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Literatur
02/20/2021

Neuer Roman von Yishai Sarid: Wie Soldaten tödlicher werden

"Die Siegerin" porträtiert eine Psychologin der israelischen Armee, die empfiehlt, zur Übung Hühnern den Hals umzudrehen

von Peter Pisa

Der Mensch als tötendes Wesen ... Abigail kritisiert, dass die jungen Leute heutzutage so weich sind. Sie prügeln sich nicht, sie leben am Smartphone. Als Vorbereitung sollten sie üben: Hühnern den Hals umdrehen; und jemandem das Nasenbein brechen. Dann tun sie sich später leichter, wenn sie Menschen umbringen.

Der Generalstabschef der israelischen Armee sagt lächelnd: Die Zeitungen machen ihn fertig, wenn er Hühnerschlachten in die Ausbildung aufnimmt.

In die Luft

Überhaupt zweifelt der Mann: „Wir haben vielen jungen Leuten das Leben kaputtgemacht. Nicht immer war es die Sache wert.“

Das sagt der Generalstabschef der israelischen Armee. Abigail hört so etwas gar nicht gern.

Sie ist die Psychologin des Tötens. Als Oberstleutnant der Reserve macht sie die Soldaten im Kampf mit den Arabern tödlicher; und resistenter gegen Traumata. Sie unterrichtet Ausbildner, damit es nie mehr so wird wie im Zweiten Weltkrieg, als nur 20 Prozent der amerikanische Soldaten in Tötungsabsicht geschossen haben. Der Rest schoss gar nicht oder in die Luft.

Abigails alter Vater, ebenfalls Psychologe, sagt: „Du bist ein Teil der Maschinerie, die Elend produziert.“

Er ist die Ausnahme: Sonst mag sie nur harte Männer. „Positive Psychopaten“.

Nach „Monster“

Yishai Sarid (Foto oben) verunsicherte 2019 mit dem Roman „Monster“ über den KZ-Tourismus bestens. Wie wäre es denn mit einem Selfie vor dem Berg von Haaren und Schuhen und Prothesen? Das waren einmal Menschen.

Die Erinnerung ist das Monster, das man erst los wird, wenn man tot ist.

Abigail ist „Siegerin“. Sie hat erreicht, was sie wollte. Einen Ehemann wollte sie nicht. Aber einen Sohn, sozusagen heimlich, vom Generalstabschef.

Dass sich der Sohn zu den Fallschirmjägern meldet, macht sie stolz. Als er beim ersten Einsatz angesichts zerfetzter Körper zu ihr flüchtet, wird sie nur kurz schwach.

Scharfschützin

Einmal, während eines Vortrags, hat sie sich über die Bücher David Grossmans lustig gemacht. (Nicht Sarid! Abigail!)

Grossman schreibt ganz andere Totenklagen. Aber Wucht und Wirkung und verzweifelte Menschlichkeit sind ähnlich.

Bei ihm reist eine Mutter durch Israel, denn ist sie nicht daheim, kann die Hiobsbotschaft nicht überbracht werden, dass ihr Sohn „gefallen“ ist.

Bei Yishai Sarid darf die so andere Mutter bei den Scharfschützen am Zaun zum Westjordanland einen Palästinenser erschießen.

Und fühlt sich nachher gut. Jetzt will sie mit dem Soldaten, der ihr den Schuss ermöglicht hat, schlafen.

Mehr geht nicht (das gilt für Grossmans Roman „Eine Frau flieht vor einer Nachricht“ genauso): „Siegerin“ macht traurig, „Siegerin“ macht wütend. „Siegerin“ lehrt kritisches Denken, damit der Panzer aufbricht.

Was soll Literatur denn noch leisten?

 

Yishai Sarid: „Siegerin“
Übersetzt von
Ruth Achlama.
Verlag
Kein & Aber.
256 Seiten.
22,70 Euro

KURIER-Wertung: *****

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