Sandro Veronesis "Schwarzer September": Als die Zeit der Unschuld zu Ende war

Der preisgekrönte italienische Schriftsteller Sandro Veronesi über die Suche nach Wahrheit, die Fallstricke von Nostalgie und die Möglichkeit des Verschwindens.
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„Nostalgie? Ich habe nie von Nostalgie geschrieben. Du, die du meinen Roman liest, bist es, die hier Nostalgie hineininterpretiert.“

Doch man kann nicht anders als nostalgisch werden, wenn Sandro Veronesi von der Schwelle zwischen Kindheit und Erwachsenwerden schreibt, von einem Sommer am Strand von Fiumetto in den 1970ern, von einem Jugendlichen, dessen größte Leidenschaft eben noch der Giro d’Italia war, bis plötzlich sie in sein Leben tritt. Die dreizehnjährige Astel, deren schwarze Zöpfe den zwölfjährigen Gigio so faszinieren, dass er bald nichts anderes im Sinn mehr hat als dieses wunderschöne Mädchen.

Seine Kindheit endet hier aus ganz anderen Gründen. Nicht umsonst heißt Sandro Veronesis neuer Roman „Schwarzer September“. Der Terror der olympischen Spiele von 1972, ein grausamer, politisch motivierter Mord und die Wahrheit über seine Eltern treten in Gigios Leben und verändern es auf brutale Weise. Es ist die Geschichte einer Zerstörung.

Ein verblüffendes Buch hat Sandro Veronesi, einer der erfolgreichsten italienischen Autoren unserer Zeit, hier geschrieben.

Veronesi, 1959 in Florenz geboren, wurde für seinen später mit Nanni Moretti verfilmten Roman „Stilles Chaos“ zum ersten und 2020 für „Der Kolibri“ zum zweiten Mal mit dem Premio Strega, dem wichtigsten Literaturpreis Italiens, ausgezeichnet. Seine Romane sind bei Kritik und Publikum höchst erfolgreich.

Ein Italienurlaub

Dabei hatte er ursprünglich anderes im Sinn. Er hat Architektur studiert. Ob sich das Bauen von Romanen mit dem von Häusern vergleichen lasse? „Natürlich!“ Veronesi, den wir in einer kleinen Wiener Hotelbar treffen, wirkt begeistert von der Frage. Er nimmt einen Zettel und einen Stift zur Hand und zeichnet. Er zeichnet seinen Roman. Der erste Teil, der uns damals sehr junge Italienurlauber der 1970er nostalgisch werden lässt, ist ein langer, gleichförmiger Schlauch. Schön, harmonisch, vermeintlich vorhersehbar. Der zweite Teil, jener, in dem der Sommer schwarz wird, ist ein großer Kubus, der vor Dichte gleich zu explodieren scheint.

Ein gutes Bild, denn mindestens so viel steckt in diesem Roman drin. Schrecken, Monstrosität. Zeitgeschichte. Musik (von Led Zeppelin bis Cat Stevens), Literatur. Der Dichter H. W. Auden wird zitiert. Veronesi weiß, dass der englische Lyriker in Kirchstetten in Niederösterreich begraben ist. Kennengelernt hat er ihn im „besten Roman Italiens“: „Tödlich verwundet“ von Raffaele La Capria.

Seine Romane, die meistens von Neapel handelten, verschlang Veronesi als junger Mann in den Vorlesungspausen auf der Uni. „Ich wüsste nicht, wie ich Romane schreiben könnte, wenn ich nicht Architektur studiert hätte. Komposition, Aufbau, Proportionen sind wesentlich für das Schreiben.“ Auch um Statik geht es. Um ein Gleichgewicht. Hier: Ein Gleichgewicht des Schreckens. Der Sommer 1972, der Moment im Leben eines jungen Burschen, dessen Dasein bald völlig aus den Fugen gerät und in dem Terror die Welt in Atem hält: Jene Olympischen Spiele, die der junge Gigio eben noch leidenschaftlich verfolgt, werden vom Anschlag der palästinensischen Terrororganisation „Schwarzer September“ verwüstet. Dazu der Mord an einem Kind, der damals die italienischen Medien auf Trab hielt, und schließlich dringt der Schrecken in Gigios ganz persönliches Umfeld vor. Die Zeit der Unschuld endet hier.

