Bestsellerautorin Elizabeth Strout: „Wir werden nie erfahren, wer der andere ist“
In einem kleinen Dorf in Maine treffen wir sie wieder: die bärbeißige pensionierte Mathematiklehrerin Olive Kitteridge, den liebenswürdigen, vielleicht etwas zu verständnisvollen Anwalt Bob Burgess und die ewig suchende Autorin Lucy Barton.
Geschöpfe aus dem Reich der großen Menschenkennerin Elizabeth Strout, die schreibt, als würde sie jedem Einzelnen von uns tief in die Seele blicken.
„Erzähl mir alles“ heißt der neue Roman der Bestsellerautorin und Pulitzer-Preisträgerin. Wer ihn gelesen hat, fragt sich erneut: Woher weiß diese Frau, wie es uns geht?
KURIER: In Ihrem neuen Buch „Erzähl mir alles“ begegnen wir Bob Burgess, Lucy Barton und Olive Kitteridge, Figuren aus Ihren früheren Romanen, wieder. Ich habe alle Ihre Bücher gelesen, aber mir war nicht bewusst, dass diese drei Figuren alle im selben Ort leben.
Elizabeth Strout: Das war mir auch nicht bewusst, bis ich es eines Tages beim Spazierengehen plötzlich bemerkte.
Dieses Küstenstädtchen, das Sie beschreiben, Crosby in Maine, das gibt es aber nicht, oder?
Nein, das habe ich erfunden.
Diese drei Figuren, die Ihre Romane schon so lange begleiten, treffen hier nun zum ersten Mal aufeinander.
Und wahrscheinlich auch zum letzten Mal.
Nein, sagen Sie so was nicht! Olive Kitteridge darf niemals sterben!
Na gut, ich nehme es zurück. Olive wird 120.
Was Sie nun auch zum ersten Mal gemacht haben, war, nebenbei einen kleinen Krimi zu erzählen.
Ja, ich weiß nicht, woher das kam. Ich hätte nicht geglaubt, dass ich so etwas schreiben würde, aber es tauchte einfach auf und ich stellte fest: es macht Spaß. Ich habe mit einem Strafverteidiger in Maine über meine Geschichte gesprochen, um zu sehen, ob sie Sinn ergibt. Und er meinte: „Oh ja, auf jeden Fall. Wir finden ständig Leichen in Steinbrüchen.“ Ich dachte mir also: Okay, na gut, dann machen wir das.
Das ist also Ihre Arbeitsweise. Sie recherchieren tatsächlich sehr viel.
Nun, ich schreibe realistische Romane. Wenn ich das Gefühl habe, dass ich etwas nicht weiß, dann möchte ich, dass es korrekt ist, und gehe dem nach. Ich musste hier etwa herausfinden, wie es weitergeht, wenn jemand, im konkreten Fall Bob, eine Leiche findet. Was muss Bob tun? Wohin geht er? Was, wenn ein Testament auftaucht?
Dazu muss man sagen, Bob ist Anwalt, da braucht es noch mehr Insiderwissen.
Genau.
Sie sind eine großartige Menschenkennerin. Wenn ich Ihre Bücher lese, frage ich mich immer: Woher kennt mich diese Frau so gut?
Es macht mich sehr glücklich, das zu hören, weil ich so viel Zeit alleine verbracht habe, in der Hoffnung, dass meine Texte jemanden erreichen würden.
So viele Menschen finden sich in Ihren Büchern wieder und können sich mit Ihren Figuren identifizieren. Sind Sie eine so gute Beobachterin, oder ist das Ihre Fantasie? Sie sagten, Sie verbringen viel Zeit allein.
Ich bin einfach sehr in meine Gedanken versunken. Allerdings habe ich schon seit meiner frühesten Kindheit Menschen beobachtet. Ich beobachte die anderen, solange sie es nicht merken. Und ich frage mich, was der oder die andere gerade denkt oder fühlt. Ich werde es natürlich nie erfahren. Das ist auch ein Teil dessen, was mich zum Schreiben antreibt: Die Tatsache, dass wir nie erfahren werden, wie es wirklich ist, eine andere Person zu sein. Das macht mich verrückt, weil ich es wirklich wissen möchte. Aber ich habe mein ganzes Leben lang still und leise Menschen beobachtet, ihnen zugehört und dann versucht, mir vorzustellen, was wohl in ihren Köpfen vorgeht.
Wenn Sie sagen, dass Sie Menschen beobachten, meinen Sie dann, dass jeder Mensch auf irgendeine Weise interessant ist? Könnten Sie über jeden schreiben?
