Paul über Deix: "Für mich ist ein Zeitzeuge verloren gegangen"

© KURIER/Gerhard Deutsch

Ein Freund nimmt Abschied
07/03/2016

Bernhard Paul über Manfred Deix: "Wir waren wie Brüder"

Bernhard Paul, Direktor des Zirkus Roncalli, und Manfred Deix kannten einander seit der Schulzeit. Im Interview erzählt er amüsante Anekdoten und was das Deix’sche Genie ausmachte.

von Ida Metzger

KURIER: Herr Paul, Sie waren seit der Schulzeit mit Manfred Deix befreundet. Wie schwer fällt der Abschied, wenn eine derart große Lebensfreundschaft endet?

Bernhard Paul: Für mich ist ein Zeitzeuge verloren gegangen, mit dem ich wunderbar über vergangene Zeiten reden konnte. Er war quasi ein lebendes Lexikon für die Vergangenheit. Das ist sehr schmerzhaft für mich. Wir kannten uns seit mehr als 50 Jahren. Manfred Deix, Gottfried Helnwein und ich haben gemeinsam auf der Graphischen Lehranstalt studiert. Dementsprechend intensiv war unser Verhältnis. Er war mir näher als mein Bruder. Manfred Deix und ich waren Brüder im Geiste, in der Seele und im Humor. Der Deix’sche Humor war einzigartig und wir haben unzählige Stunden lachend verbracht.

Vor zwei Jahren war Manfred Deix schon auf der Intensivstation und entging dem Tod nur knapp. Hat er sich von dieser Krise jemals wieder erholt?

Als ich ihn vor zwei Jahren in Spital besuchte, und Manfred an unzähligen Schläuchen angeschlossen war, wussten wir schon, dass er nie mehr wieder gesund werden wird. Wir kannten seinen Zustand und der Tod war eigentlich keine Überraschung. Denn trotz einer Raucherlunge und eines Lungeninfarktes hat er weitergeraucht und -getrunken. Zureden, dass er seinen Lebenswandel ändern soll, war sinnlos. Da gab er dann entwaffnende Antworten wie: "Aber es schmeckt mir." Da kann man nichts mehr antworten. Doch selbst wenn man auf den Moment vorbereitet ist, bricht eine Welt zusammen, wenn du die Todesnachricht bekommst.

Wie ist Manfred Deix gestorben? Zu Hause oder Im Spital?

Zu Hause und in den Armen seiner Frau Marietta. Was will man mehr? Das war eine unglaublich große Liebe zwischen Marietta und Manfred. Ich kenne keinen Mann, der seine Frau mehr liebte, als Manfred seine Marietta. Ich ziehe meinen Hut vor Marietta,denn trotz der innigen Liebe zwischen den beiden muss man auch ganz ehrlich sagen: Manfred war kein einfacher Mensch. Er hatte einige Laster. Aber Marietta hat alles ertragen, und kümmerte sich um ihn liebevoll bis zum Schluss.

Die Liebe zwischen Manfred und Marietta Deix war ja buchstäbliche eine Jugendliebe ...

Als Marietta 18 Jahre alt war, lernten sie einander kennen. Aber er war schon vorher in sie verliebt. Es war eine Liebe auf Distanz. Ich erinnere mich noch, am Sonntag trafen wir uns immer im Zug auf dem Weg in die Graphische nach Wien. Ich kam von St. Pölten und Manfred stieg in Böheimkirchen zu. Am Westbahnhof machten wir noch gerne beim Würstelstandl einen Halt, bevor es ab in die Graphische ging. Am Würstelstand hat Manfred immer geschaut, ob Marietta aus dem Holland-Express, der nonstop von St. Pölten nach Wien fuhr, ausstieg. Wenn er sie dann in der Menge entdeckte, war er sehr aufgeregt. Ich denke, wenn sie ihn in diesem Moment angesprochen hätte, wäre Manfred ohnmächtig geworden. Diese Liebe währte über 50 Jahre.

Die Deix’sche Figur ist ein geiler, widerlicher und dümmlicher Typ. Warum wurde Deix trotz dieser Bloßstellung nicht gehasst, sondern vom Publikum geliebt?

Manfred hat das Kunststück vollbracht, dass sich niemand selbst betroffen fühlte, sondern jeder meinte, das sind die anderen. Auf diesen Humor konnte man gar nicht böse sein. Aber ich finde: Manfred Deix wurde in Österreich zwar geschätzt, aber auch unterschätzt.

Inwiefern unterschätzt?

Weil er auch international eine große Karriere hätte machen können. Stellen Sie sich vor, er hätte nicht Schüssel, sondern in den USA Clinton oder Obama gezeichnet? Während Gottfried Helnwein und ich ins Ausland gingen, wollte er nie weg aus Österreich. Er ist seinem Land treu geblieben. Aber es wurde ihm nicht immer gedankt. Manfred war oft seiner Zeit voraus. Als er hohe Würdenträger der Kirche in seinen Zeichnungen angriff, war das zu dieser Zeit noch ein Sakrileg. Deswegen hatte er regelmäßig Auseinandersetzungen mit Kronenzeitung-Herausgeber Hans Dichand. Schließlich trennte sich die Kronenzeitung von ihm. Beim profil und bei News erging es ihm ähnlich. Da wurde er über Nacht wegen Kosteneinsparungen rausgeschmissen. Nicht sehr dankbar, wenn man sieht, zu welchem Renommee er diesen Zeitungen verholfen hat.

