© Judith Vanistendael / Reprodukt

Literatur
07/07/2021

... und wieder 17 Bücher, ganz kurz

Diesmal über unbekannte Komponistinnen, Erlebnisse im Stifsgymnasium, Caravaggio und Leonardo; und was Urmenschen gern gegessen haben

von Peter Pisa

Penelope findet nicht nach Hause

Graphic Novel. Penelopes Odyssee: Sie ist  Ärztin ohne Grenzen in Syrien. In Brüssel wartet ihre Familie – aber sie findet nicht heim. Als Ehefrau und Mutter fühlt sie sich unnötig. Die belgische Comiczeichnerin und Trickfilmerin Judith Vanistendael zeigt in Aquarellen nicht nur Zerrissenheit und was sich hinter der heilen Welt abspielt, sondern auch das veränderte Rollenbild: Früher zog Odysseus in die Welt und irrte umher.

Judith Vanistendael:. „Penelopes zwei Leben“ Reprodukt Verlag, 176 Seiten, 20,60 Euro

KURIER-Wertung: ****

Die Illustration oben stammt aus dem Buch

 

Mit Schlittenhunden durchs Kanaltal

Urlaub. Vielleicht ist man aufmerksamer geworden. Vielleicht will man nicht mehr, ohne links und rechts zu schauen, durchs Kanaltal und runter ans Meer. Unglaubliches spielt sich dort ab.  Als Schlittenhundeführer kann man sich versuchen (Fusine), in Valbruna setzt sich die Truta Mora auf die Brust der Schlafenden und verursacht Atembeschwerden ... Wichtiges Wissen.

Claudia Lux:
 „Kanaltal“
Styria Verlag.
176 Seiten.
23 Euro
KURIER-Wertung: *** und ein halber Stern

 

Ein Miststück für den Wahnsinn

Erzählungen. Zadie Smith wurde in London geboren und lebt in New York. Sie schreibt: „Amerika ist ein Miststück von genau der Sorte, das alle, die sich wirklich zu ihm bekennen,  in den Wahnsinn treibt.“ Nach fünf Romanen erstmals  19 Erzählungen. Böse, selbstironisch, absurd und immer bei  wesentlichen, oft politischen  Themen: Frau – Mann, arm – reich, schwarz – weiß ...

Zadie Smith:
 „Grand Union“
Übersetzt von Tanja Handels.
Kiepenheuer & Witsch.
272 Seiten. 22,90 Euro
KURIER-Wertung: **** und ein halber Stern

 

Dieses Land hat einen Cheerleader

Slowenien. Der Amerikaner Noah Charney, Autor und Kunsthistoriker mit Spezialgebiet Kunstverbrechen, gilt als Sloweniens größter Cheerleader. Weil er das Land, in dem er lebt, derart stark unterstützt. Seine „Slowenologie“ – Erlebnisbericht, Essay, Reiseführer –  macht tatsächlich Lust, die Schätze genau zu inspizieren inklusive Kremna Rezina (Cremeschnitte).

Noah Charney:
 „Slowenologie“
 Beletrina Verlag.
300 Seiten.
19 Euro
KURIER-Wertung: *** und ein halber Stern

 

Unsichtbare Komponistinnen

Gedichte. 100 Komponistinnen – zu oft kennt man nicht einmal ihre Namen. Candelle, Caccini, Maconchy, Smyth ... Unsichtbar bleiben sie (bis auf wenige Ausnahmen). Sophie Reyer, selbst Komponistin, hat  in 100 Gedichten die Seelen eingefangen, danach wird es noch interessanter, sich über diese Frauen zu informieren. Arme Barbra Streisand: Sogar hier wird sie zur BarbAra.

Sophie Reyer:
 „Musica Femina“
 Einführende Worte von Irene Suchy.

edition keiper.
140 Seiten. 18 Euro
KURIER-Wertung: *** und ein halber Stern

 

Der Autor hat Wien verlassen

Krimi. Andreas Pittler („Bronstein“-Serie) hat Wien nicht länger  ausgehalten, hat seinen Beruf im Parlament aufgegeben und ist nach Kärnten ausgewandert. Sein aktueller Krimi fühlt sich in Wien gut aufgehoben, anfangs in Ottakring am Brunnenmarkt. Eine Frau wird erschlagen, ein Anwalt enthauptet ... „In welchem Scheißfilm sind wir da?“ fragt ein Polizist. Ist ein Buch, Pittlers 61. oder 62.

