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Kultur
05/05/2012

Boyle: "Die Menschheit ist nicht zu retten"

Millionen Fans lieben die Überzeugungskraft, mit der T.C. Boyle Endzeitszenarien zeichnet und gleichzeitig spüren lässt, wie sehr er am Leben hängt. KURIER traf ihn zum Interview.

von Birgit Braunrath

Rote Converse-Schuhe, schwarzes Volcom-T-Shirt. Anderen 63-Jährigen würde man das als grotesken Annäherungsversuch an die Boarder-Generation auslegen. T. C. Boyle wirkt darin authentischer als mancher 15-Jährige. Die Halskette hat ihm seine Tochter geschenkt, "selbst gemacht", erzählt er.

Treuer Ehemann; Vater von drei erwachsenen Kindern; Tee-mit-Milch-Trinker – man könnte Angst bekommen, einem Biedermann gegenüberzusitzen. Doch Boyle brennt. Und zündelt. Seine Erzählkraft ist im Gespräch unmittelbar spürbar.

"Die Menschheit ist nicht zu retten", sagt er. Doch solange jemand mit so viel Wucht und Leidenschaft darüber schreibt wie er, lohnt es sich auszuharren – und zu lesen. Er selbst ist in einem Haushalt ohne Bücher aufgewachsen. Die Eltern waren Alkoholiker, er landete mit 20 bei Heroin.

Später wurde das Schreiben seine Ersatzdroge, seine Lehrer an Amerikas Elite­fakultät "Iowa Writers’ Workshop" wurden zu Ersatzvätern. Heute unterrichtet er selbst Kreatives Schreiben an der University of Southern California. Dieser Tage fällt sein Seminar aus. Denn Boyle ist auf Lesetour mit seinem aktuellen Roman "Wenn das Schlachten vorbei ist". In Wien machte er den Anfang.

T. C. Boyle: Was ist hier los? Habt ihr auf den Frühling vergessen? Es ist Anfang Mai, und ich schwitze in Wien. Herrlich! All das macht die globale Erwärmung für uns!

KURIER: Wo bleibt der Grüne in Ihnen? Die innere Stimme, die sagt: "Wir müssen die Erderwärmung stoppen!"?
(Er lacht.) Bei aller Sorge um die Welt sind wir uns doch selbst am nächsten. Ich brauche die Wärme. Deshalb lebe ich nicht mehr in New York, sondern in Kalifornien. Und wenn an der Ostküste – gefühlt – der neunte Wintermonat anbricht, schneide ich bei uns an der Westküste die Wetterprognose aus der Zeitung aus – sieben Tage Sonnenschein – und schick’ sie den Freunden in New York.

Was antworten die?
Er streckt beide Mittelfinger gleichzeitig in die Luft. Dann ein breites Grinsen.

Trotzdem haben Sie noch Freunde in New York?
Ja, mein bester Freund lebt in New York. Ich kenne ihn, seit ich dreieinhalb war. Meine Frau mag ihn nicht, er mag meine Frau nicht, sie sind eifersüchtig aufeinander. Jedes Mal, wenn ich ihn anrufe, sage ich zu meiner Frau: "Du, ich rufe jetzt meinen besten Freund an, den Menschen, den ich schon 18 Jahre länger liebe als dich." Das macht sie wahnsinnig.

Irgendwas müssen Sie aber auch richtig machen, denn Ihre Frau ist seit 38 Jahren freiwillig mit Ihnen verheiratet. 2009 haben Sie gesagt, Sie sind der einzige Schriftsteller der US-Geschichte, der sein Leben lang mit nur einer Frau verheiratet ist. Bleibt’s dabei?
Es bleibt dabei, ich bin immer noch mit derselben Frau verheiratet.

Das muss Liebe sein ...
Liebe ... und ein wenig Angst.

Ihre Wien-Auftritte sind seit Monaten ausverkauft, Wien mag Sie. Mögen Sie die Stadt?
Ja, wenn Sie Wien ein Stück näher Richtung Kalifornien schieben könnten, wäre ich oft hier. Ich bin heute Früh ganz zeitig spazieren gegangen, die Stadt gehörte mir. Das war herrlich. Ich hab’s genossen.

