© APA/AFP/STEPHANE DE SAKUTIN

Kultur
07/28/2019

Boykott-Kultur: Warum es Künstler und Sponsoren so schwierig miteinander haben

Kunst und Geld. Das Verhältnis von Künstlern zu Mäzenen ist zunehmend angespannt. Manchmal reißt es.

von Michael Huber

Wer jemals den Petersdom in Rom bestaunte, hatte vielleicht einen Miesepeter dabei, der ihm ins Ohr raunte: Der Ablasshandel, bei dem Seelenheil gegen Geld versprochen wurde, finanzierte dieses Bauwerk!

Kultur, entstanden im Auftrag von Päpsten, Fürsten und reichen Kaufleuten, hatte also immer schon ein Scheinheiligkeitsproblem.

Und doch ist der Konflikt, der zur Zeit um sich greift, in mancher Hinsicht extremer. Denn er konfrontiert eine Kunst, die sich als autonom und kritisch begreift, mit jenen Eliten, deren Anteil am verfügbaren Vermögen stetig wächst.

Die lange gängige Form des Ablasshandels – Reiche fördern Kultur und erhalten im Austausch Renommee, selbst wenn die Quellen ihres Reichtums nicht immer supersauber sind – geht sich angesichts dieser Polarisierung immer schwerer aus.

Vertrauen entzogen

Statt inhaltlich Kritik zu üben, verweigern Künstlerinnen und Künstler Institutionen und Sammlern zunehmend ihre Zusammenarbeit. Sie führen damit öffentlich vor, dass Geld eben nicht alles kaufen kann.

Zuletzt schlugen acht Künstlerinnen und Künstler in New York Wellen, als sie verlangten, dass ihre Beiträge aus der Biennale des Whitney Museum of American Art entfernt werden sollen. Grund für den Boykott war Warren Kanders, ein Mitglied des Aufsichtsrats des Museums – er trat am Donnerstag zurück. Kanders verdient sein Geld nämlich unter anderem mit Tränengas, das zur Abwehr von Migranten an der Grenze zu Mexiko und bei Demonstrationen gegen Polizeigewalt eingesetzt wurde.

Einer Überblicksschau, die heuer Afroamerikaner und Latinos prominent präsentiert, stand das schlecht zu Gesicht.

Das große Erwachen

Die neue Sensibilität wird in den USA oft mit dem Slangwort „woke“ bezeichnet, schon ist vom „Great Awokening“, dem Großen Erwachen, die Rede. Für die primär privat finanzierte Kulturwelt der USA ist das Umdenken besonders folgenreich, doch das Phänomen ist nicht auf sie beschränkt.

So musste die Yana Peel, Geschäftsführerin der Londoner Serpentine Gallery, erst im Juni abdanken, als ruchbar wurde, dass ihr Mann Hauptinvestor der israelischen Firma NSO ist: Deren Spionagesoftware war auch gegen Menschenrechtsaktivisten eingesetzt worden.

Die Künstlerin Hito Steyerl, die sich häufig kritisch mit Fragen der Überwachung beschäftigt, stimmte in den Protest ein. Zuvor hatte sie noch im „Serpentine Sackler Pavillon“ eine Ausstellung gezeigt – und sich von den namensgebenden Sponsoren distanziert. „Es ist, als sei man mit einem Serienmörder verheiratet“, sagte sie.

„Serienmörder“

Die Familie Sackler zählte lange zu den größten Mäzenen der Museumswelt – und ist zu ihren prominensten Unberührbaren geworden. Denn der Pharmakonzern, dem die Sacklers Reichtum verdanken, wird für die Opioid-Suchtwelle in den USA verantwortlich gemacht. Der Protest ging maßgeblich von Künstlern – angeführt von der Fotografin Nan Goldin – aus und war sehr effektiv. Als erstes Großmuseum Europas entfernte der Louvre in Paris unlängst den Namen der Familie von einer Galerie. Auch die Serpentine Gallery hat die Scheidung vollzogen.

Dass bekannte Persönlichkeiten mit Boykotten aktiv werden, ist nicht auf das Feld der bildenden Kunst beschränkt: Ex-Pink-Floyd-Boss Roger Waters ruft in schöner Regelmäßigkeit zum Israel-Boykott auf, Rapperin Nicki Minaj sagte zuletzt ein Konzert in Saudi-Arabien wegen Bedenken zu Pressefreiheit und Menschenrechten ab. Die Stars Janet Jackson und Rapper 50 Cent traten auf – und wurden kritisiert.

Die Hochkultur lebt!

Pop- und Filmstars mögen mit solchen Aktionen breiteres Gehör finden als bildende Künstler. Doch in dem Bereich, der auf Mäzenatentum baut, lassen sich andere Hebel ansetzen. Die Unterstützung für „elitäre“ Kultur bleibt eines jener raren Felder, in dem sich Reiche abseits von purem Protz und Prunk unter ihresgleichen profilieren können.

Auch in der Opernwelt gab es daher einen Aufschrei, als Noch-Scala-Chef Alexander Pereira im Frühjahr Kontakte nach Saudi-Arabien knüpfte: Der Plan, dem Kulturminister des Landes gegen rund 15 Millionen Euro einen Posten im Aufsichtsrat zu geben, wurde schließlich verworfen.

In der bildenden Kunst kommt zu derlei Deals noch der Faktor hinzu, dass Mäzene mit ihrem Einfluss auf Ausstellungsprogramme oder Museumsankäufe auch den Wert ihrer eigenen Kunstsammlung, einer mitunter substanziellen Geldanlage, beeinflussen können. Wenn Künstler Gönnern die Loyalität entziehen, aus Ausstellungen aussteigen oder sich mit Leihgaben an bestimmte Institutionen zurückhalten, kann das auch den Wert von Kunst-Portfolios beeinflussen. Daher ist zu vermuten, dass die Kluft zwischen Künstlern, die ihr Renommee durch Institutionen und kuratierte Ausstellungen sammeln, und jenen, die hochpreisige Luxus-Artikel produzieren, noch größer wird.

Freilich schneidet sich kein Akteur gern ins eigene Fleisch. Doch in der gegenwärtigen angespannten Lage stehen alle unter Beobachtung: Reiche kontrollieren die Weißheit ihrer Westen, Kunstschaffende und Institutionen schauen genau, mit wem sich die Kollegen im Feld jeweils einlassen. Der Druck zur Transparenz steigt. Und in Ländern, wo privat finanzierte Kultur die Norm ist, ist die Debatte über nötige Reformen des Systems bereits heftig entbrannt.

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