Maja Iskra: Vom Wert des gut platzieren Aufwärtshakens
Den Uppercut, den gut platzierten Aufwärtshaken, den hat ihr der Vater gezeigt. „Belgrader, Aszendent Montenegriner.“ Versoffen und jähzornig. Einmal hat er seine Tochter geschlagen. Siebzehn war sie da, Belgrad wurde gerade von der NATO bombardiert. Sie hat, wie so oft, die Zähne zusammengebissen und ist auf und davon. Mit im Gepäck den einen väterlichen Merksatz vom wahren Freund, der dir, wenn’s denn sein müsste, mitten in der Nacht helfen würde, eine Leiche einzugraben.
In Maja Iskras Romandebüt „Uppercut“ herrschen raue Sitten. Auch sprachlich. Das hat Iskra nicht zuletzt in Wien-Fünfhaus gelernt, wo sie heute lebt und immer wieder an Belgrad denkt, wo sie herkommt. Das schwierige Wort Heimat und das Zuhause sind eben nicht dasselbe.
Cohen und Wodka
Derbe Sprache und raue Sitten hat sich die Schriftstellerin auch aus ihren heiß geliebten Italo-Western abgeschaut. Maja Iskras Protagonistinnen wirken, als wären sie einem solchen entsprungen. Sie rauchen schon mit zehn, verteidigen prügelnd ihre Schwestern, sind wild und unerschrocken, aber haben einen guten Kern.
Einsame Wölfinnen, die später nicht viel mehr im Leben wollen als die Musik von Leonard Cohen.
Die namenlose Ich-Erzählerin aus „Uppercut“ ist eine Frau, die gut auf sich aufpassen kann. Eine Draufgängerin, die selbstbewusst in den räudigsten Clubs der Stadt an der Bar steht, Wodka trinkt und denkt: „Fickt auch alle, ihr armseligen Würmer.“
Wer so spricht, kann trotzdem Dostojewski gelesen haben. Dort lernt man mindestens so viel über Gut und Böse wie im Western. Dass Dostojewski ein Held dieser Protagonistin ist, sagt ihr bei einer nächtlichen Taxifahrt der Chauffeur auf den Kopf zu. Er hat’s in ihren Augen gesehen.
Irgendwo in der Pampa
Auch Maja Iskras gut sortierte Bibliothek hat einige dickleibige Schwarten des berühmten Russen zu bieten. Lesen ist Leidenschaft Nummer eins der studierten Landschaftsarchitektin.
Aber nicht die einzige. „Ich war schon als kleines Mädchen Fan von Sergio Leones Spaghetti-Western. Es hat mich fasziniert, wie diese Helden auf sich selbst gestellt waren und irgendwo in der Pampa um die eigene Sicherheit und Würde kämpften. Diese Freiheit wollte ich auch meinen Heldinnen ermöglichen. Sie sind bereit, in einem Moment jemandem das Leben zu retten, und im nächsten Moment jemandem die Halsadern durchzustechen“, sagt Maja Iskra.
Buben hauen
Ganz so dramatisch wird es in diesem ungewöhnlichen Roman nicht, aber den vom Vater erlernten Uppercut wendet die Erzählerin immer wieder an. Das tut sie als Kind schon, wenn sie Buben haut. Mädchen werden so gut wie nicht verprügelt. Dabei sind einige von ihnen, etwa die zehnjährige Ana Živin, extrem angsteinflößend. Das Fass läuft bei ihr schnell über und dann prügelt sie auch die größeren Buben auf dem Beton zu Boden, und zwar mit „gnadenloser Präzision“.
In Rückblenden („Flashbacks“), ausgehend vom Wien des Jahres 2012, berichtet Iskras Erzählerin von ihrer Kindheit im Belgrader Stadtviertel Dorćol, einem heute gentrifizierten, damals aber ziemlich wildem Pflaster.
Prügeleien, Demütigungen und Diebstahl sind an der Tagesordnung. Es gibt keinen und keine, der oder die nicht wegen irgendwelcher äußerlichen Besonderheiten einen bösen Spitznamen verpasst bekommt. Es herrscht das Gesetz des Stärkeren, der „Dorćol Darwinismus“, und wer das Pech hat, Brillenträger zu sein oder sonst eine Schwäche zu zeigen, der wird zumindest beim Völkerball abgeschossen.
Loyalität statt Romantik
Trotz der gewöhnungsbedürftigen Sitten gibt es hier auch so etwas wie Freundschaft. Maja Iskrens Romanheldin hat ausgeprägte Standards von Freundschaft und Loyalität. Um romantische Beziehungen geht es in diesem Buch nur am Rande. Auch weil die Kerle, die die Heldin in tendenziell nicht sehr schicken Wiener Clubs und Bars wie dem Schikaneder oder dem Club U trifft, eher nicht zu den Typen gehören, die einem nachts Leichen verscharren helfen würden.
Was an diesem Buch möglicherweise autobiografisch ist, von den Lebenswelten zwischen Belgrad und Wien angefangen, darüber möchte Maja Iskra nicht ins Detail gehen. Nur so viel: Sie war selbst einmal so ein furchtloses Mädchen wie die, von denen sie schreibt. „Ich habe als sehr junges Mädchen prinzipiell vor niemandem Angst gehabt. Das ist nicht mehr ganz so, aber ich gehe auch heute noch sofort dazwischen, wenn ich etwa wahrnehme, wie jemand angepöbelt wird. In Österreich ist das total verpönt, weil dann immer von der sogenannten Spirale der Gewalt die Rede ist. Ich kann damit wenig anfangen. Ich halte es für problematisch, dass Mädchen von Anfang an konditioniert werden, zu dulden, zu schweigen, Gefühle nicht zu artikulieren und physisch nicht aktiv zu werden. Man muss den Mädchen beibringen, sich zu wehren.“
Mit ihrer Ich-Erzählerin hat Maja Iskra nun eine Figur geschaffen, die genau das kann: sich wehren. Ihre Protagonistin ist unbescheiden, selbstbewusst und kümmert sich wenig drum, was man von ihr hält.
Loyalität, vor allem unter den Mädchen, war Maja Iskra die wichtigste Dimension beim Schreiben. „Nicht weil es meine Agenda war oder ich mir das vorgenommen habe, sondern weil ich mir das so aus dem Körper herausgeschrieben habe, wie ich es für mich gespeichert habe“, sagt Iskra. „Romantische Liebe kommt und geht. Was bleibt, ist Familie, sind Freundschaften. Und deswegen wird die romantische Liebe für mich nie den gleichen Wert haben. Da kann ich 100 Bücher schreiben, die Liebe wird nie die Rolle einer Freundschaft einnehmen können.“
Maja Iskra:
„Uppercut“
Aus dem
Serbischen
von Mascha
Dabić und
Maja Iskra
Zsolnay.
156 S., 23 €