Aber war Manfred Deix nicht auch für seine Unzuverlässigkeit bekannt, der die Zeichnungen oft nicht rechtzeitig lieferte?

Das habe ich selbst miterlebt, als ich Art Director beim profil war. Wenn man ihn angerufen hat, um ihn auf den Drucktermin aufmerksam zu machen, meinte er dann salopp: "Ah, der Herr Chef schimpft mit mir." Ich hatte die Wahl zwischen unserer Freundschaft, oder mit einer weißen Seite zu erscheinen. Aber ich habe lieber eine Zeichnung von einem Genie im Blatt, und muss darauf warten, als von einem Dilettanten. Wer etwas kann, der darf auch schwierig sein. Aufgrund seines Talentes hätte er noch viel schwieriger sein dürfen.

Was hat sein Genie ausgemacht?

Manfred Deix hatte einen Röntgenblick und erkannte blitzschnell alle Mängel. Hatte jemand eine spezielle Nase, Po oder Lippen, hat er die Mängel übertrieben dargestellt, damit sie noch besser erkenntlich waren. Er beherrschte die Offenlegung der Schwächen.

War es in der Schule erkennbar, dass aus Manfred Deix ein großer Künstler werden wird?

In der Graphischen Lehranstalt sind alle Schüler sehr kreativ, aber bei Gottfried Helnwein und Manfred Deix wussten wir alle – die werden einmal etwas ganz Großes. Das war vorhersehbar. Wir haben viele Stunden in Kaffeehäusern verbracht. Wenn du den Manfred gefragt hast: "Du, kannst dich noch an den erinnern, der vor einer Woche da ins Kaffee reinspaziert ist?" Dann griff er sofort zum Stift und zeichnete den Menschen in allen Details und sofort erkennbar. Die Striche sind nur so aus seinem Bleistift geflossen. Das war ein Wunder. Diese Gabe hatte kein anderer. In seinen letzten Jahren hat sich sein Stil verändert und er hat sensible Aquarelle und Bleistiftstudien gemalt. Eigentlich müsste Manfred Deix eine eigene Ausstellung in der Wiener Albertina gewidmet werden.

Welche Zeichnung von Manfred Deix gehört zu Ihren Favoriten?

Ich habe Hunderte aus den frühen Jahren. Aber die Nacktzeichnung von uns dreien ist eine meiner Lieblingszeichnungen (siehe Foto ganz unten). Wir waren ein Trio infernal, das in der ganzen Schule bekannt und gefürchtet war. Die Zeichnung zeigt sein Talent und ist unglaublich witzig, aber trotzdem sensibel und liebevoll. Lustig ist ja, dass keiner von uns Dreien die Graphische Lehranstalt beendet hat. Manfred und ich flogen wegen zu vieler Fehlstunden, etwa in Religion, von der Schule. Gottfried Helnwein absolvierte die Abschlussprüfungen auch nicht. Heute gibt es in der Schule eine Wall of Fame, wo wir alle drei verewigt sind.

Sie sagen selbst, dass bei Ihren Treffen Lachen ohne Ende angesagt war. Haben Sie eine Anekdote auf Lager?

Über unsere Anekdoten könnte man ganze Bände schreiben. Es war damals üblich, dass wir uns mit verstellter Stimme angerufen haben. Manfred hat es oft erwischt. Eines Nachts kam ein Anruf aus Amerika. Billy Wilder wollte ein Bild kaufen. Manfred glaubte, dass sich Helnwein und ich wieder einen blöden Schmäh erlauben. Denn wer nimmt schon an, dass um drei Uhr in der Nacht tatsächlich Billy Wilder am Telefon sein könnte. Dementsprechende Antworten gab Deix. Erst gegen Ende des Telefonats merkte er, dass der echte Billy Wilder aus Hollywood am Telefon ist. Oder: Einmal habe ich ihn nach Spanien eingeladen und Manfred gebeten, mir einen Senf aus Österreich mitzunehmen. Was er auch tat, aber er dachte nicht daran, dass die Senftube im Koffer explodieren könnte. Als Beach-Boys-Fan packte er für Spanien weiße Kleidungsstücke und die Senftube in den Koffer. Als er den Koffer in Spanien öffnete, sah er die Bescherung. Wir mussten lachen, denn weiße Kleidung mit braunem Senf schaut eben seltsam aus. Das war eine typische Deix-Situation.

Sie sind nach Deutschland gegangen und Gottfried Helnwein machte in den USA Karriere. Manfred Deix wiederum war kein Weltenbummler. Wie hat die Freundschaft so viele Jahrzehnte gehalten?

Weil es eine tiefe und ehrliche Freundschaft war. Eine typische Deix-Situation war, dass um zwei in der Früh angerufen hat, um mir einen einen neuen Song von den Beach Boys vorzuspielen.Die Qualität war dementsprechend von Telefon zu Telefon. Ich hätte mir aber nie erlaubt, das Telefonat zu unterbrechen. Oder er hat um drei Uhr nachts angerufen, um einfach zu plaudern. Ein Telefonat konnte bis zu zwei Stunden dauern.

In welchen Momenten wird Ihnen Manfred Deix fehlen?

Immer dann, wenn ich die Beach Boys höre, wenn ich ein Glas Wein trinke, wenn ich eine oder mehrere Katzen sehe, oder wenn ich eine Situation erlebe, wo Schadenfreude eine Rolle spielt.

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