Herr, Diener und die Welt dazwischen: Ofczarek (links) als Hamm, Maertens als Clov

© /Burgtheater/Bernd Uhlig

akademietheater
09/05/2016

Beckett-Premiere in Wien: Rückspiel für das "Endspiel"

Nicholas Ofczarek und Michael Maertens in unerbittlicher Umarmung als Hamm und Clov.

von Georg Leyrer

Wien-Premiere.Es sind eigenartige Tage, in denen wir vor etwas übergehen, das vor kurzem Mangelware war: vor Gewissheit. Es sind plötzlich alle unheimlich gewiss, wer Schuld hat, wer die Lösung hat, wer gut ist und wer böse und wer weggehört.

Wir gehen mit Unsicherheit hausieren und sind uns sicher – gegen andere.

Es gibt für diese Maladie kein besseres Gegengift als Beckett. Seine Texte sind eine eiskalte Dusche für die aus Gewissheit heraus Hassenden, für die Weltversteher und all jene, die glauben, sie wissen, wo es langgeht.

Man wird bei Beckett zurückgestoßen in das Ungewisse; es hält: nichts, man weiß: nichts, und plötzlich läuft jede Meinung ins Leere.

Das lässt Aufatmen. Was für ein Labsal also das "Endspiel" im Akademietheater.

Seit Sonntag ist nun auch in Wien zu sehen, was bei den Salzburger Festspielen viele begeisterte: Nicholas Ofczarek und Michael Maertens in unerbittlicher Umarmung als Hamm und Clov.

Hinunter

Ein Meister-Diener-Duo, das jede Form der emotionalen Abhängigkeit durchspielt. Das auch zeigt, wie viel Macht der Untertan hat. Das hinunterschielt in das vom Klebstoff der (abhanden gekommenen) Gesellschaft befreite Menschsein, und das, was von uns übrig bleibt, wenn am Ende noch nicht Schluss ist. Ein triumphal aufspielendes Duo, das noch dazu, auf von Regisseur Dieter Dorn gut eingefangene Art, mit Lust und Lustigkeit auf diese Abgründe des Restmenschlichen zugeht. Maertens als steiffüßiger Diener, Ziehsohn, Masochist humpelt durch den Holzverschlag, der die Welt von Hamm und Clov begrenzt und anfangs gefährlich nahe an das Publikum heranrückt. Er schiebt Hamm ("scharf an der Wand entlang!"), er schluckt und schreit und bringt und holt herbei. Er steigt mit der Drohung, Hamm zu verlassen, hinab in den Abgrund und kommt auf Pfeifenton wieder hervor. Und schaut durch schmale Luken in die Welt hinaus, bei einem Fenster: Erde, beim anderen: Wasser.

Erzähl es noch mal

Ofczareks Hamm, die blutenden Augenhöhlen hinter einer Sonnenbrille versteckt, hat alles gesehen und alles beherrscht und spielt noch einmal den Mächtigen. Er erzählt sich selbst noch einmal vom Geschichtenerzählen, er drangsaliert Clov, er hangelt sich noch einmal an den Vorwürfen gegen seine Eltern (in kleinen Rollen groß: Joachim Bißmeier und Barbara Petritsch) entlang. Die Eltern wohnen im Mistkübel.

Es sind auch Tage, an denen man durchaus noch einen Schritt zurückgehen kann, sich fragen: Was war das noch mal gleich mit diesem Theater? Warum haben wir das schon so lange gemacht, was haben wir einander da eigentlich erzählt?

Dorn antwortet: Spielen wir noch ein Mal. Er ist einem Werk treu, das selbst allem untreu ist. Dorn nimmt Becketts Text wahr wie einen Code, den man im Detail zum Laufen bringen muss, es ist eine Aufführung, die bei sich ist, weil alles andere wankt. Überraschend? Nein, Theater. Und über das Theater hinaus: Endlich wieder Fragen, keine Antworten.