Er gerät ins Schwärmen

Ob das „Davor“ eines war, nach dem man sich zurücksehnen sollte? Veronesi sagt, da würde er vorsichtig sein. Jedes „Früher war alles besser“ wird bekanntlich politisch benutzt. Trotzdem gerät auch er ins Schwärmen, wenn er von der Musik der 1970er-Jahre spricht. Ständig seien damals Meisterwerke entstanden. Sein Verleger hat auch gleich eine Playlist zum Buch veröffentlicht. Wohlgemerkt keine, die ihn, Veronesi, beschreiben würde.

Es ist die Playlist einer 13-Jährigen im Jahr 1972. „Ich habe mir damals jede Woche eine Platte gekauft. Mit meinem letzten Geld. Viele davon höre ich heute noch. Franz Zappa zum Beispiel. Bob Dylan natürlich. Der Menge an außergewöhnlicher Musik, die damals herauskam, konnte man gar nicht folgen. Vom Kino rede ich erst gar nicht. Es war eine besondere Zeit für die Kultur. Heute gibt es keinen David Bowie. Es gibt tüchtige Künstler. Aber einen David Bowie gibt es nicht.“

Also doch ein bisschen Nostalgie? „Der Unterschied war, dass wir Jungen uns damals von unseren Eltern abheben konnten, wenn wir Bowie hörten. Unsere Eltern fanden das schrecklich. Heute hören meine Kinder dasselbe wie ich. Damals bedeutete Musik, dass du die Tür vor deinen Eltern zumachtest.“ Im Lauf des Gesprächs geht es dann auch um Fabrizio De André, jenen „Cantautore“, italienisch für „Liedermacher“, der in Veronesis vorletztem Roman „Der Kolibri“ eine Rolle spielte. Veronesi ist überrascht, zu hören, dass De André in Österreich so bekannt ist. Wir werden ihm an dieser Stelle nicht erzählen, dass De Andrés Deserteurs-Gedenklied „Andrea“ einst von Peter Alexander missinterpretiert und zum Mitklatsch-Schlager für eine Frau namens Andrea umgedichtet wurde.

„Musiker wie Fabrizio De André und Francesco de Gregori haben uns Italienern die Sprache zurückgegeben, in dem sie auf Italienisch sangen. Für die Generation der Boomer waren sie extrem wichtig. Außerdem war die Musik nicht gratis wie heute.“

Die Welt, die Veronesi hier beschreibt, war eine, die Grenzen hatte. Die Dinge hatten eine Zeit und einen Ort. Heute, sagt er, ist alles immer und überall. „Man verliert den Überblick. Dein Handy kann dich überall hinbringen. Damals konnte man einfach verschwinden.“

Sandro Veronesi kommt an diesem Abend schnell ins Philosophieren. Die Möglichkeiten des Verschwindens im Vor-Handy-Zeitalter faszinieren ihn. „Stell dir vor, du bist damals an einem Provinzbahnhof angekommen und niemand hat dich abgeholt. Du warst verloren.“

Zurück zum Roman. „Schwarzer September“ lebt auch vom kollektiven Gedächtnis. Dem individuellen ist bekanntlich nicht zu trauen. Dass sich jeder Mensch seine eigene Vergangenheit zusammenkonstruiert? Kein Problem. „Die Probleme beginnen da, wo jemand davon anfängt, die Wahrheit suchen zu wollen. Das kannst du als Historiker, aber nicht in deiner persönlichen Geschichte. Die Erinnerung ist immer konstruiert. Aber es sagt ja auch niemand, dass wir mit der Wahrheit leben müssen.“

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Der Autor und seine Bücher  
Sandro Veronesi, 1959 in Florenz geboren, lebt in Rom. Bei Zsolnay erschienen sind seine Romane „Der Kolibri“, „Commandante“, „Schwarzer September“.  
288 S., 24,70€