Tamara Štajner: „Und wenn ich ein anderes Leben führte?“
Tamara Stajner hat schon bei den Tagen der Deutschen Literatur reüssiert.
Iva unternimmt eine Reise in die Vergangenheit. Zurück zu einer abgründigen Mutter-Tochter-Beziehung. Zurück auch zu Erinnerungen an das ehemalige Jugoslawien und die Rollen, die Frauen darin spielten – kämpferische.
So beschreibt es Tamara Štajner in ihrem berührenden, zugleich äußerst witzigen Roman „Luft nach unten“. Der Roman berichtet zunächst von einer dysfunktionalen Familie. Emotionale Abgründe und zerstörerische Dynamiken zwischen Töchtern und Müttern inklusive. Ivas nie abgeschickte Briefe an die Mutter sind hier eingebettet in eine Geschichte von unerfülltem Kinderwunsch. Iva und ihr Partner Felix versuchen seit Jahren, ein Kind zu bekommen. Samt aller Konsequenzen auf Partnerschaft und Sexualität. Die SMS-Dialoge zwischen Iva und ihrem Mann Felix sind intime, tragisch-komische Innenschauen in eine moderne Paarbeziehung. Da der lustige, aber unzuverlässige Felix, der ziemlich viel lügt. Dort Protagonistin Iva, die ihn durchschaut und scheinbar dauernd etwas fordert. Es ist faszinierend, mit welcher Schärfe Štajner diese Paarbeziehung beobachtet und die Reaktionen der Leser und Leserinnen antizipiert: Sie weiß genau, dass der nette Felix als harmloser, sympathischer Teil dieses Paares erscheint, Iva hingegen oft „anstrengend“ wirkt. „Auch die Literaturwelt ist latent frauenfeindlich“, sagt Štajner im Gespräch mit dem KURIER. Ähnlich ist das in der Beziehung Ivas zu ihrer Mutter, die sie als Kind maßregelte, über Gebühr forderte, zugleich aber auch förderte. Die schwierige Mutter. Aber wo war eigentlich der Vater? Nach ihm fragt niemand.
Tamara Štajner: „Luft nach unten“ Zsolnay.
336 Seiten. 25,70 Euro
Empörte Mutter
Auszüge aus dem Roman – die nie abgeschickten Briefe an die Mutter – hat man bereits vor zwei Jahren beim Wettlesen um den Bachmannpreis gehört. Und dabei, wie das in der Literatur oft der Fall ist, auch ein bisschen etwas von der Autorin selbst erfahren. Die Lesung wurde auch in Slowenien im Radio gesendet. „Meine Mutter hat das gehört und sie konnte damit überhaupt nicht umgehen“, sagt Tamara Štajner. Erst später habe sie verstanden, dass diese Briefe keine Anklage, sondern eine Art Liebeserklärung sind.
Ähnlich wie ihre Protagonistin wurde auch Tamara Štajner im ehemaligen Jugoslawien geboren und kam zum Musikstudium nach Wien, wo sie seit 20 Jahren lebt. Sie schloss ihr Master-Studium im Konzertfach Viola an der Universität für Musik und darstellende Kunst ab und ist heute in vieler Hinsicht ganz und gar Wienerin. Die sich unter anderem in die Universalität des kleinen, typisch österreichischen Wörtchens „eh“ verliebt hat: Als ein Lehrer ihr auf der Musikuni sagte: „Du kennst die eh aus“ – grübelte sie lange. Heute ist „eh“ eines ihrer Lieblingswörter: Zwei Buchstaben, die so viel bedeuten können.
Warum dieses Leben?
Die Fragen, die Štajner an die Literatur generell und auch im aktuellen Roman stellt, sind existenziell: „Ich lebe jetzt dieses Leben, aber was wäre, wenn ich ein anderes führen würde?“ So hat es auch die Schriftstellerin Sylvia Plath ausgedrückt, aus deren Tagebüchern Štajner ein Zitat an den Beginn ihres Romans stellt: „Nie kann ich all die Menschen sein, die ich gern wäre und nie all die Leben führen, die ich gerne führen würde.“
Die bestimmenden Pole, Musik und Literatur, kamen früh in Tamara Štajners Leben. „Ich hatte kein eigenes Zimmer und Bücher und eine Geige brauchten nicht viel Platz.“ Zwischen Musik und Literatur konnte sie sich lange nicht entscheiden. „Bitte geh nach Wien und studiere Musik. Worte werden auf dich warten“, sagte ihre Lehrerin. Das Erlernen einer neuen Sprache, in der sie mittlerweile denkt, träumt und schreibt, war schließlich auch ein Schlüssel zu diesen Möglichkeiten anderer Leben, von denen ihre Protagonistin träumt. Und wie in der Musik, geht’s auch beim Schreiben darum, Klangfarbe zu wechseln, damit das Publikum interessiert bleibt. „Luft nach unten“ ist deshalb ein sprachlich sehr bewegtes Buch. Es gibt Chats, es gibt Briefe, es gibt Ortswechsel. Und ein sehr überraschendes Ende.
Immer vorbereitet
Tamara Štajner überlässt nichts dem Zufall, sie mag gute Vorbereitung, das hat sie auch beim Bachmannpreis damals so gemacht. „Ich habe mich sehr auf diese Lesung vorbereitet. Ich wusste, dass das ein riskanter Text ist und dass dabei viel schief gehen kann. Er kann aber auch berühren. Und ich hatte das Glück, dass er berührt hat.“
Auch in Slowenien, wo Tamara Štajner mittlerweile eine angesehene Autorin ist.
Daheim ist sie jedoch heute in Wien. „Der rumänische Schriftsteller Mircea Cărtărescu hat gesagt: Lyrik verhält sich zu Prosa wie eine stürmische Liebe zum Eheleben. Slowenien ist für immer meine stürmische Liebe.“
Kommentare