Wenn Sie schreiben, ziehen Sie sich in eine Hütte in die Sequoia Mountains zurück und arbeiten äußerst diszipliniert. Sogar die Rockmusik haben Sie aufgegeben ...
... und das macht mich ganz schön traurig.

Warum dann diese übertriebene Konsequenz?
Ich mache nichts halb. Man muss sich einer Sache ganz hingeben. Und ich gebe mich dem Schreiben hin. Ich spiele nicht Schach, Karten oder Golf. Schreiben ist meine Droge, mein Leben ...

... und der Tod Ihr Thema. In "Wenn das Schlachten vorbei ist" beschreiben Sie den Kampf um Leben und Tod auf einer Insel so beklemmend, als ging’s um den Planeten. Sind wir tatsächlich bald so weit?
Ja. (Pause) Ich habe leider keine besseren Nachrichten.

Ist die Menschheit noch zu retten?
Nein. Selbst wenn wir alle aufs Land ziehen und Selbstversorger werden, kann es sich nicht ausgehen. Sieben Milliarden Menschen sind zu viel. Umgekehrt muss man sagen: Wenn wir all den Wahnsinn und die Umweltzerstörung ausblenden, lässt es sich hier ganz gut leben. Wir können zufrieden sein. Und für die, die’s nicht sind, gibt es Drogen und Alkohol.

Wann waren Sie das letzte Mal so richtig zufrieden?
Also wenn mich hier jemand ins Flugzeug setzt und nach Hause schickt, bin ich sofort in meiner Hütte in den Bergen und nichts kann meine Zufriedenheit stören.

Ohne Drogen und Alkohol?
Ich verrate Ihnen etwas: Es gibt dort eine Bar. In der benehme ich mich immer besonders gut. Niemand will da rausfliegen. Denn die nächste Bar ist 20 Meilen entfernt.

Ihr Hang zu Apokalypse und Untergang passt gut nach Wien. Die Wiener sagen "a schöne Leich’" und meinen ein pompöses Begräbnis ...
A-schö-ne-Leich (spricht Wienerisch mit starkem Akzent und lacht) , mein schönstes Begräbnis wäre wie das des Tim Finnegan in der irischen Ballade Finnegan’s Wake, nach der auch der letzte Roman von James Joyce benannt ist: Eine Flasche zerschellt am Sarg, ich wache auf, entsteige dem Sarg und feiere mit!

Ihr schönster Tod wäre, gar nicht gestorben zu sein?
Genau. Oder, wie es der berühmte amerikanische Philosoph Woody Allen ausdrückt (er schmunzelt) : "Ich will nicht durch mein Werk unsterblich sein. Ich will unsterblich sein, indem ich nicht sterbe."

Dennoch sagen Sie: "Alles ist düster. Warum putzen wir noch unsere Zähne? Warum gehen wir in die Schule?" Sie haben Ihre Kinder doch auch in Schulen geschickt. Ist diese Endzeitstimmung nur Attitüde oder Ihre Überzeugung?
Ich bin tatsächlich davon überzeugt, dass wir zu viele sind, um auf Dauer zu überleben. In "Wenn das Schlachten vorbei ist" geht es mir um einen ganz konkreten Punkt, um die Frage, wie wir mit anderen Lebewesen umgehen: Hat ein Tier ein Recht auf ethisch vertretbare Lebensbedingungen? Sind Schweine nur Schlachtmaterial, das wir in viel zu engen Kisten dahinvegetieren lassen? Und was ist der Mensch? Bei genauer Betrachtung auch nur ein Tier, aber das einzige Tier, das sein Tun hinterfragen kann. Also warum tun wir das nicht? Und handeln danach?