Andreas Pittler:
 „Vienna Dschihad“
 Echomedia Verlag.
264 Seiten.
22 Euro
KURIER-Wertung: *** und ein halber Stern

 

Schüler für "vogelfrei" erklärt

Kremsmünster. Über sexuelle Missbrauchsfälle  im Stiftsgymnasium Kremsmünster wird man in „Der Zebrahirte“ nichts lesen. Der Autor war ab Ende der 1970er-Jahre Zögling und hat sie nicht beobachtet. Das brutale System erlebte er: Der Konviktsvorstand erklärte „schlimme“ Schüler für „vogelfrei“ – wer wollte, durfte sie sanktionslos verprügeln. Das Buch sieht bloß so harmlos aus.

Marcus Stehlik:
 „Der Zebrahirte“
 united p.c.
118 Seiten.
27,90  Euro
KURIER-Wertung: *** und ein halber Stern

 

Blutwurst für Urmenschen

Esskultur. Wir essen archaisch. Auf einen Waldbrand müssen wir nicht  warten, um toten Tieren die Knochen zu brechen und das Mark zu essen. Aber wir vergraben ein Steak in der Glut für 20 Minuten.  Der Autor vermutet, dass  Urmenschen früh Blutwurst aßen, und aus einer im Feuer umgekommenen Schildkröte könnte mit Wasser und Zwiebel die erste Suppe entstanden sein.

Hans-Peter Hufenus:
 „Urmensch. Feuer. Kochen““
 AT Verlag.
255 Seiten.
29 Euro
KURIER-Wertung: *** und ein halber Stern

 

Euripides wurde modern

Tragödien. Der Tiroler Raoul Schrott übersetzt  gern  frei, er interpretiert. Bei Homer waren  Kritiker entsetzt, bei Euripides, mit dem er sich fürs Burgtheater beschäftigte, gibt es viel Lob. Weil Elektra, Orestes, Alkestis und Bakchen so lesbar sind, so originell. Die Themen Populismus, Terrorismus und Feminismus werden deutlich, und Dionysos ist nicht mehr weise, sondern  ein „Klugscheißer“.

Euripides:
 „Die großen Stücke“
 Übertragen von Raoul Schrott.
dtv.
408 Seiten. 30,90 Euro
KURIER-Wertung: **** und ein halber Stern

 

Wie Eis, das im Meer schwimmt

Abenteuer. Ein Kurzroman aus Chile, 1941 erstmals veröffentlicht. Er will zeigen, dass Menschen wie Eisberge sind, die ins Meer stürzen und sich drehen und wenden und dann möglicherweise eine andere Form annehmen ... Ein Bub geht als blinder Passagier an Bord eines Schulschiffs Richtung Kap Hoorn, um den verschwundenen Bruder zu suchen. Das Buch schlug Wellen.

Francisco Coloane:
 „Der letzte Schiffsjunge
der Baquedano“ Übersetzt von Willi Zurbrüggen. Unionsverlag.
96  Seiten. 12,90 Euro
KURIER-Wertung: ****

 

Leonardos Bild und die Boa

Kunstraub. Da Vincis „Anbetung der Könige“ wurde in den Florentiner Uffizien bis 2017 restauriert (und vom „Fliegenschiss“ befreit). Das ist wahr. Eine Riesenschlange verursacht Chaos in der Werkstatt – und das Bild verschwindet. Das ist der Roman, gut durchdacht, etwas zu brav ausgeführt. Persönlicher Lieblingssatz, Seite 252: „Darf ich dir gleich einen Gin Tonic eingießen?“

Maximilian Mondel:
 „Die Anbetung der Könige“
 Seifert Verlag.
300 Seiten.
22,95 Euro
KURIER-Wertung: *** und ein halber Stern

 

Ist Chopin den Beatles überlegen?

