Sigourney Weaver im  Eröffnungsfilm: „My Salinger Year“

© Berlinale/micro_scope

Berlinale
02/16/2020

Berlinale startet mit neuer Doppelspitze und neuen Programmen

Das Filmfestival feiert sein 70. Jubiläum mit neuem Chef-Duo und Ehrengästen wie Johnny Depp, Hillary Clinton und Helen Mirren. Österreichische Filme laufen in prominenten Nebensektionen

von Alexandra Seibel

Der Bär ist verschwunden. Auf den aktuellen Berlinale-Plakaten lässt er sich derzeit nicht mehr blicken.

Bislang war das brummige Pelztier ein prominentes Maskottchen der Berliner Filmfestspiele gewesen, die am Ende ihres Wettbewerbs bekanntlich den Goldenen und den Silbernen Bären verleihen. Doch heuer ist alles anders, denn die 70. Berlinale, die Donnerstag Abend startet, präsentiert sich mit neuer Leitung. Die langjährige Ära des Berlinale-Chef Dieter Kosslick ging zu Ende, nach 19 Jahren übergab er das Festival einem neuen Chef-Duo. Erstmals leiten der Italiener Carlo Chatrian, zuletzt künstlerischer Leiter des Filmfestivals in Locarno und bekannt als leidenschaftlicher Filmfreak, und die Niederländerin Mariette Rissenbeek die Berlinale.

Besonders in den letzten Jahren seiner Direktion musste sich Kosslick eine gehörige Portion Kritik gefallen lassen. Das Programm sei zu aufgebläht und unübersichtlich, hieß es, und zudem würden zu viele mittelmäßig bis schlechte Filme – vor allem auch im Wettbewerb – laufen.

Dementsprechend gespannt blickt die Branche auf Chatrian und Rissenbeek: Wie werden sie die Berlinale, neben Cannes und Venedig eines der wichtigsten Filmfestivals der Welt, in Zukunft aufstellen?

Neuer Wettbewerb

Auf den ersten Blick erscheinen die Umwälzungen der neuen Leitung nicht übermäßig radikal, aber einige entscheidende Änderungen gibt es doch: Die Kategorie „Außer Konkurrenz“ wurde abgeschafft – bislang gültig für jene Filme, die zwar im Rahmen des Wettbewerbs liefen, aber nicht zum Preiskampf antraten. Dabei handelte es sich meist um „Star-Filme“, die Promis nach Berlin locken sollten. Heuer laufen US-Stars wie Johnny Depp unter dem Titel „Special Galas“ über den roten Teppich, was dem Programm mehr Klarheit verschafft. Auch Kosslicks Steckenpferd, das „Kulinarische Kino“ wurde abgeschafft.

Dafür gibt es jetzt eine zweite Wettbewerbsschiene, die ChatrianEncounters“ nennt. „Encounters“ wurde als „Kontrapunkt“ zum Hauptwettbewerb eingeführt und soll Filme präsentieren, die „ästhetisch und strukturell wagemutig“ sind; dort feiert der österreichische Spielfilm „The Trouble with Being Born“ Premiere (siehe unten).

Encounters“ läuft parallel zu den zwei bereits bestehenden Berlinale-Programmschienen „Forum“ und „Panorama“, die ebenfalls eine vielfältige Filmbandbreite abdecken. Inwiefern „Encounters“ Profil annehmen kann, beziehungsweise mit diesen Sektionen in Konkurrenz tritt, wird sich zeigen.

Nicht alles verlief für die neue Führungsspitze bislang reibungslos. So stieß ihre Wahl des britischen Schauspielers Jeremy Irons zum Präsidenten der Preis-Jury auf Kritik. Irons ist zwar ein verdienter Schauspieler, hat sich in der Vergangenheit aber mit wenig fortschrittlichen Aussagen zum Thema Homo-Ehe und sexueller Übergriffe hervorgetan. Seine Berufung rief Kopfschütteln hervor.

