Matt Haig und "Die Mitternachtsreise": Am Anfang stirbt immer einer
Die Zielgruppe von Matt Haig sind alle Personen, die sich schon mindestens einmal gedacht haben: „Mist, mein ganzes Leben basiert auf falschen Entscheidungen“. Das sind naturgemäß eigentlich fast alle – und deswegen ist der britische Schriftsteller auch Bestsellerautor. Seinen größten Erfolg feierte er vor sechs Jahren mit dem Roman „Die Mitternachtsbibliothek“.
Da versucht Hauptfigur Nora, sich das Leben zu nehmen und landet in einer Art Fegefeuer-Bibliothek. Dort stehen Tausende Bücher, die alle von Noras Leben handeln – wenn sie an einem bestimmten Punkt jeweils eine andere Entscheidung getroffen hätte. Mithilfe dieser Bücher kann sie in Alternativleben einsteigen: einmal hat sie ihren Ex-Freund nicht in die Wüste geschickt, einmal ist sie mit ihrer Freundin nach Australien gegangen. Aber alle diese Leben haben doch irgendeinen Haken. Sie muss erkennen, dass es in einem wertvollen Leben um mehr als ihre eigene Zufriedenheit geht.
Endlich wieder Maggie
Haig hat bereits in einem Sachbuch 2015 seinen eigenen Beinahe-Suizid und wie Literatur ihm aus der Depressionsspirale geholfen hat verarbeitet. Damals hatte man ihm noch zu flapsigen Umgang mit der Erkrankung vorgeworfen. In der „Mitternachtsbibliothek“ traf er den richtige(re)n Ton.
Auch in Haigs neuem Roman „Die Mitternachtsreise“ steht ein Todesfall am Beginn. Der 80-jährige Wilbur hat gerade noch seine Klavierlehrerin verabschiedet, da fühlt er sich schon nicht so wohl. Das Telefon läutet, er hört die Stimme seiner Ex-Frau Maggie. Zum ersten Mal seit Jahrzehnten. Er sucht nach einem Brief, den sie als Erklärung für die Trennung geschrieben hat, aber die Brustschmerzen werden zu stark. Und dann plötzlich ist Wilbur an einem Bahnhof. Dort wird in Kürze der „Mitternachtszug“ einfahren. Es heißt ja immer, dass im Moment des Dahinscheidens das Leben an einem vorbeizieht. Bei Haig gibt es dafür ein Verkehrsmittel: In Wilburs Fall eine Eisenbahn, dieselbe, die er als Spielzeug von seinem Bruder Dougie geschenkt bekommen hat. So ganz legal hat er sie nicht erworben, sein großer Bruder hatte seine Wege, die Armut der Familie, dessen Vater dem Zweiten Weltkrieg zum Opfer gefallen ist, zu lindern.
Matt Haig: „Die Mitternachtsreise“ Droemer Knaur. Übers.: Sabine Hübner. 336 Seiten. 25,95 Euro
Erfolgsformel
Reiseleiterin ist Agnes, die Besitzerin jener Buchhandlung, in der sich Wilbur seine ersten Bücher nicht leisten konnte, in der er seinen ersten Job hatte, die Ausgangspunkt für seine weltweite Karriere als Geschäftsmann wurde.
Wilbur fährt die wichtigen Episoden seines Lebens durch und trifft eine folgenschwere Entscheidung, die die regelkonforme Agnes ziemlich aus dem Konzept bringt. In „Die Mitternachtsreise“ geht es um ein Richtigrücken von Prioritäten – auch eine zeitlose Anforderung. Dass Haig seine Erfolgsformel ein bisschen überstrapaziert, werden ihm seine Fans sicher verzeihen.
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