsseldorfer Autor.   Pirlo ist arrogant und anstrengend, hat familiäre Probleme und  soll beweisen, dass seine Mandantin ihren  Ehemann nicht ermordet hat. Lieblingssatz: „Beim dritten Mal Kotzen kommt nicht mehr viel.“

Ingo Pott:
„Pirlo – Gegen alle Regeln“
Scherz Verlag.
Taschenbuch.
400 Seiten. 15,60 Euro
KURIER-Wertung: ***

 

Schön verzwickter Unterschied

Serienstart 2. Wie bei „Pirlo“ – siehe rechts – wird viel gekotzt, Anwältin Selma Falck hat ebenfalls (Spiel-)Schulden und ist am Ende ... der große Unterschied ist: Norwegens ehemalige Justizministerin Anne Holt ist Krimiprofi und trotz dieses eher schwachen Serienstarts um eine Klasse besser: sprachlich besser und schöner verzwickt. Dopingverdacht und Mord im Langlaufsport.

Anne Holt:
 „Ein Grab für zwei“
Übersetzt von Gabriele Haefs.
Atrium Verlag.
440 Seiten. 22,70 Euro
KURIER-Wertung: *** und ein halber Stern

 

Im Bilderrahmen fehlt das Bild

Neubeginn. Winfried erfährt vom Tod einer Freundin, mit der er etwas gehabt hat. Das erste Mal macht er eine solche Todeserfahrung. Winfried handelt mit Rahmen. Friedrich Hahn, immer eine Überraschung, präsentiert den 63-Jährigen  als Rahmen, in dem das Bild fehlt. Frau weg, Tochter weg, Winfried wird sich  nicht aufhängen, sondern einen Caravan kaufen. Weg ist er.

Friedrich Hahn:
„Die Rahmenhandlung“
 Edition Roesner.
164 Seiten.
17,90 Euro
KURIER-Wertung: *** und ein halber Stern

 

Der "liebe Tote" und die Nachred'

Grabreden. Kommt selten vor, dass in einer Rede am Grab des „lieben Verstorbenen“ vom Zumpferl die Rede ist und von „Hitlers Fleischtascherln“. Aber Stefan Slupetzky ist einmalig (das ist logisch) und schafft Einmaliges: Fiktive Grabreden, man hätte niemals für möglich gehalten, dass man sowas mit großem Vergnügen liest. Sie sagen viel über die lebende Welt aus.

Stefan Slupetzky: „Nichts als Gutes“
Picus Verlag.
160 Seiten.
20 Euro
KURIER-Wertung: **** und ein halber Stern

 

Auf den neuen alten Wegen

Gehen. Seit der Norweger krank ist, Epileptiker, setzt er sich nicht mehr ins Auto. Er geht. Er wandert nicht nur weite Strecken,  er geht alle Wege, und sie führen in die Kindheit, in die Vergangenheit, als der Mensch Nomade war. Die Wege machten einen anderen Menschen aus ihm, einen Philosophen. Er wurde zur Landschaft. Seine Meditation zeigt uns den neuen alten Weg.

Torbjørn Ekelund:
 „Gehen“
Übersetzt von Andreas Brunstermann. Malik Verlag.
208 Seiten. 18,50 Euro
KURIER-Wertung: ****

 

Eingesperrt mit dem Genies

Wiener Kreis. Wieder ein Buch des C.H. Beck Verlags aus München, mit dem man sich tage-, ja wochenlang einsperren möchte: mit den brillanten Denkern Schlick, Neurath, Gödel, Carnap, Wittgenstein,  dem jungen Popper; und mit der Stadt Wien und der Kunst ... bis der Krieg beginnt. Ein bisschen Biografie, ein bisschen Philosophie, und ganz viel Geist, der jetzt fehlt.

David Edmonds:
„Die Ermordung des Professor Schlick“ Übersetzt von
Annabel Zettel. Verlag C.H. Beck.
352 Seiten. 26,80 Euro
KURIER-Wertung: **** und ein halber Stern

 

Wohin sind wir unterwegs?

