© Florian Weiß / Kunstanstifter

Literatur
12/13/2020

... und wieder 18 Bücher, ganz kurz

Diesmal mit Fliegenfischen, kleinen Brüsten, der Ehefrau von Jesus, und Weihnachtsgeschichten mit tanzenden Fichten gibt's auch

von Peter Pisa

Am Comer See heißen alle Lucia

Schiffe. Die Zeichnungen des Berliners Florian Weiss haben eine um nichts schlechtere Geschichte: Er punktiert sie mit einer von ihm konstruierten Maschine. Er hat 27 berühmte Schiffe punktiert, Santa Maria, Beagle, Arche Noah, Fliegender Holländer ... Dazu wird erzählt, Altes, Uraltes neu erzählt, dann weiß man sogar, warum alle Fischerboote auf der Comer See „Lucia“ heißen.

Lucia Jay Seldeneck:
 „Logbuch“
 Illustriert von Florian Weiss.
Kunstanstifter Verlag.
116 Seiten. 24,90 Euro
KURIER-Wertung: ****

Die Zeichnung oben ist ein Ausschnitt aus dem Buch und zeigt den Fliegenden Holländer

 

Fast 1000 Seiten, bestens gefüllt

Los Angeles. Wären seine Romane Musik, es wären Symphonien des Grauens – schrieb der Spiegel über James Ellroy, der im neuen Buch 90 Mitwirkende  verbraucht, alle kaputt:  keine Erlösung im Los Angeles der  1940er. Menschenschmuggel, Heroinschmuggel, Leiche in Kiste, gestohlener Goldschatz usw. Die fast 1.000 Seiten sind, was bei Kollegen meist nicht ist, bestens gefüllt.

James Ellroy:
 „Jener Sturm“
Übersetzt von Stephen Tree.
Ullstein Verlag.
976 S Seiten. 36 Euro
KURIER-Wertung: **** und ein halber Stern

 

Der Basilisk ist noch in Wien

Sagen. Was macht der Teufel im Krapfenwaldbad? Und der ziemlich nasse Wassermann im Wienfluss? Sie machen’s nicht mehr so wie in den alten österreichischen Sagen: 38 Autorinnen und Autoren erzählen sie neu, meist mutig vom Ursprung entfernt. Unter ihnen der aktuelle Buchpreis-Gewinner Xaver Bayer mit dem Basilisken-Biest im Herzen der Stadt und im eigenen Herzen.

Sophie Reyer und Thomas
Ballhausen (Herausgeber):

  „Sagen reloaded“
 Czernin Verlag.
240 Seiten. 23 Euro
KURIER-Wertung: ****

 

Diesmal nicht in der Hauptrolle

Island. Mit der „Erlendur“-Serie wurde er bekannt. Seine Krimis spielen nicht nur in Island, sondern Island spielt mit. Im zweiten Buch mit dem pensionierten Kommissar Konráð allerdings nicht in der Hauptrolle. Er kümmert sich um ein Kind, das vor Jahrzehnten  ertrunken ist. Um ein aktuell abgängiges Mädchen. Um seinen toten Vater. Gekonnte, routinierte Verschmelzung.

Arnaldur Indriðason:
„Das Mädchen an der Brücke“
Übersetzt von Anika Wolff.
Lübbe Verlag.
394 Seiten.  23,60 Euro
KURIER-Wertung: *** und ein halber Stern

 

Tragikomödie im Schreibkurs

Biografisches. In seinem ersten Roman „Jud“ gab Georg Thiel den Lesern mit: Es mag ja sein, dass Gott auch auf krummen Zeilen gerade schreibt, „aber er hat einen schlechten Stil.“ Das ist im aktuellen Roman nicht anders. Aber komischer. Ein Mann, kurz vor der Rente,  nimmt an einem Kurs teil: Lerne deine Autobiografie zu schreiben. Dabei lernt  er seine Familie besser kennen.

