Birgit Minichmayr in Stefan Zweigs „Schachnovelle“

© Constantin

Kino
09/22/2021

Interview mit Birgit Minichmayr: „Fremdgehen tu’ ich mit dem Film“

Birgit Minichmayr spielt in der Verfilmung der "Schachnovelle“ (ab Freitag im Kino) eine Ehefrau und spricht über Zweig, Sexismus und Wien-Klischees

von Alexandra Seibel

Auch wenn sie nur eine kleine Rolle spielt, ist Birgit Minichmayr stark präsent. In Philipp Stölzls Verfilmung der „Schachnovelle“ übernahm sie die Rolle der Ehefrau eines Mannes namens Bartok, der von den Nazis in einem Hotelzimmer verhört wird. Der Regisseur hat diese Frauenfigur, die in Zweigs Novelle nur einen Halbsatz einnimmt, extra erfunden.

Ein Gespräch mit Birgit Minichmayr über ihre Liebe zu Zweig, die Folgen von #MeToo und ihre geteilte Liebe zu Film und Theater.

KURIER: Frau Minichmayr, Sie spielen eine recht kleine Rolle als Ehefrau in der „Schachnovelle“. Was hat Sie daran interessiert?

Birgit Minichmayr: Diese Komplimente, die mir Philipp Stölzl gemacht hat, dass nur ich es sein kann, die diese Rolle spielt und sonst keine …  Ich bin sehr empfänglich für Komplimente (lacht). Ich sah die Frau als eine allegorische Figur, die eine Farbe der Beständigkeit, der Liebe und der Vergangenheit, aus der Josef Bartok herkommt, hineinbringt.  Ich hatte einfach Lust, das zu machen und unterscheide nicht zwischen groß und klein. Die Rolle des Bartok hat mich auch interessiert, aber die hat man mir nicht angeboten…leider. Das kommt noch. (lacht)

Was verbindet Sie mit der „Schachnovelle“?

Die „Schachnovelle“ war Stoff im Deutschunterricht und damals habe ich das Buch gelesen. Aber auch jetzt hat er mich wieder begleitet, der gute Stefan Zweig – mit seiner großartigen Biografie von Maria Stuart, die mir total dabei geholfen hat, meinen Weg in die Rolle der „Maria Stuart“ hineinzufinden (Birgit Minichmayr spielte bei den Salzburger Festspielen die „Maria Stuart“ in der Inszenierung von Martin Kušej, Anm.)  

In der „Schachnovelle“ fällt der Satz: „Solange Wien Walzer tanzt, kann die Welt nicht untergehen“. Wie finden Sie diese Beschwörung von Wien-Klischees?

Ich mochte den Satz nicht, ehrlich gesagt. Ich musste ihn auch sagen, aber ich fand ihn ein bisschen schwierig. Ich weiß, er spielt auf die Zeit des verschlafenen Franz-Josef-Wien an. Aber für mich ist der Satz ein bisschen sehr naiv gewesen. Ich weiß nicht, wie es damals war. Vielleicht war es ja auch so. Es hat etwas von diesen Beschreibungen von Schnitzler und Zweig, dass man sich das so vorstellt.

Oliver Masucci kommt, so wie Sie, aus dem Theaterbereich. Ist es anders für Sie, mit jemanden zu spielen, der ebenfalls starke Bühnenerfahrung hat oder macht das keinen Unterschied?

Ich finde nicht, dass man vor der Kamera den Unterschied bemerkt, aber ich glaube, dass Theaterleute eine andere Disziplin oder eine andere Herangehensweise haben – auch was Reagieren und Improvisieren betrifft. Man macht das viel öfter, als wenn man nur beim Film arbeitet. Das fällt mir schon auf.  Aber ich habe da keine Vorlieben.
 
Apropos Vorlieben: Würden Sie selbst dem Film oder dem Theater den Vorzug geben?

Ich möchte nie das eine für das andere tauschen. Oscar Werner hat es so schön gesagt: „Das Theater ist meine Ehefrau, der Film meine Geliebte.“ Und das stimmt. Ich war zuerst am Theater, also habe ich das Theater geheiratet, Fremdgehen tu ich mit dem Film. Aber ich werde beides nicht hergeben – weder den Ehemann, noch den Geliebten. (lacht)
 
Sie haben unlängst in einem Interview (gemeinsam mit Verena Altenberger) im Spiegel mit Kritik am Sexismus im Theaterbereich, gerade auch was die Besetzungslogik betrifft, aufhorchen lassen.  Haben Sie damit eine kleine Bombe gezündet?

Ich bin nicht auf Social Media, dadurch bekomme ich das alles gar nicht mit. Mich hat nur jemand darauf angesprochen und gemeint: „Du gehst voll ab!“ und ich so: „Wo gehe ich ab? Und warum?“ Ich hatte in dem Interview gesagt, dass ich als 44-jährige als zu alt befunden wurde, die Rolle einer 45-jährigen Frau zu spielen. Das haben anscheinend sehr viele Menschen gepostet. Und ja, ich finde, das ist ein wichtiges Thema, über das man reden sollte. Ich verwehre mich auch mittlerweile, dass den Männern immer eine viel zu junge Frau an die Seite gestellt wird. Diese Frauen sind dann so alt wie die Kinder. Warum eigentlich? Ich weiß nicht, ich finde, das ist vorbei. Genauso ist es auch mit Body-Shaming, Face-Shaming und Age-Shaming oder was immer es für ein Shaming gibt. Es ist vorbei mit Schämen. Ich rede natürlich aus einer privilegierten Situation. Ich kann es mir leisten zu sagen: „Nein, ich mach keinen Maskentest mehr.“
 
Was ist ein Maskentest?

Das ist noch einmal ein Kameratest, der feststellen soll, ob ich für die Rolle einer 45-jährigen Frau funktioniere.  
 
Das ist wirklich unglaublich.

Ja, aber natürlich verändern sich unsere Gesichter und wir lassen das eine oder andere machen. Aber man muss auch die lassen, die das nicht tun. Ich finde, weibliche Vorbilder im Kino oder Theater, die ihr Gesicht nicht verändern wollen, wichtig.
 
Haben Sie das Gefühl, dass sich im Zuge von #MeToo etwas verändert hat? Oder handelt es sich da eher um schleppende Prozesse?

Natürlich verändert sich etwas durch die Quote. Und ich finde absolut, dass man auch auf seine Sprache achten soll – sei es, ob man gendert oder ob man Alltagsrassismus und Alltagssexismus nicht mehr duldet. Auch mir passiert es, dass ich mit dem Binnen-I nicht immer so ganz firm bin. Ich übe das auch brav zu Hause, damit es nicht bescheuert klingt, wenn ich KünstlerInnen sage, sondern ganz natürlich rüberkommt. (lacht) Aber ich finde das alles wichtig und richtig und toll. Ich begrüße das. Und wenn das Pendel mal jetzt in die eine Richtung ausschlägt, muss das vielleicht so sein. Es schlägt eh wieder zurück.

 

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