„Die Odyssee“: Buchtipps vor dem Start von Christopher Nolans Verfilmung
Die Verfilmung von "Die Odyssee" startet am 16. Juli im Kino.
Beim Kreuzworträtsel verliert die „Odyssee“ ja meistens in der Frage „altgriech. Epos“ gegen die „Ilias“. Aber was die literarische Nachwirkung angeht, hat Homer mit den Abenteuern des trickreichen Holzpferdbastlers die Nase vorn.
Eins der berühmtesten Bücher der Weltliteratur ist sozusagen eine Neuerzählung. Bei James Joyce heißt Odysseus Leopold Bloom und er macht seine Irrreise immerhin überschaubar nur durch Dublin. „Ulysses“ ist jetzt auch schon 124 Jahre alt. Aber der Reichtum der Geschichten in dem Epos gibt genug Stoff für Nachgeborene. Filmregisseur Christopher Nolan hat die „Odyssee“ nun mit Matt Damon in der Titelrolle verfilmt, das mit Spannung erwartete Produkt kommt am 16. Juli ins Kino. Sprich, es ist noch etwas Zeit, sich mit der Materie zu beschäftigen. Im Folgenden ein paar Empfehlungen:
In den vergangenen Jahren haben sich einige Schriftstellerinnen und Schriftsteller daran gemacht, sich an Homers Jahrtausendwerk abzuarbeiten. Dabei stand oft eine ungewohnte, weil weibliche Perspektive im Vordergrund. Etwa in „O.“ von Sabine Scholl (2020, Secession Verlag), wo alle Hauptfiguren nun Frauen sind – die vormals männlichen genauso wie die sowieso weiblichen wie Circe und Calypso.
Lesbos heute
Auch Odysseus als Frau strandet mit ihren Gefährtinnen auf der Flucht vor dem rachsüchtigen Meeresgott Poseidon – auf Inseln, die man nicht mehr nur von Homer kennt, sondern nun vor allem von aktuellen Nachrichten über Flüchtlingslager wie Lesbos. Scholl nimmt diese politisch-zeitgeschichtlichen Bezüge mit schonungslosen Bildern mit auf einen sehr akkuraten Weg durch die altbekannten Mythen.
Wem das zu überfrachtet ist, dem sei „Ich bin Circe“ ans Herz gelegt (2018, Eisele). Die US-Autorin Madeline Miller schenkt der Zauberin, einer der schillernden Frauenfiguren des Epos, eine eigene kraftvolle Stimme und Geschichte. Ein überaus spannender, quasi antik-feministischer Pageturner.
Ähnliches hat Margaret Atwood gemacht: In „Penelope und ihre 12 Mägde“ (2005, Goldmann) erzählt die Frau, die so geduldig auf ihren Mann Odysseus gewartet hat, aus der Unterwelt einigermaßen desillusioniert von der gewaltvollen Rückkehr ihres Mannes. Ihre Mägde, die sich mit Penelopes Freiern eingelassen haben und daher kurzerhand gehängt wurden, bringen als Chor eine weitere Perspektive. Auch Sandor Maraí nimmt in „Die Frauen von Ithaka“ (2013, Piper) die Sichtweise der Penelope auf. Hier hat sie Odysseus kein bisschen vermisst, sie und ihre Entourage führten ein trefflich selbstbestimmtes Leben.
Wahrscheinlich hat noch nie ein Kyklop namens Polyphem so wenig schrecklich ausgesehen, wie in dieser illustrierten Version der „Odyssee“, die eben im Insel Verlag erschienen ist. Aber das mytheninteressierte Jungvolk soll ja auch nicht gleich verschreckt werden. Der argentinische Schriftsteller Nicolas Schuff erzählt – mit der Bilderhilfe von Mariana Ruiz Johnson – die ausufernde Geschichte als kompakte Graphic Novel. Das eignet sich formidabel als Einstieg für lesefaulere Kinder, vom Verlag empfohlen ab 10 Jahren, geht aber – wenn man den sonstigen Medienkonsum von Kindern bedenkt – wohl auch schon etwas früher.
Vielleicht greifen sie dann später auch zum Original, das ebenfalls bei Insel nun in einer Schmuckausgabe erschienen ist, die – wie heute bei Booktok-Knallern üblich – mit Motivfarbschnitt (bei geschlossenem Buch segelt das verirrte Schiff über die Seitenkanten) beglückt.
Zwischen den Buchdeckeln ist die bewährte Übersetzung von Karl Ferdinand Lempp zu finden, der das Versepos bereits 1985 in süffig zu lesende Prosa versetzt hat.
Versepos heute
Ulrike Draesners „penelopes sch()iff“ (2025, Penguin) setzt auch bei Odysseus’ Heimkehr an. Auch hier hat Penelope so gar keine Lust auf ihren posttraumatisch versehrten Kriegsrückkehrer. Sie macht sich mit eigenen Gefährtinnen und eigenem Schiff auf den Weg und landet ohne Irrfahrt in Italien, wo sie Venedig gründet. Formal ist Draesner am nächsten an Homer dran: Auch ihr Werk ist ein Versepos.
Wem das alles zu rebellisch ist, für den ist wahrscheinlich Stephen Frys „Odyssee: Von Abenteuern, Irrfahrten und Heimkehr“ (2025, Aufbau) etwas. Vorausgesetzt, man ist nicht der Meinung, man darf Homer nur bierernst begegnen. Der Band ist der Abschluss einer Tetralogie, in der der britische Autor mit dem ihm eigenen Witz und scharfem Humor antike Mythen nacherzählt und ins Heute deutet.
Eine komplett andere Abbiegung nimmt wiederum Daniel Mendelsohn in „Eine Odyssee“ (2020, Siedler). Anspielend auf die Väter-Söhne-Kette Laertes – Odysseus – Telemachos erzählt der Altphilologe und Chefredakteur der New York Review of Books, wie sein Vater erst sein „Odyssee“-Seminar crasht und wie die beiden dann eine Kreuzfahrt im Mittelmeer, die der Identitätsfindung dient, unternehmen. Nebenbei ist der Streit der beiden über die jeweils „wahre“ Bedeutung des Homer-Epos so unterhaltsam wie lehrreich.
Das wiederum würde Horaz taugen – prodesse und delectare und so.
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