Musik. Baricco, der mit  „Seide“ um 1996 einen Weltbestseller hatte, ist studierter Musikwissenschafter. In vier Essays provoziert er aufs Schönste, damit man z.B. darüber nachdenkt: Ist jemand, der Chopin den Beatles vorzieht, deshalb eine Stütze der Gesellschaft? Ist klassische Musik anderen Musikrichtungen moralisch und geistig überlegen? Nach dem Buch wird Johnny Cash aufgelegt

.Alessandro Barrico:
 „Hegels Seele oder Die Kühe von Wisconsin“

Übersetzt von
Karin Krieger.Hoffmann und Campe.
112 Seiten. 18,50 Euro
KURIER-Wertung: ****

 

Dokument vom Rand der Monarchie

Przemyśl. Was macht ein Militärhistoriker  in Corona-Zeiten? Er schreibt über Krieg und Liebe, über Cholera und Typhus in der  Stadt Przemyśl am Rande Österreich-Ungarns, die zur Festung wurde. Ein Zeitdokument der russischen Belagerung; eine Tragödie, erträglicher durch romantische Einschübe. Hochinteressante Mischung aus Baronesserl und Bomben.

Georg Reichlin-Meldegg:
 „Erstürmte Festung“
 Weishaupt Verlag.
330 Seiten.
24,90  Euro
KURIER-Wertung: *** und ein halber Stern

 

Smartphone ohne Anschluss

Kommunikation. Das Lesen wird harte Arbeit. Belohnung ist, dass man es bei diesem Rede- und Gedankenfluss  mit einem Nachfolger von „Ulysses“  (James Joyce) zu tun bekommt. „Phone“ des Londoners Will Self ist der letzte Teil der Trilogie um den Psychiater Zack, allmählich wird er dement. Das Smartphone ist letzte Verbindung mit unserer Welt, die wir neu kennenlernen.

Will Self:
 „Phone“
 Übersetzt von Gregor Hens.
Hoffmann und Campe.
640 Seiten.  28,90 Euro
KURIER-Wertung: ****

 

Fünf Stiche für Caravaggio

Kriminalroman. Warum regt Caravaggios „Ungläubiger Thomas“ so sehr auf, dass ein Mann in Erinnerung an seine Zeit im Internat dem Gemälde fünf Messerstiche versetzt?  Gestohlen wird es auf dem Weg zur Restaurierung dann auch noch.  Wer einen Krimi will, einen Kunstkrimi, ist bei Jaumann in guten Händen. Wenngleich seine Serie, die in Namibia spielt, mehr Reize hatte.

Bernhard Jaumann:
„Caravaggios Schatten“
 Galiani Verlag.
304 Seiten.
15,50  Euro
KURIER-Wertung: *** und ein halber Stern

 

Auf dem Weg zum Rockstar

Musik. Herbert Hirschler textet volkstümliche Musik für z.B.  Edlseer, Junge Zillertaler, Kastelruther Spatzen. Im Debütroman versucht jemand, Rockstar zu werden. Er schafft es – mit 80. Im Buch ist immer der Schlager „Weiße Rosen aus Athen“ präsent. Hirschler mag ihn offensichtlich nicht. Neid kann’s aber nicht sein: Seine Texte mit Musik erreichten fünf Mal Platin und zehn Mal Gold.

Herbert Hirschler:
 „Luftgitarrengott“
 Leykam Verlag.
384 Seiten.
19 Euro
KURIER-Wertung: *** und ein halber Stern

 

Schöne Momente in Stalins Lager

Gulag. Sepp Österreicher (= Boris Brainin), der vor den Nazis nach Russland flüchtete und unter Stalin in mehreren Straflagern war, erinnert sich an den Albtraum. Das Unerwartete: Er findet schöne Momente – etwa wenn eine Geige gebastelt wird und er nach Holzfällerarbeiten Unterricht bekommt. Zum 25. Todestag des Exilautors erstmals auf Deutsch. Es war an der Zeit.

Boris Brainin:
 „Wridols Erinnerungen“
 Herausgegeben von Erwin Matl und Leopold Hnidek. Pilum Verlag.
200 Seiten. 19,20 Euro
KURIER-Wertung: *** und ein halber Stern

 

 

 

 

 

 

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