Georg Thiel:
„Die Natur der Dinge“
Braumüller Verlag.
224 Seiten.
22 Euro
KURIER-Wertung: ****

 

Man muss so ein Gewitter mögen

Thriller. Dem Titel wird die Wienerin Michaela Kastel gerecht: Sie stürmt durch den Thriller, dass man sich festhalten muss. Wenn man ein derartiges Unwetter will: Eine gefangengehaltene, missbrauchte junge Frau entkommt ihren Peinigern und rächt sich. „Epischer Sound“ wird versprochen, Lieblingsstelle ist trotzdem (justament): „Es ist Frühling. Alles wirkt vollkommen.“

Michaela Kastel:
„Ich bin der Sturm“
 Emons Verlag.
272 Seiten.
20,60 Euro
KURIER-Wertung: ***und ein halber Stern

 

Auf dem Weg nach Israel

Graphic Novel. „Auf dass wir uns von den wahnhaften Vorstellungen von Land, Staat und Nation befreien“:  Theodor Herzl und seine Wegbereitung nach Israel –  geschrieben aus Fakten; gezeichnet braun und oft wie Linolschnitte  von Alexander Pavlenko, der in den 1990ern wegen des Antisemitismus Russland verließ. Sagen Sie niemals Comics zu dieser Graphic Novel.

Alexander Pavlenko (Zeichnung) und Camille  de Toledo (Text):
  „Herzl – Eine europäische Geschichte“ Jüdischer Verlag bei Suhrkamp. 352 Seiten. 25,70 Euro
KURIER-Wertung: **** und ein halber Stern

 

Was kommt nach dem Andersleben?

Sinnsuche. „Sinn-Dilettanten“ sind es, sympathische Menschen, die versucht haben, anders zu leben. Die Kommune in einem Bauernhof scheiterte – wo beginnt man neu? Und wie? Das verfolgt die Grazerin Birgit Pölzl  ... im Wissen, dass unsere Zeit Wandel braucht „wie Luft zum Atmen“.  Mit viel Sprachkunst geschrieben, was aber etwas auf Kosten der Geschichte geht.

Birgit Pölzl:
„Von wegen“
 Leykam Verlag.
256 Seiten.
21 Euro
KURIER-Wertung: *** und ein halber Stern

 

Träumen zwischen Affe und Mensch

Abenteuer. Auch in Corona-Zeit kann man eine neue Bekanntschaft machen: In Papua-Neuguinea wird das Wesen zwischen Affe und Mensch gesucht. Und gefunden. Und erschossen ...  Der viel beachtete Debütroman des Schweizers Lukas Maisel ist trotzdem kein Dschungelbuch.  Was grün sein müsste, will bedrucktes Papier sein: Es ist ein Abenteuer des Träumens und Schreibens.

Lukas Maisel:
„Buch der geträumten Inseln“
 Rowohlt Verlag.
272 Seiten.
22,90 Euro
KURIER-Wertung: *** und ein halber Stern

 

Das Leid und das Dings verstecken

NS-Lager. Ein Ort im Innviertel, das SA-Lager Weyer – St. Pantaleon, an dem  zwölf Leben verknüpft sind: Opfer der Nazis, Täter, und selbst peripher, neben dem Verbrechen, Unbeteiligte, die sich beteiligen, indem sie sagen: Wo hintun hätte man die Leut’ sollen, wo wir Nachbarn nichts  von dem Leid und dem Dings gesehen hätten ... Verschiedene Formen des Menschseins.

Ludwig Laher:
„Schauplatzwunden“
 Czernin Verlag.
192 Seiten.
20 Euro
KURIER-Wertung: ****

 

Alfred Komarek, immer seltsamer

Weihnachten. Während Tannen und Fichten in harziger Ekstase miteinander tanzen, sieht ein Pflasterstein unbewegt dem Heiligen Abend entgegen ... Weihnachtsgeschichten von Alfred Komarek, der immer seltsamer wird (was lieb gemeint ist). Und weiser: Gemeinsam mit dem Weihnachtsraben weiß er, dass es Klügeres gibt, als bloß mit beiden Beinen fest auf der Erde zu stehen.

Alfred Komareks
Weihnachtsgeschichten:

 Illustriert von Eva Kellner.
Haymon Verlag.
176 Seiten. 17,90 Euro
KURIER-Wertung: *** und ein halber Stern

 

Landschaften mit Sommersprossen

Australien. Soll niemand sagen, falls der Australier  noch den Nobelpreis bekommt, er habe nie etwas von ihm gehört Der in Selbstisolation lebende Gerald Murnane  erinnert an Calvinos von eins ins andere greifende Erzählen. Erträumte sommersprossige Frauen und Alkohol und ein junger Dichter und der Glaube der Katholiken ... Murnanes Geschichten sind Landschaften, sogar begehbare.