NS-Funktionär

Zudem ist die Berlinale gezwungen, sich mit der Vergangenheit ihres früheren Festivalleiters Alfred Bauer zu beschäftigen. Bis zuletzt wurde der Alfred-Bauer-Preis verliehen; doch nun hat sich herausgestellt, dass Bauer laut der „Zeit“ ein „hochrangiger Funktionär der NS-Filmbürokratie“ gewesen ist. Die Berlinale will die Auszeichnung aussetzen und Bauers Vergangenheit mit externer Hilfe untersuchen lassen.

Aber zumindest die Goldenen Bären sind gegossen: 18 Filme kämpfen um die Trophäe, darunter Arbeiten von Sally Potter, Abel Ferrara und Christian Petzold. Ein Ehrenbär geht fix an Helen Mirren.

Und eröffnet wird mit der Romanverfilmung „My Salinger Year“, in der Sigourney Weaver („Alien“) die Agentin des Schriftstellers J. D. Salinger spielt: Erstmals nicht „Außer Konkurrenz“, sondern als „Special Gala“.

"Ein hundertprozentiger Wienfilm"

 Noch weiß man nicht genau, wie sich die neu geschaffene Berlinale-Wettbewerbsschiene „Encounters“ entwickeln wird. Aber genau das findet die österreichische Regisseurin Sandra Wollner, deren Spielfilm „The Trouble with Being Born“ in „Encounters“ seine Premiere feiert,  ganz besonders spannend: „Das ist wunderbar“, freut sich die 37-jährige Steirerin im KURIER-Gespräch: „Es ist schön und wichtig, auf einem großen Festival wie der Berlinale platziert zu werden.  Und diese neue Sektion bekommt viel Aufmerksamkeit.“

„The Trouble with Being Born“ ist Wollners zweiter Spielfilm: „Es geht um einen kindlichen Androiden in Gestalt eines jungen Mädchens und dessen Reise durch eine Welt, die ihm nichts bedeutet“, sagt Wollner. Gedreht wurde in der Wiener Großfeldsiedlung und in Niederösterreich. Doch Wollner  ist nicht nur für die Premiere ihres Films Gast der Berlinale, sondern auch im Rahmen der „Co-Pro Series“, wo Wollner das  Mystery-Serienprojekt „Snow“ („Schnee“)  gemeinsam mit Barbara Albert präsentieren wird.

Wienfilm mit Heurigen

Einen „hundertprozentigen  Wienfilm“, mit Heurigenmusik und Wienerlied, präsentieren die beiden Filmemacher Tizza Covi und Rainer Frimmel in der prominenten Schiene „Panorama“.  Ihre fast ausschließlich in Schwarz-weiß gehaltene Doku „Aufzeichnungen aus der Unterwelt“  ist „ein Sittenbild des Nachkriegs-Wien der 60er-Jahre“, erzählt Frimmel: Im Zentrum stehen der Wienerlied-Sänger Kurt Girk – der „Frank Sinatra von Ottakring“ – und sein Freund Alois Schmutzer. Beide waren wichtige Persönlichkeiten der Wiener Unterwelt und beide waren leidenschaftlicher „Stoß“-Spieler, einem illegalen Kartenspiel. „Uns geht es um das Festhalten von Dingen, die es nie wieder geben wird – wie diese Geschichten, die hier erzählt werden und ihre  Sprache“, sagt Tizza Covi.

 Eine deutsche Untertitelung des  wienerischen Dialekts für den deutschen Markt wird es nicht geben: „Das wäre demütigend für die Protagonisten gewesen.“ Da muss die englische Übersetzung  zum Verständnis reichen.

Ebenfalls im „Panorama“ zu sehen ist die österreichische Langzeit-Doku „Jetzt oder morgen“ von Lisa Weber. Über drei Jahre lang begleitete Weber ihre Protagonistin Claudia, die mit 15 einen Sohn bekam und  bei ihrer Mutter lebt. Claudias Zukunftschancen stehen auf Null,  doch Lisa Weber ist nicht nur Beobachterin: Manchmal tritt sie auch hinter der Kamera hervor und tröstet Claudia, wenn sie traurig ist.

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