Neue Kurzgeschichten über den miesen Zustand der Welt von T. C. Boyle
T.C. Boyle.
Die Blutspur auf dem Sofa ist in Wahrheit nur Grillsoße von den Spareribs. Hat nichts mit dem kleinen Mädchen zu tun, das „wie ein totes Tier“ in einem schwarzen Plastiksack in einem öffentlichen Park abgelegt worden war.
Tanya, eine Herumtreiberin, hat das neun-, vielleicht zehnjährige tote Mädchen mit den rosa Crocs und dem Pyjama mit der Aufschrift „Prinzessin“ gefunden. Zur Polizei ist sie nicht gegangen. Die hätte sie wohl festgenommen. Zuvor hatte Tanya sich nämlich bei der Grillparty einer sauberen Mittelstandsfamilie eingeschlichen, das Buffet geplündert (Spareribs!) und sich ins Bett der Teenagertochter gelegt. Sie wollte eben ausschlafen. Egal, ob dort schon wer lag.
Man liest und fragt sich:„Echt jetzt?“
Das ist er wieder, T. C. Boyle, der Rockstar unter den Schriftstellern. „Prinzessin“ heißt die erste Story seines neuen Erzählbandes „Das Ende ist nur ein Anfang“. Beide Titel klingen wie eine Drohung. Denn die Welt ist kein guter Ort, nicht für Prinzessinnen und ganz prinzipiell nicht mehr. Erstaunlich allerdings, wie vergnüglich sich diese Apokalypse auch diesmal wieder liest. Boyle findet den Anspruch, unterhalten zu wollen, selbstverständlich, erzählte er dem KURIER einmal und fügte, maliziös lächelnd, hinzu: „Ich wirke nett. Aber mein Herz ist schwarz.“
T. C. Boyle: „Das Ende ist nur ein Anfang“. Übersetzung: Dirk van Gunsteren. Hanser.
240 Seiten. 25,70 Euro
Die Palmen sind müde
An Schärfe hat sein Blick auch diesmal nichts verloren. Die zwölf vorliegenden Geschichten sind herrlich verstörend. Unerbittlich scheint T. C. Boyle bei der Beobachtung der Menschen, die, als wären sie rückhaltlos dem Lauf der Welt ausgeliefert, in ihr Verderben rennen. Nur manchen gegenüber ist er barmherzig. Er weiß, wie sich die wunden Stellen in ihren Mundwinkeln anfühlen, er weiß, was Einsamkeit bedeutet und er schickt den Allereinsamsten Vögel, die sich mit ihnen unterhalten. In Boyles „goldenem Staat Kalifornien“ schneit es im Juli, wie in der Story „Kalter Sommer“. Und selbst, wenn im Sunshine State alles wirkt wie immer und auf den palmengesäumten Straßen die Sonne scheint, so stellt sich heraus: Die Wipfel der Palmen sind müde, sehen aus wie „Berge schmutziger Wäsche“. Der Natur geht’s erbärmlich – Wespenstiche werden zu schicksalhaften Begegnungen wie in der Titelgeschichte „Das Ende ist nur ein Anfang“– und das Land ist kaputt: Trump- und Waffengegner Boyle berichtet von Amokläufen und „wöchentlichen Blutbädern.“
Die Zähne sind kaputt
Und die wunden Stellen in den Mündern seiner jungen Protagonistinnen? Kommen von den kaputten Zähnen. Zum Zahnarzt zu gehen, kann sich kein Normalsterblicher leisten in diesem Land, es würde mehr kosten, als man „in diesem Leben je verdienen würde.“
Klingt alles sehr trist, aber das Wunder gelingt T. C. Boyle auch diesmal: Ein höchst unterhaltsamer Pageturner über Umweltzerstörung, den miesen Zustand der USA und den kurz bevorstehenden Weltuntergang.
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