© ORF/Erika Hauri

Interview
03/21/2021

"Bergdoktor" Hans Sigl: "Aufschrei der Künstler muss gehört werden“

Sigl ist erneut für die ROMY nominiert. Im Interview spricht er über Theater, heimliches "Bergdoktor“-Schauen und Nachhilfeunterricht für die Politik,

Von Gabriele Flossmann

So einen Arzt wünscht man sich. Keine Wartezeiten, Hausbesuche rund um die Uhr und Expertise auf (fast) jedem Fachgebiet.

Gerade steht er wieder vor der Kamera. Für eine neue Staffel von „Der Bergdoktor“. Dass diese Mischung aus Heimat- und Arztserie vor alpiner Bergkulisse zu einer der erfolgreichsten Fernsehserien im deutschsprachigen Raum wurde, liegt zu einem wesentlichen Teil am Hauptdarsteller: Hans Sigl.

Er legt den Dr. Gruber als einfühlsamen Patientenversteher an, der offensichtlich weniger Talent zum Frauenversteher hat. Er kann zwar Leben retten und am Berg, wie man so sagt, die richtigen Entscheidungen treffen, im Privatleben dagegen rutscht er von einem Schlamassel in den nächsten. Ungeordnete Familienverhältnisse, alte Lieb- und Feindschaften, lang gehütete Geheimnisse und natürlich jede Menge medizinischer Notfälle bestimmen seinen Alltag. In jeder Folge gibt es – als Garnierung der zu Herzen gehenden Katastrophen – auch eine gehörige Portion Humor.

Hans Sigl ist in Österreich geboren und aufgewachsen. In der Serie „Der Bergdoktor“ verkörpert er nicht nur den sympathischen Arzt Martin Gruber, sondern bringt gleich auch noch die Region am Wilden Kaiser in die heimischen Wohnzimmer. Dafür wurde Hans Sigl zum Tourismusbotschafter Tirols ernannt.

KURIER: Sie drehen gerade neue Folgen von „Der Bergdoktor“ – nachdem es vor etwa einem Jahr die Schreckensmeldung für Ihre Fans gab, dass Sie aufhören wollen. Wie kommt es, dass Sie doch wieder weitermachen?

Hans Sigl: Ich weiß nicht, wie es zu dieser Meldung kam. Aber keine Sorge … ich mache weiter.

Wenn man Schauspieler zu ihren Karrierevorstellungen interviewt, dann wird oft ein großer Unterschied zwischen Theater-, Film- und Fernsehkarrieren gemacht. Wie sehen Sie das?

Das sehe ich relativ pragmatisch. Nach meiner Schauspiel-Ausbildung bin ich durch die Theater-Schule gegangen. Zuerst am Landestheater in Innsbruck. Dort habe ich Dramen und Komödien gespielt und in Musicals getanzt und gesungen. Danach war ich in Bremen bei der „Shakespeare Company“ und habe mir die verschiedenen Farben des klassischen Theaters angeschaut. Dass ich daneben zu drehen begonnen habe, war eher ein Zufall, aber ich fand das sehr spannend. Solange eine Arbeit für mich interessant ist, bin ich gerne auf dieser Reise. Man mag es vielleicht nicht glauben, weil ich schon so lange die Fernsehserie „Der Bergdoktor“ mache, aber es gibt dabei für mich immer wieder Neues zu entdecken. Und ich kann sie ganz gut vereinbaren mit dem, was ich sonst noch so mache. Wie Lesungen oder Soloprogramme auf der Bühne. Ich mache alles, was mir Lust und Freude bereitet.

Sie stehen auch mit eigenen Kabarettprogrammen auf der Bühne. Ist das etwas, wo Sie sich mit eigenen Einsichten und Ansichten besser einbringen können als in Ihrer Rolle als Bergdoktor?

In meinen Kabarettprogrammen trete ich mit eigenen Texten auf und die reflektieren natürlich meine Sicht der Dinge und meinen Blick auf die Gesellschaft. Hingegen ist jede Filmfigur reproduzierend. Wenn man einige Jahre so eine Rolle wie den Bergdoktor spielt, dann wird auch da der Übergang fließend. Denn ich bin natürlich im ständigen Austausch mit der Produktion und der Redaktion. Wir entwickeln diese Figur gemeinsam weiter. Gerade wenn man in einer so langlebigen Serie spielt, dann wird sie – wie man im Branchen-Jargon sagt – ganz nah am Schauspieler gebaut.

Sie erreichen mit dieser Rolle ein Millionenpublikum – und es ist während der Corona-Pandemie noch gewachsen, weil Fernsehen zu den wenigen Vergnügungen gehört, die noch ohne Einschränkung möglich sind. Bekommen Sie seither auch Reaktionen von Zuschauern, die die Serie vorher noch nie gesehen haben?