Irak. Den Folterern im Irak unter Saddam Husseins  Baath-Partei entkommt ein abgemagerter 17-Jähriger, indem ihn der Wind fortträgt. Die Armee wird ihn später als Wunderwaffe, an Seilen befestigt, einsetzen ... So märchenhaft ist der kurdische Schriftsteller, der  nun auch im deutschsprachigen Raum immer bekannter und beliebter wird, in finsterer Realität unterwegs.

Ali Bachtyar: „Mein Onkel, den
der Wind mitnahm“
Übersetzt von Ute Cantera-Lang und Rawezh Salim. Unionsverlag.
160 Seiten. 20,95 Euro
KURIER-Wertung: ****

 

Den Mörder errät man nicht gleich

Thriller. Die Haken, die der Roman schlägt, sind zu begrüßen. Ein frühes Auskennen ist nicht möglich. Das Thriller-Debüt des Niederösterreichers in Hamburg mit abwechselnden Erzählern  erreicht, worauf es ankommt: Er ist spannend. Anscheinend kehrt ein  Serienmörder, der sich jahrelang ruhig verhalten hat, zurück. Mit den abgeschnittenen Ringfingern der Opfer  bemalt er Wände.

Henri Faber:
 „Ausweglos“
dtv. Taschenbuch.
496 Seiten.
12,30 Euro
KURIER-Wertung: *** und ein halber Stern

 

Techno mit Vogel und Fledermaus

Natur. Vielleicht lässt man sich, statt vom Lehrer, lieber von einem DJ verzaubern, der in seinen Techno die Natur einbaut, mit Vogelgesang und dem Ruf der Fledermaus. Eulberg sorgt fürs Grundwissen über Feuersalamander, Siebenschläfer, Taubenschwänzchen, Mistel ... , erst dann ist man reif für die Wunder und ist bereit, die Natur zu schützen.  Zum Studieren schöner als Wikipedia.

Dominik Eulberg:
 „Mikroorganismen überall“
 Eichborn Verlag.
352 Seiten.
25,70 Euro
KURIER-Wertung: *** und ein halber Stern

 

Gute Erbsen, aber schlechte Würmer

Zeitzeugen. „Es“ muss  erzählt werden: von den Kontrollen, ob ausländische Sender gehört wurden –  war das Radio warm, war man geliefert; und von der russischen Ausspeisung nach dem Krieg, als ein Bub zum Vater sagte: „Die Erbsen sind gut, nur die Würmer da drinnen schmecken mir nicht.“ Oral History – 19 Zeitzeugen, damit man nie vergisst, was Jugend unter Hitler bedeutete.

Maria Grabner und
Marina C. Watteck:

 „Jugend unter Hitler“
Kral Verlag.
180 Seiten.  24,95 Euro
KURIER-Wertung: ****

 

Häufchen für gutes Zusammenleben

Bilderbuch. Das wird die Leute, die Wölfe abschießen wollen, nicht so freuen: Die Südtirolerin Linda Wolfsgruber hat gezeichnet und gemalt, wie sich Tiere bemühen, mit den Menschen zusammen zu leben: In den Siedlungen kacken sie Kirschkerne, Nüsse, Samen, damit Natur für alle da ist.  Wie immer bei Wolfsgruber ein Bilderbuchkunstwerk – und: Reden Sie darüber.

Linda Wolfsgruber:
„Das Bärenhäufchen“
 Kunstanstifter Verlag.
32 Seiten.
20,60 Euro
KURIER-Wertung: *** und ein halber Stern

 

Der k.k.-Inspector geht sehr viel

Serienstart 3. Sanfter historischer Kriminalroman, der 1907 in Triest spielt.  Der k.k.-Inspector Bruno Zabini, so steht es geschrieben, hat „viele seiner Fälle allein durch schnelles Gehen gelöst.“ Bissl ermittelt wird aber schon. Sogar gerudert wird. Und Fingerabdrücke werden genommen. Er soll einen steirischen Grafen während der Kreuzfahrt auf der berühmten „Thalia“ beschützen.

