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Literatur
05/28/2021

Das Damengambit: Nach der Netflix-Serie kommt der Roman

Von der Sucht, dem König Schwierigkeiten zu machen: Walter Tevis' Tänze auf dem Schachbrett, erstmals übersetzt

von Peter Pisa

Einst saß ein Mann in einer Wiener Konditorei, trank Kaffee und las in einer Schachzeitung. Plötzlich fing er laut zu lachen an, und die anderen Gäste wunderten sich:

Wurde denn der weiße Turm von Feld a1 auf d1 geschoben?

Hat man „Das Damengambit“ des Kaliforniers Walter Tevis (1928 – 1984, Foto oben) gelesen, wird man besser verstehen, welche Macht die Schachfiguren haben können.

Wie sie Freude und Wut, Heiterkeit und Trauer erzeugen können.

Waisenkind

d2 – d4 d7 – d5

c2–c4

Damengambit: eine beliebte Eröffnung – und eine mehrfach ausgezeichnete Netflix-Serie (2020). Der frühere Schachweltmeister Garri Kasparow war Berater.

Es hieß, es sei gelungen, Schach möglichst realitätsnah zu zeigen.

Über die Vorlage, Tevis’ Roman, wurde kaum geredet. Dabei: Er kommt so gut ohne Verfilmung zurecht. Das war schon so mit seinen Büchern „Die Farbe des Geldes“ (mit Paul Newman) und „Der Mann, der vom Himmel fiel“ (mit David Bowie).

Erst jetzt, fast 40 Jahre nach Erstveröffentlichung, wurde „Das Damengambit“ ins Deutsche übertragen:

Beth ist Vollwaise. Im Waisenhaus, in dem an die Kinder Beruhigungstabletten ausgeteilt werden, damit sie keine Kinder sind, sitzt der dicke Hausmeister im Keller und spielt gegen sich Schach.

Beth schaut zu.

Fesselungen

Eines Tages lässt er sie spaßhalber eine Partie spielen. Die achtjährige Amerikanerin gewinnt. Sie kann mehrere Züge im voraus berechnen. Sie spielt Partien im Kopf durch.

Beth wird, anfangs von ihrer Adoptivmutter gemanagt, Karriere machen, auch außerhalb der USA, auch in Moskau.

Schach ist ihre Droge. „Sie wollte unbedingt den Turm vom Brett haben. Dafür hätte sie töten können.“ Seit Kindheit an Tabletten gewöhnt, hat sie bald auch noch mit anderen Suchtmittel (noch größere) Probleme.

Walter Tevis beschrieb Tänze auf dem Schachbrett; und belebt Tänzerin und Tänzer. Das Wunderbare ist: Auch wenn man absolut nichts weiß über Halbslawische Verteidigung – der Roman gibt die Kraft, die im Schach steckt, weiter – davon steckt in den Wettkämpfen nicht weniger als beim blutigen „Rocky“. Man könnte Lust bekommen, Fesselungen aufzuheben (wie die Auskenner sagen).


Walter Tevis:
„Das Damengambit“
Übersetzt von
Gerhard Meier.
Diogenes Verlag.
416 Seiten.
24,95 Euro

KURIER-Wertung: **** und ein halber Stern

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