Danach zu handeln, ist oft schwierig. Sie selbst sind auch nur "Fast-Vegetarier". Und in Österreich wurde dieser Tage über Sie gelacht, weil ein Kolumnist geschrieben hat, Sie würden für die Rettung der Berge und Wälder eintreten, aber im SUV dorthin fahren.
Tatsächlich? Hahaha! (Er schüttelt sich vor Lachen) Da muss ich zu meiner Ehrenrettung sagen, dass ich nicht mehr in L. A. lebe, sondern in einem kleinen Ort und seither alle Wege zu Fuß zurücklege – außer wenn ich in die Berge fahre. Also der Vorwurf trifft zu. Aber tragen wir nicht alle diese Widersprüche in uns? Ein Beispiel: Ich befürchte zwar den Weltuntergang, baue aber nebenan, im Garten meiner Tochter, Biotope und Dämme, um Tieren einen Lebensraum zu bieten.

Sie waren einer der ersten Hippies ...
Ja, ich war der hippste Hippie von allen, ein Prototyp.

Ist Grün das neue Hippie?
Da gibt es sicher Überschneidungen. Die Grünen sind so etwas wie Hippies, die in der Realität angekommen sind, die Ihre schrägen Ideale vom Leben in Kommunen und ähnliche Utopien aufgegeben haben. In Deutschland sind die Grünen eine starke Partei, die auch gewählt wird. In den USA gibt es das leider nicht. Da muss man die Grünpartei als gescheitert betrachten.

In den USA ist Präsidentschaftswahlkampf. Da suchen beide Parteien Unterstützer in Künstlerkreisen. Wer hat bei Ihnen angeklopft?
Bei mir braucht keiner anzuklopfen, jeder weiß, dass ich, seit ich denken kann, für die Werte der Demokraten eintrete. Die Standpunkte der anderen Partei sind für mich indiskutabel. "Machen wir die Reichen reicher" – dafür habe ich nichts übrig.

Sie äußern sich in Interviews ungern zu Politik.
Ich äußere mich sehr wohl zu Politik. Aber nie in Zusammenhang mit meiner Arbeit. Ich sage auch in meinen Büchern dem Leser nicht, auf welcher Seite er stehen soll. Ich lote die Charaktere in ihrer Tiefe aus, gebe aber keine Meinung ab. Nichts ist schlimmer – und sinnloser – als anderen zu erklären: So musst du leben, denken, handeln. Die meisten tun daraufhin genau das Gegenteil. Ich schreibe über fast alles. Aber meine persönliche Meinung hat in den Büchern nichts verloren.

Sie sagen, Sie schreiben über fast alles? Worüber würden Sie niemals schreiben?
Über ein Thema würde ich nie schreiben: meine Frau und ihre Familie. Das gäbe zwar großartige Geschichten her. Aber ich würde mich das nicht trauen. Ich habe Ihnen ja gesagt, meine Ehe basiert auf einer Mischung aus Liebe und Angst (lacht).

Und welche Frage, die ich nicht gestellt habe, würden Sie noch gern beantworten?
Ich möchte, dass Sie mir eine Frage beantworten: Warum haben Männer Brustwarzen? Seit Jahren suche ich die Antwort. Fragen Sie Ihre Leser! Irgendjemand muss es ja wissen. Wozu brauchen Männer Brustwarzen?

Haben Sie Ihre noch nie gebraucht?
Nein! Obwohl ich unser mittleres Kind persönlich zur Welt gebracht habe, um meine Frau zu entlasten (lacht schallend). Ach, ich könnte ewig so weiterreden.

Zwei Insel-Romane: Mensch und Tier

Roman: "Wenn das Schlachten vorbei ist" spielt auf den Channel Islands, westlich von Boyles Heimat Santa Barbara: Eine Biologin und ein Tierschützer bekriegen sich. Auch der nächste Boyle-Roman handelt von einer der Channel Inseln "San Miguel" erscheint im Herbst im Original.

Autor: Tom Coraghessan Boyle (den 2. Vornamen gab er sich selbst als Verneigung vor irischen Vorfahren), geb. 1948, wuchs in New York auf, lebt in Kalifornien und ist einer der erfolgreichsten Autoren der Gegenwart.

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