Gerald Murnane:
„Landschaft mit Landschaft“
 Übersetzt von Rainer G. Schmidt.
Suhrkamp Verlag.
400 Seiten. 24,90 Euro
KURIER-Wertung: ****

 

Seine Ehefrau ist interessanter

Jesus. Jesus aus Sicht seiner Ehefrau Ana: Das ist nicht ganz historisch, aber was ist schon in dieser Geschichte ganz historisch? Es ist eine Möglichkeit, Jesus etwas anders kennenzulernen („Sein Lachen war wie ein springender Quell ...“), aber Ana ist interessanter: als Partnerin und in ihrem Aufbegehren gegen Sachen, die Frauen nicht tun dürfen – schon gar nicht in Galiläa.

Sue Monk Kidd:
„Das Buch Ana“
 Übersetzt von Judith Schwaab.
btb.
576 Seiten. 22,90 Euro
KURIER-Wertung: *** und ein halber Stern

 

Flügel müssen aus Ninas Haar sein

Fliegenfischen.  Fischer heißt der Oberösterreicher,Leander Fischer,  und während er vom Fliegenfischen erzählt, erzählt er vom Dorf, von großer Politik, vom Klosterstinkkäse ... Aber vor allem, wie man die Köder bindet – die Flügel der vermeintlichen Fliegen müssen aus Ninas blondem Haar bestehen. Das sind fast 800 Seiten! Ob Leser einen so langen Atem haben wie der unglaublich begabte Autor?

Leander Fischer:
„Die Forelle“
 Wallstein Verlag.
782 Seiten.
28,80 Euro
KURIER-Wertung: ****

 

Barbarotti hört doch nicht auf

Schwedenkrimi. Nesser  wollte mit Band 5 aufhören, jetzt macht sein Barbarotti aber weiter. Gute Idee. Der Polizist hat etwas von  Don Camillo, er spricht mit Gott, und Gott spricht mit ihm, aber Barbarotti agiert langsamer als der Pfarrer.  Ein Busfahrer mit 17 Toten auf dem Gewissen wird umgebracht, kann aber trotzdem Rad fahren. Der Roman spielt auf Gotland. Gotland, ein Traum!

Håkan Nesser:
„Barbarotti und der schwermütige Busfahrer“ Übersetzt von Paul Berf.
 btb
416 Seiten. 22, 70 Euro
KURIER-Wertung: ****

 

Kraxel-Kunst, damit Lichter aufgehen

Comic. Da müsste sogar „richtigen Männern“ einige Lichter aufgehen: Lisa Frühbeis’ feministische Kolumne, GEZEICHNET für den Berliner Tagesspiegel, ist Kraxel-Kunst (Betonung auf Kunst) über (Tabu-)Themen wie Menstruation, behaarte Beine, kleine Brüste, großer Hintern, hohe Absätze, Gleichbehandlung. Diese Comics bereichern.

Lisa Frühbeis:
„Busengewunder“
 Carlsen Verlag.
128 Seiten.
15,50 Euro
KURIER-Wertung: **** und ein halber Stern

 

Eine Sprache, die nach innen weint

Abschied. Sie wundert sich, dass sie die Beerdigung überlebt hat: Ihr Vater ist an Krebs gestorben. Wenn Zsuzsa Bánk  über  die letzten gemeinsamen Tage schreibt, über das Hinnehmen, das Vermissen, so ist es Vaters Biografie und zugleich Erinnerung an die Kindheit. Ihre Sprache sieht nicht nach Schmerz aus, aber sie weint nach innen. Wie beim Vater, der hat auch immer nach innen geweint.

Zsuzsa Bánk:
„Sterben im Sommer“
S. Fischer Verlag.
240 Seiten.
22,90 Euro
KURIER-Wertung: *** und ein halber Stern

 

König und Schweinehund in Warschau

Polen. Wer war mehr Henker bzw. mehr Opfer? Szczepan Twardoch erlaubt sich, der polnischen Geschichtsschreibung vernachlässigte Abgründe beizufügen. Er macht es um die Zeit des Aufstands im Getto mithilfe eines Warschauer Unterweltlers, einst König und Schweinehund, seines traurigen Sohnes und einer früheren Prostituierten. Überlebenskämpfe in hoher literarischer Qualität.

Szczepan Twardoch:
„Das schwarze Königreich“
Übersetzt von Olaf Kühl.
Rowohlt Berlin.
416 Seiten. 24,70 Euro
KURIER-Wertung: **** und ein halber Stern

 

 

 

 

 

 

 

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