Ein kleines Mädchen trifft im Wald seine eigene Mutter als Kind: „Petite Maman“

© Lilies Films

Film
03/03/2021

Berlinale: Zarte Zeitreisen, fiese Nachbarn

Daniel Brühl geht in die Kneipe, Radu Jude seziert den Bodensatz der rumänischen Gesellschaft und Céline Sciamma besucht die Kindheit

von Alexandra Seibel

Die Berlinale online ist eine Streamingsuppe, die jeder alleine auslöffeln muss. Und zwar möglichst schnell. Ab sieben Uhr früh steht die Tagesration an Filmen für 24 Stunden bereit, dann schließt sich das Zeitfenster wieder. Die Sichtungseinheiten nehmen die Länge von Langstreckenflügen an. Es empfehlen sich blutverdünnende Mittel.

Manche Filme machen umgehend munter, auch um sieben Uhr morgens. Der umwerfende Wettbewerbsfilm des Rumänen Radu Jude, zum Beispiel, der mit einem Amateur-Porno beginnt: Ein Ehepaar filmt sich beim Sex und stellt das Video online. Durch ein Missgeschick kursiert es frei zugänglich im Internet, wo es auch die Schüler der Frau, die von Beruf Lehrerin ist, sehen können. Flugs krallen sich die Boulevard-Zeitungen den Titel „Porno-Lehrerin“, und schon steht die Karriere der jungen Frau auf dem Spiel.

Porno-Lehrerin

„Bad Luck Banging oder Loony Porn“ nennt der Regisseur seine aberwitzige Satire auf die rumänische Gesellschaft: „Ein rumänischer Fernsehsender hat es sogar vermieden, den Titel meines Films auszusprechen“, erzählt Radu Jude gut gelaunt während eines virtuellen Pressegesprächs: „Es war nur von meinem ,neuen‘ Film auf der Berlinale die Rede. Aber es wäre mir ohnehin nicht recht, wenn jeder meine Geschichten nett fände.“

Die Chance ist gering.

Im treffsicheren Fokus seiner Kamera entsteht das scharfe Bild einer entsolidarisierten Gesellschaft im Zustand des konsumbewussten Dauerstress: Die Stadtbewohner wandern bei Gluthitze durch die Dauerbaustelle Bukarest, brüllen sich im Straßenverkehr nieder oder beschimpfen sich an der Supermarktkasse. Das Finale seines Films, in dem der Elternrat zusammentritt und darüber berät, ob die „Porno-Lehrerin“ weiter an der Schule bleiben darf, inszeniert Radu Jude als schrille Sitcom. Aufgebrachte Väter werfen der Lehrerin vor, dass sie die Schüler mit dem Holocaust indoktriniere, empörte Mütter fürchten um die Moral ihrer Kinder. Unnachgiebig wirbelt Radu Jude den Bodensatz der rumänischen Gesellschaft auf und schüttet ihn seinem Publikum ins Gesicht.

Danach würde man gern ein Bier trinken.

Am besten in einer Eckkneipe namens „Zur Brust“, so wie Daniel Brühl in seinem Regiedebüt „Nebenan“, das nach einem Drehbuch von Daniel Kehlmann entstand. Brühl übernimmt darin auch die Hauptrolle und spielt gekonnt mit seiner eigenen Starpersona: Er heißt auch Daniel, ist erfolgreicher Schauspieler und hofft auf seine erste Rolle in einem Superhelden-Film. Bevor er zu einem Casting nach London aufbricht, kehrt er noch einmal für einen Morgenkaffee in seinem Stammlokal ein. Dort lungert ein Gast herum und entpuppt sich als Daniels Nachbar. Ein ruppiges Gespräch beginnt, das zunehmend zu eskalieren droht.

Man hört in Kehlmanns Drehbuch ordentlich die Theaterbretter knarren, wenn die beiden Männer, an die Bar gelehnt wie an der Westernfront, zu langen, oft recht witzigen Dialoggefechten ausholen. Der Nachbar ist Ex-Ossi und Wiedervereinigungsverlierer, sein Neid auf den Erfolgstypen von nebenan liegt blank.

Peter Kurth als fieser Nachbar bietet dem selbstgefälligen Daniel – kongenial gespielt von Brühl – würdig die schauspielerische Stirn. Dessen selbstironische Haltung gegenüber der eigenen Karriere und dem, was mit Ruhm einhergeht, nähert sich zwar nie dem Abgründigen; doch die Gemeinheiten, die ins Ego des jeweiligen Gegners eindringen, werden zunehmend spitzer. Am Schluss hilft nur noch Alkohol.

Kindheitstraum

Was für eine Vorstellung: Im Alter von acht Jahren trifft man auf seine Mutter, die ebenfalls gerade acht Jahre alt ist. Drei Tage lang führt man mit ihr eine Kinderfreundschaft. Wie würde sich das anfühlen? Dieser seltsamen Frage geht Céline Sciammas in ihrem zarten Zeitreisefilm „Petite Maman“ nach.

Nach dem Tod der Großmutter fährt Nelly mit ihrer Mutter Marion ins Haus deren Kindheit zurück. Plötzlich verschwindet die Mutter, Nelly trifft sie im Wald als gleichaltriges Mädchen wieder, wie sich nach und nach zeigt.

Dank dieses Zeitsprungs ist auch die Großmutter wieder am Leben. Die wundersame Begegnung erlaubt dem Mädchen, nicht nur, die Mutter besser zu verstehen, sondern auch, sich von der verstorbenen Großmutter noch einmal zu verabschieden.

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Um diesen Artikel lesen zu können, würden wir Ihnen gerne die Anmeldung für unser Plus Abo zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diese anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.