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Kritik
07/02/2013

Bryan Ferry: Mit Faszination für das Vorgestern

Bryan Ferry auf "The Jazz Age"-Tour beim Jazz Fest Wien in der Staatsoper – ein Ärgernis.

von Werner Rosenberger

Eines jener Konzerte, die ein Tontechniker total versaubeutelt hat: Bryan Ferry am Montag – wie bereits vor zwei Jahren – in der ausverkauften Staatsoper beim Jazz Fest Wien gerät diesmal in einen Schallwellen-Tsunami mit Rückkoppelungen einer übersteuerten Tonanlage.

Dazu drischt die Schlagzeugerin Cherisse Osei mit der Sensibilität eines Vorschlaghammers viele der Songs einfach in Grund und Boden.

Nostalgie-Trip

Dabei beginnt alles putzig wie ein Frühschoppen mit Dixieland. Dabei ist alles nach Konzept und Papierform durchaus vielversprechend: Bryan Ferry kleidet seine alten Roxy-Music-Hits musikalisch neu ein, wobei die Jazz-Band zunächst ganz ohne seine Vibrato-Stimme auskommt.

Das Bryan Ferry Orchestra spielt Klassiker wie „Do The Strand“, „Don’t Stop The Dance“, „Avalon“ und „Slave To Love“ zunächst rein instrumental. Und „Just Like You“ entpuppt sich als veritabler Eineraunzer. Klingt das jetzt nicht wie Ferrys allererster Hit „Virginia Plain“? Den wollte der Brite irgendwo zwischen Louis Armstrong, dem Popgiganten seiner Zeit, und Duke Ellington, dem Meister der Verfeinerung, angesiedelt wissen.

Fotos des Konzert

JAZZ FEST WIEN: KONZERT BRYAN FERRY

AUSTRIA MUSIC

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JAZZ FEST WIEN: KONZERT BRYAN FERRY

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JAZZ FEST WIEN: KONZERT BRYAN FERRY

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20er-Jahre-Jazzsound

Aber nicht immer ist das ironisch auf verstaubt Getrimmte den Originalstücken leicht und auf Anhieb zuzuordnen. Jedenfalls macht es Spaß, munter raten zu können, um welchen Song aus der selbstverliebten Art-Rock-Ära es sich denn gerade handelt.

Auf Pop konditionierte Ohrwascheln mögen maximal verwirrt sein. Aber bei diesem fast stilechten Schellack-Sound mit Banjo und Trompete der „Roaring Twenties“ würde Woody Allen selber zur Klarinette greifen, weil ihm das Herz aufgeht.

Auch Ferrys aktuelles Album „The Jazz Age“ transponiert das Schrille und Schräge des Glam Rock von gestern ins Vorgestern. Aber in der Oper ist live bald Schluss mit dem Ausflug in eine „Hot Five“-Session oder Duke Ellingtons Cotton-Club-Zeit.

Das Altmodische als hohe Kunst zelebriert hat Ferry, bei dem jede Melancholie auch mit Schmäh, Komödianterie und Ironie daherkommt, schon 1999 mit dem exzellenten Album „As Time Goes By“ (Virgin).

Mister Elegant

Der wie immer elegant gestylte Pop-Dandy entert nach rund 20 Minuten die Bühne und bewegt sich fortan mit dem bandscheibenschonenden Tanzschritt des jugendverstehenden Kunsterziehers hinter dem Mikro, macht aber auch mit 67 Jahren immer noch gute Figur im Zeitalter der allgemeinen Popvergreisung.

Beim munteren „Reason Or Rhyme“ vom 2010 erschienenen Album „Olympia“ passt sich der Gentleman-Popstar noch dem vom Pianisten Colin Good fein arrangierten Oldies-but-Goldies-Sound der Dixieland-Truppe an, ehe alsbald das Dilemma in Vollbesetzung der 15köpfigen Band beginnt.

Kopfweh-Sound

Die würde zwar mühelos auch ohne viel Verstärkung ein Haus wie die Oper akustisch auf Hochglanz bringen. Aber die Mannen an der Tonanlage haben offenbar im Sinn, das Donauinselfest zu beschallen und fixieren die Lautstärkeregler am Anschlag.

Ob „Re-Make/Re-Model“, das einst durch seine eigenartige unterkühlte Eleganz aufhorchen ließ, „N.Y.C.“ oder „Another Time, Another Place“ – Ferry ist der breiigen Schallmauer, gegen die er permanent anzukämpfen hat, kaum gewachsen. Eine kurze Erholungspause für die überstrapazierten Ohren ist der Amy-Winehouse-Cover „Back To Black“. Otis Reddings „That’s How Strong My Love Is“ lässt zumindest noch entfernt erahnen, was an Kraft und Schmelz in Ferrys Stimme noch übrig ist.

Ehe „Let’s Stick Together“ – vor den Zugaben mit Curtis Mayfields Gassenhauer „Move On Up“ – die Stimmung aufkocht und die Leute aus den Sitzen holt.

Hits im neuen Kleid

Album: Erstaunlich: Bei der CD „The Jazz Age“ klingen die alten Roxy- Music-Hits wie der Soundtrack eines guten Woody-Allen-Films.

Live: Der Jazz der alten Tage mit den Genussmitteln Melodie und Swing ist live soundtechnisch inkompetent bis lieblos umge- setzt. Bryan Ferrys charakteristische Vibrato-Stimme erstickt streckenweise im Klangbrei.

KURIER-Wertung: *** von *****

Info: Mittwoch live in der Oper: Bobby Womack, eine der charismatischsten Stimmen der Soul-Geschichte (19.30 Uhr) Karten: 01/408 60 30 od. 01/58885 www.viennajazz.org

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