Kultur 27.02.2015

"Hey, wir sind die neuen Helden"

© Bild: /Niko Ostermann

Bilderbuch-Sänger Maurice Ernst über den Hype um das neue Album "Schick Schock".

Es macht schon Spaß, sich hinzustellen, dem Fendrich den Schneid abzukaufen und zu sagen: ,Hey, wir sind die neuen Helden!‘"

Maurice Ernst, der Sänger von Bilderbuch, hat dafür das nötige Selbstbewusstsein. Auch wenn er grinsend zugibt, dass da schon noch ein bisschen "markieren" dabei ist. Vermutlich nicht mehr lange. Denn heute, Freitag, erscheint "Schick Schock", das dritte Album der Band aus Oberösterreich, die sich damit neu erfunden hat.

Munter mischt das Quartett R&B und Funk mit Indie- & Synthie-Pop, paart all das mit Lässigkeit, Attitüde, Stil und einer augenzwinkernden Arroganz. Alles tanzbar, alles mit Gefühl und Hirn.

Damit erleben Bilderbuch derzeit auch in Deutschland einen Hype, der seinesgleichen sucht. Maurice Ernst weiß, warum: "Wir trauen uns wieder etwas. Prince und Michael Jackson auf Deutsch – das gab es noch nicht, denn die deutsche Pop-Musik war immer zu korrekt. Falco hatte so großen internationalen Erfolg, weil er sich einerseits auf die österreichische Musiktradition bezogen hat, aber auch um nichts geschert hat."

Fratze

Das tut Ernst jetzt auch. Etwa wenn er in "Feinste Seide" singt: "Ich lese Proust, Camus und Derrida, mein Schwanz, so lang wie ein Aal." Das ist typisch für die Doppelbödigkeit, die sich durch das ganze Album zieht und mit Witz und Scharfsinn den Alltag in einer gespaltenen Gesellschaft porträtiert. Es macht den Ex-Philosophie-Studenten stolz, wie selbstverständlich in seiner Musik "Schick" und "Schock" nebeneinander stehen: "Das ist ein Spiegel-Album! Wir machen den Spagat zwischen Opernball und Favoriten. Aber weil alles überstilisiert ist, kann keiner sagen, ob es präpotent oder ironisch ist. Wir stellen uns nicht auf eine Seite, sondern sagen, so schaut die Welt aus – und machen eine Fratze daraus."

So verbindet Ernst in "Plansch" mit Witz und Geschick das Planschen im Pool mit der Untergangsstimmung in der Wirtschaftskrise, oder verwurstet in "Om" Zitate von Peter Cornelius und Falco.

Letzterer, sagt er, sei weniger ein Idol gewesen als David Bowie. "So wie der es mit der Cut-up-Technik gemacht hat, arbeite ich an meinen Texten – wie an Collagen. Ich will wie er lieber mit Bildern und Assoziationen Gefühle ausdrücken, anstatt eine durchgehende Story zu erzählen. Ich spiele mich gerne damit, wie ich etwas auf eine Metaebene heben kann."

Dogma

Außerdem, sagt er, habe Bilderbuch "das Dogma", ständig auf der Suche nach etwas Neuem zu sein, von Bowie übernommen: "Wir wollen nicht einen Sound auf ewig weiterziehen. Wir wollen mit jedem Album etwas anderes machen. Wer weiß, vielleicht ist das vierte dann kein Spiegel mehr, sondern ein Punk-Album, in dem wir konkret und eindeutig auf all das hinhauen, was uns auf den Sack geht."

Sagt er und fügt gleich an, dass sich Bilderbuch auf der Suche nach dem heutigen Erfolgs-Sound beinahe aufgelöst hätten. Gegründet, als die Musiker noch Teenager waren, hatte der damalige Schlagzeuger keine Vision mehr, wo es nach sieben Jahren auf der Indie-Songwriter-Schiene hingehen könnte. "Da hatten wir aber extremes Glück und fanden in Philipp Scheibl einen Drummer, der aus dem R&B kam. Und genau dort wollten wir hin."

Das Durchhaltevermögen hat sich also ausgezahlt. Heute stehen Bilderbuch wie keine andere Band für das neue Selbstbewusstsein der österreichischen Pop-Szene.

"Die war nach Falco, Fendrich und Ambros zwanzig Jahre lang im Koma", erklärt Ernst. "Als wir aufgewachsen sind, war es das Wichtigste, nur ja keine Referenz zu österreichischer Musik zu haben, denn das war etwas für die Tanten und Omas. Aber jetzt – mit dem nötigen Abstand – kann man offener damit umgehen und sagen, ja, wir Österreicher können was. Und das denkt offenbar auch das Publikum: Am 18. Juni treten wir in der Open-Air-Arena auf – vor mehr als 3000 Leuten. Ich kann mich nicht daran erinnern, wann das ein heimischer Pop-Act das letzte Mal gemacht hat."


Besetzung

Maurice Ernst (Gesang, Gitarre), Michael Krammer (Gitarre), Peter Horazdovsky(Bass), Philipp Scheibl (Drums).

Karriere

Gegründet 2005 veröffentlichten Bilderbuch 2008 das Debüt"Nelken & Schillinge". 2011 folgte mit "Die Pest im Piemont" ein Konzeptalbum basierend auf "Die Pest" von Albert Camus. Der Erfolg kam, als sich Bilderbuch mit der EP "Feinste Seide" und dem Hit "Maschin" vom "sperrigen, verkopften" Indie-Rock ab und instinktivem Pop zuwandten.

Erstellt am 27.02.2015