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Jo Nesbøs „Insel der Ratten“: Alle wollen auf die Arche

Erfolgsautor Jo Nesbø hat sich für seinen jüngsten Thriller „Insel der Ratten“ eine Pandemie als Bühne ausgesucht.
Ein Mann mit Bart, Brille und Schiebermütze trägt eine weinrote Mammut-Jacke vor einer hellen, kreisförmigen Lichtquelle.

Wenn Jo Nesbø eines kann, dann Einstieg. Und so geht es auch in der „Insel der Ratten“ gleich ziemlich forsch zur Sache: Nachdem eine Pandemie die Zivilisation beinahe zerstört hat, findet sich der Leser auf dem Dach eines Wolkenkratzers. Reiche Bürger warten unter freiem Himmel auf einem Hubschrauber, der sie zu einem Flugzeugträger fliegen soll. Das Schiff fasst 3.500 Auserwählte, es hat Energie und Nahrung für vier Jahre, es soll ständig auf See sein. Eine Arche Noah gewissermaßen, ein Ort, an dem die finanzielle Elite all dem Chaos und Terror entflieht.

Während der Hubschrauber zwischen Schiff und Hochhaus pendelt, beginnt ein Mob das Gebäude zu stürmen – auch andere wollen aufs Schiff.

So also geht es los. Und wie bei den meisten seiner Thriller beweist der Norweger auch diesmal, dass er nicht nur Einstieg, sondern überhaupt Spannung kann. Er baut sie auf und hält sie. Bis zum Schluss, wo eine düstere Pointe wartet.

Buchcover von Jo Nesbø: „Insel der Ratten“ mit dunklem Hintergrund und gelb leuchtenden Augen.

Jo Nesbø: Die Insel der Ratten. Ullstein Verlag. 208 Seiten. 20,60 Euro.

Beschützt

Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive eines Ich-Erzählers. Und der steht mitten im Geschehen, also oben auf dem Dach. Beschützt von Söldnern und begleitet von seinem besten Freund, einem Milliardär, dem das gesamte Gebäude gehört, und der auch die Tickets auf den Flugzeugträger organisiert hat.

Nach vergleichsweise wenigen Seiten wird in der „Insel der Ratten“ deutlich, dass die Schicksale der zwei Freunde auf tragische Art und Weise miteinander versponnen sind: Der Sohn des einen hat die Tochter des anderen entführt. Und weil wir von einem Thriller reden, kommt es zum Äußersten – es gibt Tote. Weitere Details bleiben an dieser Stelle aus – die Geschichte soll nicht verraten werden.

Dass Nesbø seine Erzählung in einem Endzeit-Szenario ansiedelt, ist ein Versprechen und macht neugierig. Doch man muss ihn gar nicht an Dystopien wie McCarthys „Straße“ messen, um ein wenig enttäuscht zu sein. Denn so glänzend Nesbø erzählt: Für den Fortgang seiner Geschichte sind die Konsequenzen der Pandemie nur zum Teil wirklich wichtig.

Viele große Fragen

Deutlich intensiver beschäftigt sich der Autor mit der Beziehung zwischen den zwei Freunden und ihren Kindern. Und auch hier ist eine kleine Schwäche auszumachen: Die Handlung wirkt bisweilen etwas konstruiert. In den Dialogen seiner Figuren streift Nesbø viele große Fragen. Was ist gut, was böse? Haben wir einen freien Willen? Das und vieles mehr diskutieren die Hauptpersonen, während die Handlung dahin rauscht wie ein ICE.

Die „Insel der Ratten“ ist ein solides, kurzweiliges Lesevergnügen, ideal für den Strand oder einen Tag am Badesee. Im Vergleich zu anderen Nesbøs der jüngeren Vergangenheit (erwähnenswert ist der in der Pandemie erschienene Kurzgeschichtenband „Eifersucht“) – ist dieser „nur“ sehr gut und nicht grandios.

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