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Kritik
10/02/2019

Britten-Premiere in der Staatsoper: Keine Freud' an Sommernachtstraumdeutung

Der "Midsummer Night's Dream" in der Regie von Irina Brook setzt auf die Fantasie des Publikums, einen umjubelten Puck-Darsteller und musikalische Hochwertigkeit.

von Georg Leyrer

Unruhig schläft manch’ Bühnenfreund, wenn ihm auf selbiger zu viel zugemutet wird. „Regietheater“ flüsternd, kalt verschwitzt, schreckt er hoch aus einer Fantasie von SS-Uniformen und Maschinengewehren.

Aber nicht in dieser herbstlichen Sommernacht!  Ein wohlig-warmer WunscherfĂĽllungstraum, eine nokturne Wappnung gegen die Zumutungen des Regiezugriffs ist die Neuproduktion der Wiener Staatsoper von Benjamin Brittens „A Midsummer Night’s Dream“. Handgemachtes Theater, murmelt man,  ein Traum von BĂĽhnenzauber,  rĂĽckt man den Polster zurecht, so wie es gehört, denkt man sich noch. Und fällt dann in eine Fantasie von Shakespeare-Authentizität  im EinheitsbĂĽhnenbild.

Regisseurin Irina Brook inszeniert Shakespeare mit Britten, nicht umgekehrt. Auf die Bühne kommt – erstmals seit 55 Jahren – die schlaue Reader’s-Digest-Version, die der Brite zum Libretto machte. Und die fächert das Spiel um Liebeszauber und Feenreich, um Theater im Theater und Randgebiete des Rationalen so auf, dass sich die eigentlich förderliche „Sommernachtstraum“-Verwirrung in ein superbekömmliches Spiel rund um Traum und Theater auflöst.

Die Schlange schlängelt

Und die Staatsoper sich in eine Kammeroper verwandelt. Der große Bühnenapparat, er darf auch träumen. Der Raum – an den Wänden erobert gerade die Natur den Kulturbau wieder – bleibt über die dreistündige Aufführungsdauer nahezu unverändert. Nichts soll vom rund ablaufenden Spieltheater ablenken: Feenkinder huschen über die Bühne, eine Schlange wird von zwei Puppenspielern zum Schlängeln gebracht, die zauberhaft verwirrten Liebespärchen streiten in Schuluniform.

Und Puck tänzelt, klettert, purzelt in eindringlicher Peter-Pan-Manier durch die Szenerie. Der Akrobat Théo Touvet entfaltet das Bild, das man schon immer von dieser Figur hatte, in einen besonderen Bühnenzauber hinein.

Einmal zieht er, in einem mannshohen Metallreifen, seine Akrobatenkreise ĂĽber die BĂĽhne, und hier stellt sich jener Zauber ein, den die Szenerie anstrebt.

Wie weit sie den sonst erreicht, das hängt vom Besucher ab.  Denn Brook hat keine Freud’ an der Sommernachtstraum-Deutung, sie will das Werk in keine Interpretation zwängen. Lieber erzählt sie, mit sichtlich viel Liebe und Begeisterung, dem Publikum von einer Nacht, bei der wie bei allen Märchen allerlei dunkle Emotion am Rand lauert.  Aber so, wie man von so etwas der Mama erzählen wĂĽrde. Stell dir vor, ich hab von einem Eselmenschen geträumt. Dass der im Traum mit der Saugglocke auf den Hintern zielte, das erzählt man lieber nicht.

Randgebiete

Von all diesen Rand- und Feuchtgebieten weiĂź die Musik, und unter Dirigentin Simone Young berichtet sie davon. Aus dem Graben werden Ebenen unter und ĂĽber das BĂĽhnengeschehen gezogen, die  das  Sein und nicht nur den Schein akzentuieren. Nicht jede Ausdifferenzierung wird dabei erreicht, aber insbesondere die Kinderstimmen werden aus dem Graben auf Händen getragen, und dem Britten-Tonfall nähert man sich auf respektable Weise.  DafĂĽr viel Jubel.

So auch fĂĽr die Sänger, und hier gibt es kaum Einwände: Counter Lawrence Zazzo beeindruckte als Oberon, Valentina Nafornita und Rachel Frenkel  gaben der Helene und der Hermia jugendliche Emotion und stimmliches VergnĂĽgen.  Der junge Tenor Josh Lovell lieĂź als Lysander aufhorchen, Rafael Fingerlos als Demetrius komplettierte geglĂĽckt das verzauberte Quartett.

Eine Freude auch Peter Rose als Bottom, der sich der Eselslaute nicht erwehren kann – und dann als Zettel vergnüglicher Teil des finalen Handwerker-Theaters-im-Theater ist. Das, hier dann doch wieder ein Einwand, würde so gerne aus dem feinen Outrieren Witz destillieren, es geht ihm aber immer wieder die Luft aus. Der Super-Mario-Look kratzt an der unfairen Klassenpersiflage, Zettel hat eine Klobrille umgehängt, die Thisbe ist eine Frauen-Knallcharge, die Wand kriegt einen Klaps auf den Po, naja.

Hier wird das Lächeln, das einem die Produktion entgegenhält, besonders auffordernd:  Alle wissen, dass sie sĂĽĂź sind und hier gerade ein Publikumshit präsentiert wird, und das Lächeln wird so lange gehalten, bis man mitlächelt oder die Wangen schmerzen.

Gemeinsam einsam

Der Test dieses Sommernachtstraums – den jeder fĂĽr sich selber träumen muss, oder darf – ist vielleicht weniger, zu welch tiefschĂĽrfenden Gedanken man sich dabei motivieren kann. Sondern wie weit man sich noch verzaubern lassen will, kann, vom Theater. 

Am Schluss entschuldigt sich der Puck – falls die Geister, die da über die Bühne huschten, Anstoß erregt hätten. Aber womit? Es gab ungeteilte Zustimmung.

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