Lars Eidinger spielt ausdrucksstark einen Sturmführer, der im Konzentrationslager eine Fremdsprache lernt: „Persischstunden“ 

© Berlinale/Hype Film

Kino
02/22/2020

Berlinale: Falscher Perser, echte Erinnerung

Lars Eidinger lernt persisch und weint, ein israelischer Regisseur stößt an die Grenzen seines Filmemachens.

von Alexandra Seibel

Lars Eidinger ist ein glänzender Schauspieler. Doch wenn er auf der Berlinale vor der Präsentation seines neuen Films „Persischstunden“ in Tränen ausbricht; wenn er „Hass und Missgunst“ anklagt, der „unsere Gesellschaft vergiftet“ – dann kann man ihm wohl glauben, dass es von Herzen kommt. Und nicht nur gespielt ist.

Bereits bei der Berlinale-Eröffnungsgala hatte es eine Gedenkminute für die Opfer des rassistischen Anschlags in Hanau gegeben. So richtig zum Feiern war niemandem zumute gewesen, zumal auch vor Beginn des Filmfestivals die nationalsozialistische Vergangenheit des Gründungspräsidenten Alfred Bauer bekannt geworden war.

Seit ihrem Beginn hat die Berlinale immer wieder auf ihre besondere Charaktereigenschaft des „politischen Filmfestivals“ gepocht. Der Begriff des Politischen wurde dabei in alle möglichen Richtungen zerdehnt – bis hin zur Bedeutungslosigkeit.

Denn ab wann ist ein Film „politisch“? Wenn er ein politisches Thema aufgreift? Wenn er eine radikale Ästhetik anwendet, die unsere Sehgewohnheiten aufbricht? Wenn er relevante Fragen aufwirft, mit denen wir uns auseinandersetzen müssen?

Vadim Perelmans Geschichtsfilm „Persischstunden“ greift eindeutig ein politisches Thema auf, indem er vom Überleben im Konzentrationslager erzählt. Inspiriert von wahren Ereignissen, berichtet Perelman von einem jungen, belgischen Juden, der von der SS verhaftet und ins KZ gebracht wird. In letzter Minute entgeht er der Exekution, weil er schwört, kein Jude, sondern vielmehr ein Perser namens Reza zu sein. Zufälligerweise ist einer der Offiziere im Lager brennend daran interessiert, Farsi zu lernen – und engagiert den vermeintlichen Perser als Sprachlehrer.

Lars Eidinger als Sturmführer Klaus Koch spielt seinen Nazi als pedantischen Einzelgänger, der auch unter seinen deutschen SS-Kollegen wenig Freunde hat. Reza ist gezwungen, jeden Tag neue, angeblich persische Vokabeln zu erfinden und selbst zu merken. Schließlich findet er einen Trick: Zu seinen Aufgaben gehört es, die Namen der ins Lager gebrachten Juden aufzuschreiben. Er wandelt jeden Namen in ein erfundenes „persisches“ Wort um und kann es mithilfe dieser Eselsbrücke lernen.

Fake-Sprache

Perelman ist kein sonderlich innovativer, dafür aber sorgfältiger Filmemacher, legt wert auf realistische Details und verzichtet auf unnötiges Pathos. Zudem punktet sein Drama mit nuanciertem Schauspiel. Lars Eidinger und sein „Perser“, gespielt von dem ebenfalls herausragenden Nahuel Pérez Biscayart (bekannt aus dem Aids-Aktivismus-Drama „120 BPM“), ergeben ein spannungsreiches Lehrer-Schüler- beziehungsweise Täter-Opfer-Paar.

Rezas Fake-Sprache wird zur Trägerin der Erinnerung: Obwohl die Nazis bei Kriegsende alle Listen von den Ermordeten verbrannt haben, kann Reza über 2000 Namen memorieren – dank seiner „Persischstunden“, aufgezeichnet in Perelmans eindringlichem Erinnerungsfilm.

Von der (politischen) Kunst, Fragen aufzuwerfen, spricht auch der neue Berlinale-Leiter Carlo Chatrian im Geleitwort zu seinem diesjährigen Filmprogramm: Filme seien eine Aufforderung an die Zuschauer, sich von Gewissheiten zu lösen.

Genau diesen Versuch unternimmt der israelische Filmemacher Ra’anan Alexandrowicz: In seiner Doku „The Viewing Booth“ zeigt er einer jungen Frau namens Maia Levy, Studentin an einer amerikanischen Universität, Videos aus dem Internet. Diese Filme stammen sowohl von pro-israelischen Plattformen, als auch von der Menschenrechtsorganisation B’Tselem; sie alle dokumentieren die Präsenz des israelischen Militärs in der Westbank.

Doch gerade die Filme von B’Tselem entwerfen ein kritisches Bild vom Vorgehen des Militärs gegenüber den Palästinensern: So sieht man etwa, wie maskierte Soldaten in das Haus einer Familie eindringen und die Kinder erschrecken, oder wie junge Israelis Steine auf Palästinenser werfen und die daneben stehenden Soldaten tun, als würden sie es nicht bemerken.

Alexandrowicz filmt Maia dabei, wie sie das Material anschaut und kommentiert. Die Studentin selbst bezeichnet sich als pro-israelisch und misstraut den gezeigten Aufnahmen. Natürlich fände sie es schockierend, wenn maskierte Soldaten Kinder aufwecken – aber vielleicht hatten sie einen guten Grund dazu?

Und ja, einen palästinensischen Buben zu schlagen, sei grausam – aber vielleicht gibt es eine Vorgeschichte?

Maia Levy gibt zu, dass sie all diese Bilder schockierend findet, aber ihre persönlichen Gewissheiten würden sich dadurch nicht verschieben.

Regisseur Ra’anan Alexandrowicz ist sichtlich betroffen von ihrer Abfuhr: „Ich mache meine Filme für jemanden wie Sie“, sagt er: „Ich versuche, Ihre Gewissheiten zu ändern.“ Er ist als politischer Filmemacher schmerzhaft an seine Grenzen gestoßen – zumindest bei dieser Zuschauerin.

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