Robert Seethaler: „Einer, der Sehnsüchten hinterherrennt“

Kommende Woche erscheint Robert Seethalers neuer Roman. Im Interview mit dem KURIER sagt er, warum er auf Originalität pfeift und was ihn mit Don Quijote verbindet.
Ein Mann mit grauem Haar und Bart steht in schwarzer Jacke an einer steinernen Brüstung in einer Altstadtgasse.

Ein Jahr, eine Straße, ihre Bewohner. Robert Seethalers neuer Roman „Die Straße“ handelt von Menschen und ihren Schicksalen, nicht mehr, nicht weniger. Ein Antiquar glaubt an die Magie alter Bücher, eine Blumenhändlerin liebt vergeblich, ein junger Mann kann seine Gewaltausbrüche nicht im Zaum halten. Ort und Zeit der Handlung? Nicht so wichtig, sagt der in Berlin lebende Wiener Robert Seethaler im Gespräch mit dem KURIER.

Verortet ist Seethalers Straße, wenn überhaupt, in seinen 58 Lebensjahren. Aber im Gegensatz zu eindeutig wienerischen Romanen wie dem zum Kultroman gewordenen Buch „Der Trafikant“ taucht hier kein Äutzerl Wienerisch auf. Keine Spur Lokalkolorit. Warum? Seethaler möchte etwas Größeres erzählen. „Ort und Zeit sind nur Hintergrund, wie ein hingepinseltes Bühnenbild, vor dem sich das eigentliche Drama, die menschliche Begegnung abspielt.“ Das gilt auch für die Sprache dieses Romans: „Ich möchte nicht mit einer eindeutigen Verortung der Sprache meine Leserschaft verengen. Worte sollten Absprungrampen für Gedanken sein und keine Hürden. Ich versuche, so einfach wie möglich zu bleiben.“ Darüber hinaus: „Wie viele Wiener reden denn noch Wienerisch? Es ist schade, aber kaum jemand sagt noch Erdäpfel…“

Eine Weltsprache finden

Im Grunde genommen geht es ihm um eine Weltsprache. Könnte Seethaler eine Weltsprache erfinden, würde er’ s tun, so, wie er es in seinen Fotografien macht. „Zeitlosigkeit ist ein großes Wort, aber ich strebe schon so etwas an. Ich kann über mein Schreiben kaum erzählen, aber meine Fotos können das. Es geht mir um die Essenz des Menschen.“ Seethaler streift durchs Leben und versucht, Augenblicke festzuhalten. Und sie zu entwickeln. Ob schreibend oder mit der Kamera.

„Die Straße“ heißt auch ein berühmter Roman des 2023 verstorbenen US-Schriftstellers Cormac McCarthy. Er handelt vom Ende der Welt. „Das finsterste Buch, das es gibt“, sagt Seethaler. Seines sei nicht ganz so finster, obwohl es auch darin Abgründe gibt. Die Abgründe des Lebens der ganz normalen Menschen.

Eine Person fährt Fahrrad, darunter spiegelt sich ihr Schatten, daneben steht der Name des Autors und der Buchtitel.

Robert Seethaler: „Die Straße“. Claassen. 240 Seiten. 26,95 Euro.

Gerade deswegen ist es ein Buch der Hoffnung. Denn das Leben geht trotz allem weiter. „Wenn dieses Buch so etwas wie eine Kernaussage hat, dann das. Es geht immer weiter. Es muss weiter gehen. Ich scheue mich nicht, der Wucht des Schicksals zu begegnen. Denn ich glaube, dass diese Wucht durch die Erzählung zur Erträglichkeit gemildert wird.“

Die Straße ist ein Ort, der sich selbst erzählt. „Du trittst hinaus und begegnest jemandem. Was auch immer das dann heißt, denn Kontakt kann ebenso Kampf bedeuten wie Liebe. Andererseits ist die Straße auch ein Ort des Rückzugs, der Vereinzelung, der Vereinsamung sogar, denn man weiß ja nicht, was sich hinter den Vorhängen und hinter den Stirnen der Bewohner abspielt.“

Seethaler schreibt über Menschen, „in ihren Begegnungen, ihren Zweifeln, ihren Schicksalen, ihren Verletzungen, mit den Narben, die sie erst zum Menschen machen. Mich interessiert die Auseinandersetzung mit dem Alltäglichen und dem Nicht-Alltäglichen. Alles andere ist Zierwerk, das ich versuche, wegzuschnitzen.“

Was das Schlimmste ist

Das Schlimmste, was man als Schriftsteller machen könne? Originell sein zu wollen. „Originalität ist etwas, das sich unter Umständen einstellt. Dann ist es etwas, dem man gerne folgt, aber wenn jemand bewusst originell, im Sinne von anders sein möchte, stößt mir das grausig auf. Ich beschäftige mich sehr viel mit dem Zurechtschnitzen, dem Zurechtbauen oder -hauen einzelner Sätze. Das ist mir wichtiger, als dass jemand es originell findet, was ich schreibe.“ Außerdem: „Jede Originalität hat sich am nächsten Tag erledigt. Deswegen interessiert sie mich auch nicht. Bei diesem Buch ist das deutlicher denn je, denn im Grunde ist das eine Augenblickssammlung.“

Diese Herangehensweise war der Grundgedanke: Er wollte ein Mosaik schaffen. Ein Bildermosaik. „Die Herausforderung dabei ist, dass man immer nur einfache Teilchen hat, aus Glas oder aus Schiefer, in meinem Fall muss es Glas sein. Jedes einzelne Teil ist eigentlich banal. Du musst es setzen, Stein für Stein. Und dann soll sich ein ganzes Bild daraus ergeben, durch das im besten Fall noch Licht scheint und einen anderen, weiteren Raum öffnet.“

Ein anderes Schreiben

Seethalers Schreiben hat sich im Lauf der Jahre verändert. „Ich bin immer weniger am Plot interessiert. Der hat mich stark angetrieben. Er war eine große Kraft. Dieses Vorwärtsgetriebene, diese Entwicklung einer Hauptfigur, die einem Ziel nachläuft, das sich irgendwann verwirklicht oder auch nicht. Aber mittlerweile ... mache ich das anders. Ich gebe meinen Figuren sehr wohl eine große Sehnsucht mit und vor allem ein großes Begehren, dem sie folgen können, aber mich interessieren die Augenblicke, so wie ich sie beim Fotografieren gesehen habe. Ich will ja gar nicht wirklich wissen, was sich hinter dieser im Halbdunkel liegenden Treppe befindet. Ich will es auch beim Schreiben dem Leser oder der Leserin offenlassen, selbst nachzuforschen oder selbst nachzufantasieren.“

Ob er literarische Vorbilder hat? „Es gibt ein Buch, das ich immer wieder lese, das ist der Don Quichotte. Wahrscheinlich, weil ich selbst so ein großer, dünner Mann bin, der irgendwelchen Sehnsüchten sinnlos hinterherrennt.“

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