Kultur
05.12.2011

Bachmannpreis: Tag der Österreicherinnen

Maja Haderlap erntete beim Klagenfurter Wettlesen ebenso viel Lob wie Julya Rabinovich. Das Niveau ist am zweiten Tag deutlich gestiegen.

Der zweite Tag beim Wettlesen um den 35. Ingeborg-Bachmann-Preis im Klagenfurter ORF-Theater stand am Vormittag ganz im Zeichen der beiden österreichischen Autorinnen Maja Haderlap und Julya Rabinowich. Beide ernteten viel, wenn auch nicht einhelliges Lob. Zuvor hatte der in der Schweiz geborene und in Berlin lebende Linus Reichlin mit einem Romanauszug die Zuhörer nach Afghanistan entführt.

"Weltgegend" spielt in Afghanistan, Hauptfigur ist ein deutscher Arzt, der knapp vor dem Abschluss seines Einsatzes bei den deutschen NATO-Truppen in einen Zwischenfall verwickelt wird. Der Mediziner überlebt einen Bombenanschlag auf das Transportfahrzeug, in dem er gesessen war. Danach schießt er, weil er zwei Männer zu sehen glaubt, und trifft eine Frau. Danach versucht er sich einzureden, dass dies nur eine Halluzination gewesen sei, kommt aber zu dem Schluss, dass er tatsächlich geschossen hatte und will in dieses Dorf zurückfahren.

Für Hubert Winkels gehört ein gewisser Mut dazu, sich so ein Thema zu wählen. Der Stoffreichtum vor Ort, der hierzulande nur imaginiert werden könne, sei in der Geschichte nicht spürbar. "Es wirkt für mich ein bisschen wie ein Film, ein Fernsehfilm mit einem kleinen Budget." Alain Claude Sulzer befand, es sei "in ganz klarer Sprache geschrieben" und bleibe deutlich bei der Sache. Paul Jandl sah eine Kolportage, in der metaphorische Leerstellen offen blieben. Dies war Daniela Strigl wieder "zu streng", es sei eine Geschichte, der man "durchaus gerne folgt", aber "es schwebt nichts zwischen den Zeilen". Meike Feßmann, die Reichlin vorgeschlagen hatte, fand, es handle sich um eine ausgezeichnete Schilderung des "neuen Krieges", wie er in Afghanistan geführt werde. Hildegard Keller fand die Idee ganz gut, die Figur aber nicht gut genug ausgearbeitet.

Haderlap beschreibt in ihrem autobiografisch geprägten Text "Im Kessel" einen Ausflug mit ihrem Vater, mit dem sie als junges Mädchen in den Wald fährt. In die Erzählung eingebettet ist - die Autorin stammt aus dem Südkärntner Ort Bad Eisenkappel - die Vergangenheit des Ortes, der slowenischen Volksgruppe, der sie angehört und damit auch die Nazizeit und der Partisanenkampf der Slowenen. Der Roman, aus dem der Text stammt, wird noch im Juli veröffentlicht. In Erzählungen der Elterngeneration werden bruchstückhaft Szenen aus dem Widerstandskampf eingeflochten, unaufdringlich, aber intensiv.

Geburt eines Romans

Hildegard Keller lobte den "unerhört langsamen Rhythmus", er sei sehr eindrücklich, ruhig und unspektakulär, der in die Tiefe führe, aus der ein Roman geboren wird. Sulzer nannte den Text "makellos". Jandl betonte, der Text versuche, Begehungen an dieser Grenze nachvollziehbar zu machen und lobte die "ganz präzise gearbeiteten Bilder". Feßmann meinte, sie habe durchaus Respekt vor diesem Text, würde ihn aber doch "etwas tiefer ansetzen". Strigl betonte, der Wald eröffne mit einer großartigen Schlichtheit einen Geschichtsraum, er habe am Schluss auch das letzte Wort. "Das ist für mich ein Idealfall von Literatur, die sich mit der Geschichte beschäftigt." Der Text sei poetisch und tiefgründig. Winkels zeigte sich angetan, übte aber auch Kritik. Burkhard Spinnen stieß sich an der zu raschen Entwicklung der Romanfigur, der letzte Satz sei aber "ungeheuer schwer".

