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Literatur
09/19/2020

Der Isländer Sjón gibt den Geschichten das Recht, erzählt zu werden

Nordische Tausendundeine Nacht: Im 16. Jahrhundert war der Golem stumm, jetzt hält er nicht den Mund

von Peter Pisa

Dieses dicke Buch stiehlt Zeit und schenkt der Welt eine Menge Geschichten.

Eingraben soll man sich darin wie in besseren Jahren in den Sand am Meer.

Jede Geschichte hat ein Recht, aufgeschrieben zu werden.

Auch die vom Loch in der Hosentasche, das nicht geflickt werden darf. Denn in diese Tasche kommt alles, was verloren gehen soll. Damit sich Leute, die sie am Gehsteig finden, freuen.

Der isländische Dichter Sjón (Foto oben), der die Texte vieler Lieder der Sängerin Björk geschrieben hat, nahm seine Aufgabe, die Biomasse der Geschichten zu vergrößern, sehr ernst.

Nordische Tausendundeine Nacht.

Als Salman Rushdie Ähnliches veranstaltete, New Yorker Tausendundeine Nacht nämlich, indem er Dschinns durch Ritzen in die Stadt kommen ließ (2015), war das nur schwer auszuhalten gewesen.

Bei Sjón ist man nachsichtiger. Es ist ein schöner Rahmen, in dem seine vielen Bilder hängen. Es sind schöne Bilder – sogar Engel Gabriel, der breitbeinig auf Europa steht, macht wider Erwarten Eindruck.

Schade, dass Sjón irgendwann damit beginnt, sich in seinem sprachlichen Vermögen zu sonnen.

Dann vergisst er – absichtlich? – die Leser, denen er anfangs zugerufen hat: An euch liegt jetzt die Arbeit!

Viel Arbeit.

Mit etwas Hilfe wäre das Vergnügen größer.

Alles falsch

Isländer bevorzugen fantastische Geschichten, um die Realität kennenzulernen.

Sjón hat deshalb den Golem nach Island geholt.

Den Riesen aus Lehm, geschaffen von Rabbi Löw im 16. Jahrhundert in Prag, damit er die Juden beschützt.

Mit dem Golem soll Zeitgeschichte mit Krieg und Genforschung thematisiert werden.

Die Romane der Trilogie sind in Reykjavik hintereinander erschienen (1994, 2001 und 2016), „wir“ haben sie komplett in einem Band: 1. Liebesroman, 2. Kriminalroman, 3. Science fiction. Aber egal, was man sich darunter vorstellt: Es ist falsch.

Es erzählt der Golem. Er erzählt es einer zunächst unbekannt bleibenden Zuhörerin. Er erzählt von seinem „Vater“, dem Juden Leó Löwe, der aus einem Lager flüchtete und in einem Gasthaus in Kükenstadt (Norddeutschland) versteckt wird.

Das Zimmermädchen pflegt ihn gesund.

Gemeinsam formen sie aus Lehm den Jósef Löwe. Mit dem schlafenden Babygolem in einer Hutschachtel kommt Leó Löwe 1944 im Boot nach Island, erst 1962 – Sjóns Geburtsjahr – wird Leó geweckt.

Und redet und redet.

Rabbi Löws Golem war stumm. Sjóns Golem ist eine Plaudertasche. Aha, der Briefmarkensammler war also ein Werwolf. Soso, die Frau hat kein Kind, sondern eine Filmrolle zur Welt gebracht ...

„CoDex 1962“ erfüllt die Erwartungen nicht. Das ist gut für die Literatur und für unsereins, denn nur in diesem fremden Land kann man z.B. entdecken, was Sjón hinter einer „schlafenden Tür“ so alles verborgen hält.


Sjón:
„CoDex 1962“
Übersetzt von Betty Wahl.
S. Fischer Verlag.
640 Seiten.
32,90 Euro

KURIER-Wertung: ****

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