Als ich im College war, hatte ich oft Diskussionen darüber mit einem Freund. Ich war der Meinung, dass jeder Mensch, wenn man ihn gut genug kennenlernt, interessant ist und dass es keine langweiligen Menschen gibt. Mein Freund sah das ganz anders. Wir haben uns ständig darüber gestritten. Das ist nun schon eine Weile her, und je älter ich werde, desto öfter denke ich darüber nach. Immer wieder treffe ich jemanden und denke: „Ach ja, es gibt wohl doch so etwas wie langweilige Menschen.“ Und dann denke ich mir, dass ich wohl noch nicht genug hinter die Fassade dieses Menschen geblickt habe. Niemand ist langweilig, wenn man weiß, was in ihm vor sich geht.
Wer Ihre Bücher liest, gewinnt den Eindruck, dass Sie selbst bei schwierigen Charakteren immer etwas Liebenswürdiges finden. Glauben Sie, dass jeder Mensch irgendetwas Liebenswürdiges an sich hat?
Es gibt heutzutage besonders viele Leute, die rein gar nichts Liebenswürdiges an sich haben. Aber das ist eine andere, eine politische Aussage. Was ich beim Schreiben gelernt habe, ist Folgendes: Ich beurteile meine Figuren nicht. Ich erinnere mich noch gut, als ich begonnen habe, über Olive Kitteridge zu schreiben. Eines Tages stand ich am Fenster und dachte: „Mein Gott, diese Frau ist einfach unmöglich, das kannst du ihr nicht durchgehen lassen. Sie ist einfach too much!“ Und dann dachte ich: „Lass sie einfach Olive sein.“ Das war ein sehr wichtiger Moment für mich. Mir wurde klar: „Sie ist Olive. Ich werde über sie berichten. Ich werde sie nicht beurteilen, ich werde sie einfach Olive sein lassen.“ Das wurde mir zum Prinzip: Lass die Menschen sein, wie sie sind.
Olive ist ja wirklich schrecklich, wenn man sie in Ihrem Buch (deutsch: „Mit Blick aufs Meer“) kennenlernt ...
Ja, sie ist furchtbar!
... aber später, je besser man sie kennenlernt, desto mehr gewinnt sie. Im neuen Buch gibt es diese Stelle, wo sie zu Lucy sagt: „Du wirkst einsam, Lucy.“ Und Lucy sagt: „Wer ist denn nicht einsam? Zeig mir einen Menschen.“ Das ist herzzerreißend.
Olive und Lucy sind sehr unterschiedliche Charaktere, doch ich wusste, dass sie solche Momente der Verbundenheit erleben würden.
Sie haben vorhin das Stichwort Politik erwähnt. Sie schreiben zwar von einzelnen Schicksalen, aber zugleich sind Ihre Bücher doch auch politisch.
Ich schreibe über Menschen, weil ich sie für das Interessanteste auf der Welt halte. Aber ich schreibe über Menschen in einem bestimmten historischen Kontext. Die Art von Literatur, die ich schreibe, muss verortet sein. Deshalb wäre es absurd, die Geschehnisse in der Welt zu ignorieren. In diesem Sinne sind meine Bücher politisch.
Ein Wort noch zu Ihrem Schreiben. Sie formulieren sehr präzise. Ihre Sätze scheinen einfach und sagen zugleich unglaublich viel. Ein Satz wie „Der Herbst kommt früh in Maine“ ist eine unglaubliche Ouvertüre.
Es hat viele Jahre gedauert, bis ich meine eigene Stimme als Schriftstellerin gefunden habe. Ich schreibe schon mein ganzes Leben lang, und ich war schon 42, als mein erstes Buch veröffentlicht wurde. Lange Zeit habe ich geschrieben und dabei versucht, wie eine Schriftstellerin zu schreiben. Bis ich begriffen habe: Ich muss meine eigene Schriftstellerstimme finden, nicht die Stimme eines anderen.
Was haben Sie gemacht, bevor Sie vom Schreiben leben konnten?
Ich habe 13 Jahre Literatur und Komposition am Manhattan Community College unterrichtet. Davor habe ich als Pianistin in Bars gearbeitet. Und davor als Barkeeperin und Cocktailkellnerin.
Erinnern Sie sich an Ihre frühesten Leseerlebnisse?
Ich hab als kleines Kind versehentlich John Updike in die Finger bekommen. Nicht gerade eine geeignete Lektüre für kleine Mädchen. Er ist später ein großes Vorbild für mich geworden. Ich liebe seine „Hasenherz“-Romane.
Elizabeth Strout:
„Erzähl mir alles“.
Übersetzt von Sabine Roth.
Luchterhand.
400 Seiten.
26,95 Euro.