Günter Neuwirth:
 „Dampfer ab Triest“
Gmeiner Verlag.
471 Seiten.
16,50 Euro

KURIER-Wertung: *** undf ein halber Stern

 

264 Kilometer bis zum Greißler

Fahrrad. Ein großes Lesevergnügen sind die Radreisen in diesem Buch zwar nicht, aber es erfüllt voll seinen Zweck: darauf hinzuweisen, an welchen Flüssen man schön radeln kann – mit E-Bike. Denn der Traunradweg ist 83 km lang, und von Radstadt bis Enns sind es 264 km. Ob man dann dort, lautet ein Tipp, ins Museum Lauriacum will? Die Greißlerei am Hauptplatz ist logischer.

Thorsten Brönner:
„Österreichs schönste
Flussradwege“
 Styria Verlag.
192 Seiten. 27 Euro
KURIER-Wertung: *** und ein halber Stern

 

So sein wie eine alte Eiche

Bäume. In Essex lebt eine 800 Jahre alte Eiche, gepflanzt etwa zur Zeit von Franz von Assisi. Dieses Buch ist das Porträt dieses Baumes. Aber auch Aufforderung, eine Eiche zum Freund zu nehmen. Anzuschauen, sie zu verstehen. Zitat: „Es fühlt sich gut an, einfach zu sein wie die Eiche. Statisch und doch scheinbar im Zentrum eines auf mich zukreiselnden Naturgewimmels.“ Frieden.

James Canton:
 „Biografie einer Eiche“
Übersetzt von Sofia Blind.
DuMont Verlag.
208 Seiten. 22,70 Euro
KURIER-Wertung: ****

 

Tratsch über "Am Ölberg"

Klosterneuburg. Johanna Sibera reicht Klosterneuburg, um die ganze Welt zu versammeln. Was heißt Klosterneuburg! Eine Adresse reicht! „Am Ölberg“ hat sie sich diesmal vorgenommen, bissl historisch, vor allem aber: Wer hat dort gewohnt? Wer wohnt dort? Da ist Platz für Tratsch. Mit wem ist die Liesl auch im reifen Alter noch in den  Wald gegangen? Mit einem Journalisten.

Johanna Sibera:
 „Die Wege zum Ölberg“
 Edition Weinviertel.
114 Seiten.
14 Euro
KURIER-Wertung:  *** und ein halber Stern

 

Gemeinsam mit der Natur untergehen

Appell. Vielleicht hört man ja auf die beste französische Kriminalautorin (und Archäologin) Fred Vargas, wenn sie sagt: „Weil wir nicht verloren sein wollen, seien wir Brüder.“ Wer die Natur nicht rettet, geht mit ihr gemeinsam unter: Ihr Plädoyer mit einer Fülle an Informationen bringt sie  mitreißend wie einen Kriminalfall. Tödlich ist beides, nur eines ist erfunden.

Fred Vargas: „Klimawandel –
ein Appell“ Mitwirkung Claudia Marquardt. Übersetzt von Waltraud Schwarze. Limes Verlag.
288 Seiten. 14,90 Euro
KURIER-Wertung: ****

 

Weniger Hitler, mehr Russen

Burgenland. Vier südburgenländische Zeitzeuginnen aus St. Martin an der Raab
erzählen, wie Hass und Misstrauen die Dörfer auch noch nach dem Krieg verpestete. Risse gingen durch Familien.   Die historischen Fotos und Luftbildaufnahmen beeindrucken. Bemerkenswert ist, dass weniger über die Nazis im Ort geredet wurde, sondern mehr über Kriegsende und die Russen.

Josef Redl:
 „Die Hitlerzeit im Südburgenland“
 MyMorawa Verlag.
182 Seiten.
19 Euro
KURIER-Wertung: *** und ein halber Stern

 

Erbsen zergatschen, Gurken verbiegen

Rezepte. Weil es immer noch Kindergärten gibt, in denen man zum Mittagessen gezwungen wird: Kleine Kinder soll man mit Obst und Gemüse spielen lassen, Erbsen zergatschen, Gurken verbiegen, dann werden sie probierfreudig. So die Erfahrung des britischen TV-Kochs. Er verführt zu besserem Essen: halb Bewusstseinsbildung, halb Rezeptsammlung (mit Pilz-Mandel-Oliven-Püree).