Völlig konträr präsentierte sich die Erzählung "Erdfresserin" von Julya Rabinowich. Sie erzählt die Geschichte einer jungen Frau, die ihre Familie verlassen musste, um als Prostituierte Geld zu verdienen. Sie lebt mit einem kranken Mann in dessen Wohnung, den sie eigentlich nicht ausstehen kann, dessen Post sie zensuriert. Das trostlose Ambiente wird detailreich beschrieben, ebenso die Nachbarn, die - in den Augen der Protagonistin - provokant bei offenen Vorhängen miteinander schlafen. Das verärgert die Frau so, dass sie schließlich einen Dartpfeil nach ihr wirft und sie an der Schulter trifft.

Winkels sah die Protagonistin als mehrfach mythologische Figur, von der Erdgöttin bis zur Schwarzen Witwe. Es gebe aber zu viele heterogene Momente. Strigl konzedierte dem Text ihrer Autorin eine "sensationelle Sinnlichkeit". Jandl meinte, der Text sei deshalb so einfach, weil jeder sich aus der Vielzahl der Motive das Passende aussuchen könne. Als Story und als Plot fand Spinnen das "eigentlich toll", aber die Sache sei so wahnsinnig hochinstrumentiert, dass man sich nicht auf die Details einlassen könne. Feßmann nannte es einen "Ekeltext".

Sehr viel Lob für Nina Bußmanns "Große Ferien"

Mit dem Text "Große Ferien" von Nina Bußmann ging es am Nachmittag weiter. Die deutsche Autorin erzählt die Geschichte eines alternden Lehrers, der nach Jahrzehnten des Unterrichtens nun mit seiner Freizeit nichts anzufangen weiß. Erst allmählich schält sich heraus, dass der Protagonist nicht ganz freiwillig die Schule verlassen hat.

Er hatte die Hand gegen einen Schüler erhoben, mit dem er zuvor über längere Zeit ein ungewöhnliches Naheverhältnis gepflegt hatte, allerdings war dies vom Schüler ausgegangen. Was es mit diesem Naheverhältnis auf sich hatte, bleibt allerdings verborgen, ebenso ob er nun tatsächlich Gewalt gegen den Jugendlichen ausgeübt hatte.

Meike Feßmann bezeichnete den Text als "sehr genau gearbeitet". Hubert Winkels zeigte sich angetan, vor allem, weil man konsequent im Unklaren gelassen werde. Alain Claude Sulzer hatte "ein paar Probleme mit dem Text". Burkhard Spinnen sah "eine Reihe von Klischees", was auch am Ambiente der Schule liege. Der Text verfalle aber nicht in das Ausmalen von Klischees. Es gehe um die Frage, ob nicht etwas geschehen könnte, was eine sehr zeitgenössische Problematik sei. Für Daniela Strigl zeigt die Geschichte "sehr schön, wie das Opfer zum Täter wird", die Ansammlung von Klischees berge aber auch Gefahren. Großes Lob kam naturgemäß von Paul Jandl, der Bußmann vorgeschlagen hatte.

Steffen Popp führte abschließend mit "Spur einer Dorfgeschichte" in ein Dorf in Ostdeutschland, eine Gruppe von Menschen macht in gewisser Weise eine Bestandsaufnahme der Ortschaft. Es gibt Bezüge auf DDR-Produkte, Exkurse in das moderne Management-Deutsch, der Text ist in einer Reihe von Momentaufnahmen montiert, die teilweise schwer zueinander in Bezug zu setzen sind.

Winkels sah ein "Halbfertigprodukt", das sich als vollständig präsentiert, "und das ist nicht fertig". Der Text bleibe absichtsvoll unfertig. Sulzer meinte, seine Befürchtungen beim Lesen hätten sich beim Vortrag bestätigt, allerdings werde oft "Erhabenheit nur simuliert". Hildegard Keller stellte "einen ganz großen Eigensinn" im Text fest, aber: "Mir sagt der Text nirgends, was ihn trägt." Feßmann, die Popp vorgeschlagen hat, zeigte sich empört über die Bezeichnung "Halbfertigprodukt" für einen derart dichten Text mit "unglaublich poetischen Bildern". Spinnen stimmte zu und meinte, der Text könne weitergehen und weitergehen, wenn da nicht die Frage wäre: "Wohin?" Jandl fand, beim öfteren Lesen hätten sich immer wieder neue Dinge erschlossen. Strigl war froh über einen "anderen Ton", der hier Platz gefunden habe.