Belvedere mit adaptierter Dauerausstel­lung

"Der Kuss" wurde neu arrangiert, 120 Werke aus dem Depot geholt und in einer Epochen- und nationenübergreifende Reihung präsentiert.

Wer viel besitzt, zeigt nicht alles: Nicht anders ergeht es dem Wiener Belvedere, dessen Bestände mehrere Tausend Objekte umfassen, von denen nur ein kleiner Ausschnitt dauerhaft präsentiert werden kann. Am Dienstag wurde von Direktorin Agnes Husslein-Arco nun die lange geplante Neukonzeption der Dauerausstellung vorgestellt, die unter dem Titel "544 Meisterwerke neu entdecken" einen anderen Blick auf die Sammlung wirft und althergebrachte Präsentationsschemata über den Haufen wirft. 120 Kunstwerke sind dabei dem Schatten des Depots entronnen und präsentieren sich nun wieder den Augen der Öffentlichkeit - gekennzeichnet durch eine rote Markierung im Begleittext. Ein zentrales Merkmal des neuen Belvedere ist der vermehrte Einsatz von Skulpturen. So wird der Besucher bereits auf der restaurierten Prunkstiege von Anton Hanaks ausgemergeltem "Letzter Mensch" neben Aristide Mallols draller "Gefesselte Aktion" empfangen. Franz Xaver Messerschmidts legendäre Studienköpfe stehen nun im Zwölferrund im nordöstlichen Oktogon. Grundsätzlich versucht man bei der neuen Aufstellung vom "Gänsemarsch" der Epochen hin zu einer epochenübergreifenden Präsentation zu kommen, die Entwicklungen und Übergänge aufzeigt. "Ganz wichtig war für uns bei der Neuaufstellung, eingefahrene Grenzen zu überschreiten", so Kuratorin Katharina Lovecky. So macht man mit der Neupräsentation der Egon-Schiele-Bestände im Belvedere beinahe dem Leopold Museum Konkurrenz. In der ersten Etage ist dem Frühwerk des Malers ein eigener Raum gewidmet, vom sinnierenden "Victor-Henri Marquise de Rochefort-Lucary" von Auguste Rodin beäugt. "Egon Schiele und seine Zeit" findet sich hingegen im Erdgeschoß des Barockschlosses, wo dem Spätwerk Arbeiten wie Herbert Boeckls "Springendes Pferd" - als Bronzeskulptur und als Stillleben - gegenübergestellt sind. Dabei achtet man auch auf supranationale Anordnung der Gemälde. "Der Nationalitätsbegriff ist letztlich aufgebrochen", umreißt Kurator Alexander Klee das Konzept. Dem Hausgott Gustav Klimt bleibt allerdings nach wie vor viel Raum im Belvedere. So findet sich im größten Saal des Hauses "Der Kuss" auf einer neuen, roten Stellwand und begegnet dem Besucher somit auf Augenhöhe. Weshalb auf der anderen Seite des Paravents das unbedeutendere Werk "Josef Lewinksy als Carlos in Clawigo" hängt, bleibt hingegen rätselhaft. Im Raum "Symbolismus" ist nun wieder Max Klingers frischrenoviertes Monumentalwerk "Das Urteil des Paris" aus 1887 in ganzer Pracht zu bewundern, während Hans Canons skurrile "Putti beim Eisenbahnbau" aus 1876 den Raum "Ringstraßenzeit" bereichern. Unter dem Stichwort "Abstraktion" sind nun so unterschiedliche Künstler wie Friedensreich Hundertwasser, Carry Hauser oder Fernand Leger versammelt, während im Bereich der "Kunst im Exil" der Einfluss der Emigrierten in ihren jeweiligen Gastländern stärker in den Fokus gerückt wird, wie Kurator Harald Krejci erläutert. Als Novum ist der Neuen Sachlichkeit ein eigener Raum gewidmet, in dem sich Franz Sedlacek, Rudolf Wacker oder Albin Egger-Lienz finden. Die Neuaufstellung ist Endpunkt der Husslein'schen Umgestaltung, die unter anderem auch die Zusammenführung aller Bestände im Oberen Belvedere sowie dessen Restaurierung und klimatechnische Adaptierung beinhaltete, für die allein 2,8 Mio. Euro investiert wurden. Von Beginn ihrer Amtszeit an sei ihr Ziel gewesen, österreichische Kunst im internationalen Kontext zu zeigen, unterstrich Husslein-Arco beim Festakt zur Eröffnung am Dienstag. Die historische Struktur des Belvedere habe bei der Neugestaltung den Rahmen für die Schau vorgegeben: "Ein Schloss ist naturgemäß kein Museumsbau. Deshalb finden sie bei uns auch keinen Rundgang vor, sondern einen Parcours, der der Form einer Schleife folgt, aber für uns am Ende ein sehr überzeugendes Paket schnürt." Dass die gesamte Umgestaltung bei laufendem Betrieb bewerkstelligt wurde, erfreue sie besonders, so Husslein-Arco. Auch Kulturministerin Claudia Schmied (S) zeigte sich entsprechend beeindruckt: "Die Neupräsentation ist ein Vorbild für die Möglichkeiten der Bewegung in bestehendem Rahmen."

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(apa / moe) Erstellt am
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