© Paula Winkler

Literatur
08/28/2021

Angela Lehners 2. Roman: Der Politik kann man nicht entkommen

"2001" erzählt von einer kleinen Zivilisation von Hauptschülern in der Provinz

von Peter Pisa

Wo sind die Eltern? (Man möchte in den Roman hineinlaufen, ohne selbst eine Ahnung zu haben, wie es mit Julia weitergehen soll – allerdings hätte man viel Liebe.)

„Die Abwesenheit war nicht von mir geplant“, sagt die Schriftstellerin Angela Lehner (Foto oben). „Aber was soll ich machen, wenn Julia nichts über ihre Eltern erzählt?“

So war das auch in ihrem ersten (sehr erfolgreichen) Roman „Vater unser“: Diese Schriftstellerin hört zuerst die Stimme und schreibt auf, was sie hört, ehe sie auf ihre eigene Stimme hört.

Diesmal hörte sie Julia, 15 Jahre alt, vierte Hauptschulklasse. Julia sagt über ihre Freunde und Kameraden und über sich selbst:

„Wir sind der Restmüll.“

Große Chancen haben die Schülerinnen und Schüler nicht. Fragt der Klassenvorstand, wann der Erste Weltkrieg war, so ungefähr, antwortet Julia: „1786.“

Denn: „Was geht sie mich an, eure Welt?“

(Es wird einige Zeit dauern, bis man die Burschen und Mädchen, die einander mit „Hallo, Homos“ begrüßen, aushält bzw. mag.)

Terror und Haider

Genau das interessiert Angela Lehner: Nicht einmal in einer Kleinstadt in der Provinz namens Tal – die Schriftstellerin wuchs in Osttirol auf und lebt jetzt in Berlin – kann man der Realität entkommen.

Der politischen genauso wenig. Die Klassengemeinschaft, von Julia „Crew“ genannt, wird es merken.

Das beginnt damit, dass ein Lehrer das Experiment versucht: Jede(r) muss eine wichtige Persönlichkeit oder eine Institution verkörpern und als solche ein Referat halten. Als George Bush etwa, als Arafat oder Boris Becker. Julia soll die UNO sein.

Der Roman heißt „2001“, die Terroranschläge vom 11.September spielen eine Rolle. Aber ebenso Jörg Haider, der 2001 den Präsidenten der Israelitischen Kultusgemeinde mit Herbert Kickls Unterstützung antisemitisch beleidigt hat.

Auch wenn Julia nur eines will, nämlich Rapperin werden („Was soll ich denn sonst tun, wenn ich nicht Rapperin werde?“), wird ihre kleine Zivilisation mit der Außenwelt konfrontiert. Durchaus in Form der Stiefel rechtsradikaler Schläger.

Spätestens nach diesem Satz wird man nicht mehr mit dem Lesen aufhören können:

„Die Kuh ist der schönste Mensch, den ich je gesehen habe.“

 

Angela Lehner: "2001" Verlag Hanser Berlin. 384 Seiten. 24,95 Euro

KURIER-Wertung: **** und ein halber Stern

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