Es gab Menschen, die vorher wenig Berührung mit unserer Serie hatten und mir sagten: „So etwas schaut sich meine Oma an – das muss ich nicht haben.“ Dieselben Leute haben mir dann geflüstert: „Herr Sigl, ich muss Ihnen gestehen, dass ich mir die Serie inzwischen doch ein paarmal angeschaut habe.“ Da hatte ich das Gefühl, der „Bergdoktor“ ist eine Art „Alpenporno“, den man nur heimlich anschauen darf. Diesen Leuten habe ich dann gesagt: „Sie müssen mir gar nichts gestehen. Die Serie läuft um Viertel nach acht im ZDF, so abwegig kann es also nicht sein, dass man sie auch sieht.“

Gab es auch schon Situationen, wo Sie für eine Rolle nicht in Betracht gezogen wurden, weil Sie als „Bergdoktor“ ins kollektive Produzenten-Gedächtnis eingeschrieben sind? 

Sie sprechen da etwas an, das sich in den letzten Jahren sehr verändert hat. Ich habe im Jahr 2000 eine „Daily Soap“ gedreht und bin dann wieder zurück ans Theater gegangen. Damals gab es noch das Vorurteil, dass einer, der sich auf eine Unterhaltungsserie eingelassen hat, auf einer Theaterbühne nicht mehr glaubwürdig ist.  
 
Als Sie sich 2008 auf den „Bergdoktor“ einließen, gab es da auch noch diese Vorurteile und Bedenken gegenüber TV-Serien?

Spätestens seit „House of Cards“ und den großen Erfolgen von Netflix ist es geradezu schick geworden, Serien zu machen. Seither kommen dieselben Kollegen auf mich zu, die vorher meinten: „Wie kannst du nur so was machen?“ und sagen: „Es ist sicher spannend, wenn man eine Figur über einen so langen Zeitraum entwickeln kann!“  Inzwischen trauen Produzenten und Publikum einem Serienstar auch einen Rollenwechsel zu.  Nach dem „Bergdoktor“-Winterspecial, welches ich gerade drehe, mache ich einen Thriller. Den zweiten Teil von „Flucht durchs Höllental“.  
 
Haben Sie vor, die große Popularität politisch umzusetzen –  um die Anliegen von Künstlern in Zeiten von Corona zu unterstützen?

Zu diesem Thema hatte ich einen regen Gedankenaustausch mit Michael Niavarani via Instagram. Ich unterstütze die Kollegen gern, obwohl ich von diesen Maßnahmen nicht direkt betroffen bin. Denn letztendlich ist es ja so, dass diese Schräglage zwischen Kultur und Politik schon zumindest die letzten zwanzig Jahre existiert. Es wäre zu einfach gedacht, wenn man die prekäre Lage von Künstlern nur auf den Corona-Lockdown schieben würde. Wenn Theater wie die Josefstadt, das Burgtheater, die Staatsoper Hygienekonzepte haben, die funktionieren, dann bitte muss der Aufschrei der Künstler gehört werden. Da unterstütze ich die Kollegen gern.
 
Sehen Sie den kulturellen Lockdown als äußeres Zeichen dafür, dass die gesellschaftspolitische Rolle der Kultur nicht entsprechend wahrgenommen wird?

Man muss der Politik da eine – vielleicht unbeabsichtigte – Sorglosigkeit oder Blindheit unterstellen. Die Regierungen in Deutschland und Österreich raufen sich gerade durch die Organisation von Impfungen und Schnelltests. Manchmal hat man den Eindruck, Kultur ist offenbar nur beim offiziellen Schaulaufen in Salzburg oder Bayreuth wichtig – wenn gerade Festspiele stattfinden. Diese Gelegenheit sich „aufzurüscherln“ wird dann wieder gerne wahrgenommen. Wenn sich die Politiker in dem Spiegel, den ihnen die Kultur vorhält, nicht erkennen wollen, dann müssen wir Nachhilfeunterricht geben.   
 
Sie sind dieses Jahr einmal mehr für die ROMY als beliebtester Serienstar nominiert – und Sie haben auch schon einige dieser Trophäen gewonnen.

Ich habe bisher drei Romys gewonnen und die stehen bei mir daheim. Ich bin glücklich, wenn ich sie anschaue. Und ich würde mich freuen, wenn ich bald zu Hause ein Quartett haben könnte. Die Romy ist ein Publikumspreis – noch dazu ein österreichischer – und daher etwas Besonderes für mich. Aber ich gönne auch meinen Kollegen Juergen Maurer, Michael Ostrowski und Laurence Rupp die Romy zu gewinnen. Vielleicht können wir sie ja aufteilen.

 

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Um diesen Artikel lesen zu können, würden wir Ihnen gerne die Anmeldung für unser Plus Abo zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diese anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.