Kultur
27.02.2018

Bei den Kanalhasen im alten Wien

Die Sozialreportagen des vergessenen Journalisten und Politikers Max Winter sind zu entdecken.

Der Max-Winter-Platz in der Wiener Leopoldstadt mit dem großen Spielplatz und der Schule soll an ihn erinnern. Das Grab auf dem Matzleinsdorfer Friedhof soll an ihn erinnern, der Stein hat die Inschrift:

"Sein Wort sprach für Freiheit und Recht.Seine Feder diente den Verkannten und Enterbten.Sein Herz aber schlug für die Kinder."

Aber man erinnert sich nicht. Wenn schon, klingelt es beim Namen Egon Erwin Kisch. Der rasende Reporter.

Bei Max Winter klingelt nichts. Dramatiker Botho Strauß würde ihn deshalb einen "wahren Obdachlosen" nennen.

Winter war – wenn man so will – der Günter Wallraff im Wien der Jahre 1900 bis 1930. Einerseits schieb er 1500 Reportagen. Sozialreportagen für die Arbeiter Zeitung. Manchmal verkleidete er sich, um bei den Recherchieren nicht ungut aufzufallen. Andererseits war er Politiker, ausgezeichnet als "Bürger von Wien", zuletzt Vizebürgermeister der Stadt.

Missstände, die er als Journalist bekannt machte, versuchte er abzuschaffen. Er organisierte Demonstrationen, baute die Kinderfreunde-Bewegung aus, als Präsident der Sozialistischen Erziehungs-Internationale ließ er in ganz Österreich Kinderbibliotheken einrichten.

Expeditionen

Nach dem Verbot der Sozialdemokratischen Partei verließ er Wien, kam nach New York, trat 1934 in der Carnegie Hall auf und nannte in seiner Rede Dollfuß einen "Arbeitermörder".

Ein Diplomat machte Meldung – der Ehrenbürger wurde in Österreich ausgebürgert. Verarmt und einsam starb Max Winter 1937 in Hollywood.

Der Wiener Picus Verlag ehrt ihn mit dem Buch "Expeditionen ins dunkle Wien" . 17 Reportagen wurden ausgewählt. Ein Champagnerlokal in der Kärntnerstraße ist ebenso vertreten wie das Obdachlosenasyl. Man kommt Max Winter nahe. Er könnte zum Freund, zum Vorbild werden.

Man kommt dem Magen Wiens nahe, 1902 ... In der Dreieichenstraße, 15. Bezirk, stieg der Journalist in den Kanal. Ein Strotter, der "Specklmoriz", führte ihn

Strotten heißt: Verwertbares suchen. 50 Männer waren täglich unterwegs. Sie pflückten Champignons von der Wand unter der Schwendergasse und hielten ihre Hände ins Wasser, gingen mit der Strömung, fischten Nägel, Löffel,Münzen.

"Jetzt kommt ein Messer!" Vorsichtig wurde es geborgen, in die Mauer gesteckt. So war es Brauch, damit sich kein Strotter mehr schneiden konnte. Eine Blutvergiftung kann man sich unten schnell holen.

Knochensammler

Und sogar hier bei den Elendsten gab es eine Hierarchie. Die Allerletzten sammelten Knochen. Ins Klo geworfene Essensreste oder die Skeletette der Kanalhasen, wie man die Wiener Ratten nannte.

Ein Sack mit 60 Kilo Knochen (für Leim, Seife, Dünger) brachte einen Gulden. Ein Gulden hatte die heutige Kaufkraft von etwa 13 Euro.

Die bessere Zigarette der Marke Sport nahm Drama-Raucher "Specklmoriz" nicht von Max Winter: "I bitt’ Ihna, da herunt is do all’s ans. Es is nur, dass mir an andern Gruch in d’ Nasen kriagt."

Die Ausbeute eines Kanaltages: 12 Kreuzer und 1 Heller. Damit konnte man fast einen Liter Milch kaufen.

Max Winter: "Expeditionen ins dunkelste Wien" Herausgegeben von Hannes Haas. Picus Verlag. 282 Seiten. 26 Euro