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Neuer Erzählband von Clemens J. Setz: Von den entsetzlichen Orten

Im Erzählband „Mein Leben als Noiseband“ berichtet Clemens J. Setz von Figuren am Rand und reizt die Grenzen des Sagbaren aus.
Seitlich porträtierter bärtiger Mann mit Brille und Schiebermütze vor dunklem Hintergrund und hellem Scheinwerferlicht.

Ob er sich da ein bisserl verrennt? Der im Juni mit dem Österreichischen Staatspreis ausgezeichnete Schriftsteller Clemens J. Setz geht in seinem neuen Buch an die Grenzen des Erzählbaren. Und womöglich darüber hinaus.

Im Erzählband „Mein Leben als Noiseband“ berichtet Setz erneut von Figuren am Rand der Gesellschaft. Der 1982 geborene Grazer, der, wie im Erinnerungsbuch „Das Buch zum Film“ (2025) zu erfahren war, bereits mit 18 Dostojewski und Proust las, tut das streckenweise mit großer sprachlicher Virtuosität. Inhaltlich aber übertreibt er.

Buchcover von Clemens J. Setz mit dem Titel „Mein Leben als Noiseband“, das eine Person in einem silbernen Schutzanzug vor grünem Hintergrund zeigt.

Clemens J. Setz: „Mein Leben als Noiseband“. Suhrkamp.

383 Seiten. 26,80 Euro

Ein bisschen lesen sich einige der hier versammelten Geschichten wie eine Matrix seines Erinnerungsbuches. Autobiografische Themen, die er damals in einer Art Tagebuch andeutete oder auch explizit ausführte, sind hier in Erzählungen verpackt. So etwa der frühe, ausgeprägte Kinderwunsch des Autors. Auch im Interview mit dem KURIER erzählte Setz von einem „Schreien nach einem Kind“, das ihn Jahrzehnte lang prägte. In der aktuellen Erzählung „Das Lesebändchen in der U-Bahn“ wird dieser Kinderwunsch literarisch verarbeitet. Ein Ich-Erzähler berichtet, seine Frau habe eine Fehlgeburt erlitten. „Danach sah ich unseren Sohn viele Jahre nicht mehr.“

Kinderwunsch

Der Erzähler begegnet dem verlorenen Kind als Erwachsener wieder. Beobachtet den vermeintlichen Sohn in der U-Bahn beim Lesen, grübelt über dessen Lektüre, ist stolz auf ihn. Diese stille, scheinbar unspektakuläre Erzählung von Trauer um und Sehnsucht nach einem Kind ist in vieler Hinsicht ungewöhnlich. Inhaltlich, weil von diesem Thema selten aus männlicher Perspektive berichtet wird. Sprachlich, weil sie in ihrer zart-intensiven Abgründigkeit an Schriftsteller wie Guy de Maupassant erinnert.

Setz’ Zeit als Zivildiener in einem Betreuungszentrum für Menschen mit Behinderung, die er immer wieder literarisch verarbeitet, kommt auch hier vor. In „Der Mylar-Komplex“ berichtet er von einem Mann, der als Teenager schwerbehinderte Männer pflegte und Videos von den Entstellten drehte, die sich auf einschlägigen Webseiten wiederfanden.

Menschliche Abgründe

Derartige Webseiten als Zeugnisse menschlicher Abgründe spielen oft eine Rolle bei Setz, der, wie er mehrfach berichtete, bis 16 fast nur vor dem Computer saß. Diese Erfahrung hat ihn geprägt und offenbar nicht losgelassen. So berichtet die Erzählung „Das Kleid“ von einem Mann, der immer wieder in dasselbe Damenmodengeschäft zurückkehrt, um ein schwarzes Kleid zu kaufen. Die Frage, warum er das tut, hält lange Zeit den Spannungsbogen aufrecht, auch die Erklärung dazu ist clever und originell. Hier hätte Schluss sein können. Leider artet die Sache dann aus. Das Darknet oder woher auch immer die Gewaltfantasien, die hier wiedergegeben werden, auch stammen, ist kein Ort, von dem man ausführlich berichtet bekommen möchte.

Einen weiteren Höhepunkt im Panoptikum des Grotesken erreicht das Buch in der ermüdenden Titelstory, teils Liebesgeschichte, teils Abhandlung über das popkulturelle Phänomen der sogenannten Noise-Szene. Insgesamt ein bisschen zu viel Weirdness. „In unserer Fantasie, das heißt im Internet, gibt es fast nur entsetzliche Orte“, schreibt Setz selbst.

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