Hugh Fearnley-Whittingstall:
  „Täglich besser essen“
 Übersetzt von Susanne Bonn.
AT Verlag.
416 Seiten. 29 Euro
KURIER-Wertung: **** und ein halber Stern

 

Fall gelöst: Blunzn mag saure Äpfel

Kochbuch. Kein Kriminalroman heuer von Eva Rossmann, sondern ein Kochbuch (ihr zweites) mit 200 stressfreien Rezepten. Viel einfacher als Spurensuche. Sättigender als jede Mörderjagd. Der Fall ist gelöst: Salat kann man braten, Tofu kann man füllen, roter Reis mit Schwarzkümmel braucht kein Fleisch, Blunzn harmoniert mit saurem  Apfel und ist gar nicht üppig.

Eva Rossmann:
„No Stress – Mira kocht“
 Folio Verlag.
248 Seiten.
28 Euro
KURIER-Wertung: ****

 

Was ist falsch an "Kardamon"?

Deutsch. Die „größte Deutschstunde weltweit“ hat geöffnet, zum dritten Mal in Buchform. Bastian Sick, seit „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod“ ein Held der Rechtschreibung, hat wieder 200 Fragen, manche gehen in Richtung Literatur, oft klingen sie einfach – aber: Welches Gewürz ist richtig geschrieben?  a) Mayoran
b) Thymian c) Kardamon
d) Koreander?

Bastian Sick:
 „Wie gut ist Ihr Deutsch 3“
 Kiepenheuer & Witsch.
Taschenbuch.
256 Seiten. 11,40 Euro
KURIER-Wertung: ****

 

Nachrichten aus 2.000 Handys

Kraken. Manches geht einfach nicht. Oktopus essen, das geht gar nicht. Das verbietet allein schon der Respekt: Dieses wunderwunderschöne Kinderbuch ist ein Glück für Leser. Hoffentlich auch für Tintenfische. Der Oktopus hat 2.000 Saugnäpfe auf seinen acht Armen, alle geben Informationen ans Hirn wie 2.000 Handys, mit jedem Saugnapf kann er 15 Kilo heben und so weiter. Höchstwertung!!!

Michael Stavarič:
 „Faszination Krake“
Illustriert von Michèle Ganser.
 Leykam Verlag.
144 Seiten. 25 Euro
KURIER-Wertung: *****

 

Die Nazizeit bleibt gegenwärtig

Semmering. Auch wenn es eine Liebesgeschichte im Dorf ist mit nicht mehr jungen Menschen  – Lehrerin und Einsiedler –, so ist doch auch die vergangene Nazizeit in der Semmering-Gegend niemals vergangen. SSler hatten, wie in Rechnitz, noch in den letzten Kriegsstunden gemordet. Autor Zagler, Pensionist aus Raach am Hochgebirge, schreibt nicht nur gern, sondern wie ein alter Profi.

Norbert Zagler:
 „Schatten der Vergangenheit“
 tredition Verlag.
332 Seiten.
12,40 Euro
KURIER-Wertung: *** und ein halber Stern

 

Die Brust hätte nicht sein müssen

Neapel. Jetzt haben wir das also auch noch: Eine Heldin, die Sozialarbeiterin in Neapels ist ... und eine riesige Oberweite hat, unter der sie leidet. De Giovannis schwarze Krimikomödie wäre auch ohne Brust zurecht gekommen. Seine Serie um Commissario Ricciardi, der den letzten Augenblick von Menschen vor ihrer Ermordung  sieht,   war der beste Beweis dafür.

Maurizio de Giovanni:
  „Zwölf Rosen in Neapel“
Übersetzt von Susanne Van Volxem und Olaf Matthias Roth. Kampa
Verlag. 288 Seiten. 18,40 Euro
KURIER-Wertung: *** und ein halber Stern

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