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Kritik
01/14/2020

Bejubelte Klassik-Highlights: Muti und Gergiev in Wien

Drei Kritiken: Fabelhafte Auftritte mit dem Chicago Symphony und den Wiener Philharmonikern.

von Peter Jarolin

Kaum ein Dirigent hat sich im Laufe seiner langen, erfolgreichen Karriere so sehr mit Giuseppe Verdis „Messa da Requiem“ auseinandergesetzt, wie Riccardo Muti. Für den neapolitanischen Maestro ist dieses Requiem eine absolute Herzensangelegenheit – dies war auch bei Mutis Gastspiel mit dem Chicago Symphony Orchestra im Musikverein zu erleben.

Denn das fabelhafte – was für hinreißende Einzelleistungen an allen Pulten – Chicago Symphony und Riccardo Muti sind künstlerisch ein Herz und eine Seele, da stimmt jedes Detail, jede Nuance, jeder Ton. Muti nähert sich Verdis Meisterwerk immer mehr über den Text, inszeniert ein großes Klanggemälde, das aber niemals ins Plakative, ins rein Effektvolle abgleitet. Vielmehr hält Muti eine grandiose Zwiesprache mit dem Sein und dem Jenseits-Sein, changiert perfekt zwischen opernhaften Sequenzen („Dies irae“) und einer betörend-fragilen, fragenden (etwa im „Libera me“) Gestaltung. Alle Facetten, die Verdi haben wollte, sind bei Muti erlebbar, existenziell erfahrbar. Und das Symphony Orchestra kann mit Muti einmal mehr zeigen, dass es zu den besten Orchestern der Welt zählt.

Auch dank des exzellenten, zu vielen vokalen Farben fähigen Singvereins der Gesellschaft der Musikfreunde (Leitung: Johannes Prinz) sowie eines tadellosen Solistenquartetts. Innig und eindringlich agierten da Krassimira Stoyanova (Sopran), Daniela Barcellona (Alt), Francesco Meli (Tenor) und Riccardo Zanellato (Bass) – viel besser lässt sich dieses „Requiem“ nicht interpretieren. Ovationen!

Eintauchen in die russische Seele: Valery Gergiev und die Wiener Philharmoniker

 Es gibt  Dirigenten, deren künstlerisches Arbeitspensum  kaum  zu  fassen  ist. Valery Gergiev  zählt zu ihnen. Denn es ist keineswegs selbstverständlich, dass Gergiev neben einer Spielserie von Richard WagnersLohengrin“ (Reprisen: 16. und  19. Jänner) an der Wiener Staatsoper  auch noch in den Abonnementkonzerten der Wiener Philharmoniker im Goldenen Saal des Musikvereins  zu brillieren vermag.

Und zwar mit einem rein russischen Programm, das alle Tugenden des Orchesters ideal zur Geltung brachte. Peter Iljitsch Tschaikowskys nur selten gespielte, aber hinreißende erste Symphonie in G-Moll hatten Gergiev und die Wiener am Wochenende parat. Und diese „Winterträume“ (so der Beiname der Symphonie)  ließen das Publikum auch wirklich träumen.

Sehr  sensibel, mit zartem und – wenn gefordert  – auch  dramatischem Pinselstrich zeichneten Dirigent und Orchester die von Tschaikowsky intendierten Winter- und Nebellandschaften. Herrlich austariert geriet da etwa das Adagio cantabile des zweiten Satzes; mit Zug zum Tor realisierten die Damen und Herren am Podium das mächtige Finale. Gergiev gewährte dabei tiefe, wundervolle Einblicke in die russische Seele. So geht Tschaikowsky!

Nicht minder eindrucksvoll nach der Pause die symphonische Suite „Scheherazade“ aus der Feder von Nikolai Rimskij-Korsakow.  Wie Gergiev und die feinsinnig agierenden  Wiener Philharmoniker – nicht nur Konzertmeisterin Albena Danailova verdient für ihre tollen Soli ein Sonderlob – diese  melodischen Erzählungen aus „Tausend und einer Nacht“  realisierten, war beeindruckend.

Kleinere Irritationen hin oder her: Diese Interpretation war betörend schön, tiefgründig, von großer Eleganz und packenden Effekten getragen. Das Publikum jubelte zurecht.

Hohelied der vollendeten Schönheit: Riccardo Muti und Chicago Symphony vom Samstag

Das gibt es wohl wirklich nur in Wien. Zwei Stunden nach Valery Gergiev (der übrigens wie auch Ausnahmepianist Rudolf Buchbinder im Publikum saß) stand mit Riccardo Muti der nächste Stardirigent im Goldenen Saal am Pult „seines“ Chicago Symphony Orchestra.

Denn der neapolitanische Maestro befindet sich mit den Damen und Herren aus Chicago auf einer  Europa-Tournee, die ihn selbstverständlich auch nach Wien (heute, Montag, und morgen, Dienstag, steht etwa das Verdi-„Requiem“ an) führt.  Und Muti wäre nicht Muti würde nicht auch er alle Vorzüge seines Klangkörpers ausloten.

Schon zum Auftakt bei Richard Wagners Ouvertüre zur Oper „Der fliegende Holländer“ war eindrucksvoll zu erleben,  über welch herrlichen Bläserapparat das Chicago Symphony Orchestra verfügt. Schlicht perfekt erklang da das Holländer-Motiv; die bedrohlichen Urgewalten wie auch die  finale Erlösung des   zur ewigen Fahrt verdammten Holländers waren plastisch erfahrbar.

Ebenso packend: Mutis vollendet schöne, dennoch  auch immer wieder die Abgründe betonende Interpretation der Symphonie „Mathis der Maler“, der Paul Hindemith so  aufregende Melodien verliehen hat. Wie aus einem Guss und in perfekter Harmonie erstand  auch  dieses sehr opernhafte Werk. Tadellos die Streicher, markant wieder die  Bläser.

Ein Ereignis auch die dritte Symphonie von Sergej Prokofjew. Grandios huldigten Muti und das fabelhafte Orchester hier einem pandämonischen Ideal der Schönheit. Für die Ovationen dankten Muti und die Musiker mit einer Zugabe von Skrjabin.